25 Jahre Katastrophe von Ramstein:Neue Fälle auch noch 25 Jahre nach dem Unglück

Lesezeit: 6 min

Wie arbeiten Sie in den Nachsorgegruppen mit den Teilnehmern?

Die Menschen werden vor allem nicht bewertet. Selbst den Hinterbliebenen der Loveparade, die erst knapp drei Jahre zurückliegt, wird von außen gesagt: "Warum tut ihr euch das an? Lasst das doch endlich ruhen, man muss sich nicht immer damit konfrontieren." Als ob das Sprechen darüber schädlich wäre und es die anderen besser wüssten! Der Mensch wird von anderen in seinem Umgang mit dem Trauma bewertet. Es gibt Leute, die nicht darüber sprechen und das nicht wollen. Das ist auch in Ordnung. Doch es ist genauso in Ordnung, darüber zu reden.

Wie macht sich ein Trauma bemerkbar?

Traumatisierung kann leicht sein, so als hätte man sich das Fußgelenk gebrochen. Man ist dann noch sehr agil und humpelt, doch wenn es ausgeheilt ist, ist man wieder bewegungsfähig. Oder man bricht sich ein Bein - oder man ist querschnittsgelähmt. Wenn man diesen Vergleich weiterspinnt: Man sagt ja einem Rollstuhlfahrer nicht nach zwei Jahren, dass dieser wieder aufstehen und weiterlaufen soll. Doch genauso gehen viele mit einer psychischen Traumatisierung um! Nur: Ein schweres Trauma ist wie eine seelische Querschnittslähmung. Die Menschen können sehr wohl aktiv sein, vieles wieder machen, doch es gibt auch Dinge, die sie nie wieder machen können.

Was zum Beispiel?

Bestimmte Gerüche, die Flashbacks auslösen. Manche Überlebende von Ramstein können zu keinen Grillfesten mehr gehen, keine Menschenmengen mehr aushalten. Ab und zu schlafen sie schlecht oder müssen das Licht angeschaltet lassen. Eine Frau hat sich bei uns gemeldet, die kurz nach dem Unglück weggezogen ist. Vor Kurzem hat sie eine neue Arbeitsstelle in Kaiserslautern angetreten. Sie arbeitet viel im Freien. Plötzlich hörte sie die Flugzeuge von der Airbase in Ramstein, die hier fliegen. 25 Jahre nach dem Unglück hat sie sich bei uns gemeldet. Sobald die Überflieger kommen, müsse sie sich ducken, die Ohren zuhalten, bekomme Gänsehaut, Herzklopfen und Panikattacken - und sie wollte von uns wissen, ob das normal sei.

Und die Frau hatte all die Jahre keines dieser Symptome?

Nein, denn sie war ja nie mit diesem Reizauslöser, den Flugzeugen, konfrontiert! Jetzt aber schon. Und plötzlich zeigt sie Symptome, ruft uns an, und fragt, ob das etwas mit Ramstein zu tun hätte. Viele hätten diese Verknüpfung nicht hergestellt, doch sie kam von selbst auf die Idee. Von daher ist davon auszugehen, dass die Frau das gut bewältigen wird, wenn sie es bereits weiß und ihr Bewusstsein einschaltet.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB