25 Jahre nach GeiseldramaDas Trauma von Gladbeck

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Der Fluchtwagen der Geiselnehmer (rechts) wurde von dem Mercedes der Polizei auf der Autobahn A3 bei Bad Honnef gestoppt.
Der Fluchtwagen der Geiselnehmer (rechts) wurde von dem Mercedes der Polizei auf der Autobahn A3 bei Bad Honnef gestoppt. (Foto: dpa)

Das Verbrechen ist zum Trauma und zum Zweitnamen der nordrhein-westfälischen Stadt Gladbeck geworden. Immer wieder wurde nach dem Geiseldrama vor 25 Jahren an die Opfer erinnert. Doch diesmal überschneidet sich das Gedenken mit dem Bestreben eines Täters, aus dem Gefängnis freizukommen.

Von Bernd Dörries, Gladbeck

Es gibt nichts, was an damals erinnert, und selbst die Leute erinnern sich nicht. Der Taxifahrer sagt, die Deutsche Bank, die sei hier drin gewesen, dort, wo jetzt das Solarium ist. Andere meinen, das Pizza-Döner-Spezialitäten-Restaurant sei der Ort, an dem es damals passierte. An dem das Geiseldrama von Gladbeck seinen Ausgang nahm. Und auch der Stadt seinen Stempel aufdrückte, obwohl es ja danach durch die ganze Republik ging. Das Hochhaus in der Schwechater Straße hat sich nie so recht erholt von der Vorfällen damals, es zerfällt vor sich hin und soll bald abgerissen werden. Dann ist der Ort weg, an dem es geschah, aber die Stadt Gladbeck, so ist zu befürchten, die wird ihre Geschichte nicht so leicht loswerden, das Geiseldrama ist eine Art Zweitname.

Nein, kein Gedenken werde es geben am 25. Jahrestag an diesem Freitag, sagt der Sprecher der Stadt. "Die Leute erinnern sich nur ungern daran." Bei den Gladbeckern kann man das noch verstehen, sie können am wenigstens dafür. Andere Beteiligte haben keine Lust mehr, sich zu erinnern. Der damalige nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Schnoor lässt mitteilen, es sei alles gesagt, bei gleichzeitigem Bedauern. Aus heutiger Sicht ist es ein ziemliches Wunder, wie Schnoor sich damals im Amt halten konnte, trotz der unfassbaren Pannen, trotz der ungenützten Gelegenheiten, bei denen man die Geschichte aufhalten, Menschenleben hätte retten können. Der Staat sah nicht gut aus in diesem Drama.

Flucht wie in einem Roadmovie

Am 16. August 1988 wollen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski die Bank in Gladbeck überfallen, ein Verbrechen, das viel zu groß ist für die beiden, die sich seit der Sonderschule kennen. Auf dem Weg zur Bank stürzen sie mit dem Motorrad, in der Bank fehlt dann der Filialleiter, der den Schlüssel zum Tresor hat. Die beiden nehmen Geiseln, fordern 300.000 Mark Lösegeld. Die Polizei unter Führung von Innenminister Schnorr setzt auf das Konzept eines "scheinbar verfolgungsfreien Abzuges". Der Wahnsinn beginnt, wie in einem Roadmovie fahren die beiden Geiselnehmer durch Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen und machen einen Abstecher in die Niederlande.

Es entstehen Fotos des Grauens, die tätowierten Geiselnehmer mit den schönen jungen Geiseln. Die schlauesten sind sie nicht, die beiden Geiselnehmer, aber sie wissen, wie man sich inszeniert. Die Journalisten assistieren, die Knarre etwas weiter nach rechts, bitte. Die beiden holen Rösners Freundin in Bremen ab, kapern einen Linienbus. Sie machen Pausen zum Bier holen, zum Pillen nachwerfen und für einen Einkaufsbummel. Viele Möglichkeiten des Zugriffs lässt die Polizei verstreichen.

In Bremen beginnt dann, was später der mediale Sündenfall genannt wird: Journalisten besteigen den Bus, interviewen Geiseln und Gangster, es sind die ersten Jahre des Privatfernsehen, die Meute kennt keine Distanz. Journalisten überbringen der Polizei die Forderungen der Gangster. Die Polizei kommt in Bremen auf die Idee, Rösners Freundin festzunehmen, als die auf die Toilette geht. Rösner tobt, droht mit dem Tod einer Geisel, falls die Freundin nicht innerhalb von fünf Minuten zurück ist. Beim Öffnen der Handschellen bricht der Schlüssel ab, Degowski erschießt den 15 Jahre alten Emanuele de Giorgi.

Später tauschen sie den Bus gegen einen BMW und fahren mit zwei Geiseln in die Kölner Breite Straße, in der sich auch die Redaktion des Kölner Express befindet, dessen Reporter Udo Röbel sich zu den Gangstern ins Auto setzt. Später wurde er dann Chef der Bild-Zeitung.

In der Nähe von Bad Honnef rammt die Polizei am 18. August das Fluchtfahrzeug, 62 Schüsse geben die Beamten ab, die 18 Jahre alte Silke Bischoff stirbt durch eine Kugel aus Rösners Waffe. Er und Degowski werden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, Rösner mit anschließender Sicherungsverwahrung. Der deutsche Presserat erlässt eine Richtlinie, nach der Geiselnehmer nicht mehr interviewt werden sollen. Die Politik untersucht sich selbst und spricht sich frei von jeder Schuld.

Das war es dann. Aufgearbeitet wurde nicht viel, erinnert wird immer wieder, zu den runden Jubiläen. Eine Band hielt es für eine gute Idee, sich nach der toten Geisel Silke Bischoff zu benennen.

In diesem Jahr überschneidet sich das Gedenken an die Opfer mit dem Antrag Degowskis auf Freilassung, das Gericht hatte damals eine Mindesthaftdauer von 24 Jahren festgelegt, die endete im Januar dieses Jahres. Entlassen wird Dieter Degowski vorerst nicht, entschied die Strafvollstreckungskammer des Landgerichts am Mittwoch, das Gericht hatte den Besucherraum der JVA in einen Gerichtssaal umfunktioniert. Degowski sitzt seit zwei Jahrzehnten ein, er hat eine Ausbildung zum Koch gemacht und arbeitet als Hofreiniger. 54 Jahre ist er nun, er wirke aber deutlich älter, sagen Leute, die ihn beim Hofgang gesehen haben. Es sei ein Erfolg, dass das Landgericht dringend empfohlen habe, mit den Vorbereitungen auf eine Entlassung zu beginnen, sagt seine Anwältin Lisa Grüter. Es wäre der Beginn eines jahrelangen Weges, mit Hafterleichterungen und Freigängen.

Letztlich entscheidet darüber aber die Strafanstalt, in der Degowski einsitzt. Und deren Leiter Michael Skirl sagte vor Jahren im Focus über Degowski: "Er ist menschlich gesehen eine Null. Er ist wehleidig. Und ein klassischer Mitläufer." Es wird wohl nicht der letzte Jahrestag sein, den Degowski in Haft verbringt und dort den Hof kehrt.

© SZ vom 16.08.2013 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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