25 Jahre Katastrophe von Ramstein:"Ein schweres Trauma ist wie eine seelische Querschnittslähmung"

Lesezeit: 6 min

Verletzte, Hinterbliebene, Helfer: Das Flugtagsunglück von Ramstein hat viele Menschen traumatisiert. Die Psychologin Sybille Jatzko betreut diese Menschen noch heute, 25 Jahre nach der Katastrophe.

Von Christina Metallinos

Am 28. August 1988 kollidieren auf der US-Airbase in Rheinland-Pfalz während einer Flugschau vor 350.000 Zuschauern drei Flugzeuge in der Luft, stürzen ins Publikum. Es gibt 70 Tote und hunderte Verletzte. Die Psychologin Sybille Jatzko betreut Hinterbliebene und Überlebende des Flugtagunglücks von Ramstein. Bis heute melden sich bei ihr Traumatisierte. Ein Gespräch über die richtige Nachsorge bei Katastrophen - und die Situation der Ramstein-Überlebenden heute.

SZ.de Wie geht es den Hinterbliebenen und Überlebenden von Ramstein heute?

Sybille Jatzko: Zum Jahrestag geht es den Leuten schlechter. Meistens fängt es am 1. August mit einer inneren Spannung an, die erst nach dem Jahrestag wieder abnimmt. Ein junger Mann sagte mir vor kurzem, dass er es kräftemäßig nicht mehr schaffe und keine ambulante Therapie machen könne, weil er sonst seinem Beruf und seiner Familie nicht gerecht werden könne.

Es waren 350.000 Menschen dabei. Wie viele davon sind betroffen?

Im Großen und Ganzen haben die Menschen ihren Weg gefunden und können mit den Belastungen umgehen. Am stärksten halten diejenigen zusammen, die ihre Kinder verloren haben. Diese Gruppe schweißt ein ganz enges Band zusammen, dabei sind enge Freundschaften entstanden. Die Gruppe ist offen, andere können jederzeit dazukommen. Wir haben zum Jahrestag 95 Anmeldungen von Hinterbliebenen und Überlebenden erhalten - das ist eine ordentliche Zahl.

Nach der Katastrophe von Ramstein haben sich Seelsorger zum ersten Mal nicht nur um die Hinterbliebenen, sondern auch um die Helfer und Einsatzkräfte gekümmert.

Ursprünglich hatte ich meine Konzentration auf die Hinterbliebenen gerichtet. Das erste Treffen war eine eindrucksvolle Erfahrung, denn es stellte sich heraus, dass hier Viele unterschiedlichen betroffen waren, von Angehörigen über Überlebende bis hin zu den Einsatzkräften.

Sybille Jatzko

Sybille Jatzko ist Gesprächstherapeutin und betreut neben den Überlebenden von Ramstein auch die Nachsorgegruppen der Massenpanik auf der Duisburger Loveparade 2010 und des Tsunamis in Südostasien im Jahr 2004.

(Foto: dpa)

Wie erlebten Sie die Einsatzkräfte?

Die Helfer konnten sich innerlich nicht auf das Szenario vorbereiten, das sie dort antrafen, und waren überrascht von dessen Heftigkeit. Nach Ramstein wurde uns zum ersten Mal bewusst, dass solche Erlebnisse mehr mit den Menschen machen, als wir dachten, und auch bei Helfern zu Traumatisierungen führen.

Die psychologische Katastrophennachsorge sieht heute anders aus als noch vor 25 Jahren. Was hat sich seit Ramstein verändert?

Sehr viel! Ich habe viele große Ereignisse bis zur Loveparade (Anm. d. Red. 2010 starben bei einer Massenpanik auf der Loveparade in Duisburg 21 Menschen) begleitet. Früher haben die Betroffenen von Ersthelfern zu hören bekommen: "Das ist ja ganz furchtbar, was Sie erlebt haben, aber ich bin nicht dafür zuständig." Heute gibt es unmittelbar nach einer Katastrophe eine Hotline, Ombudspersonen, Krisenintervention sowie Notfallseelsorge. Dort haben die Hinterbliebenen und Verletzten einen Ansprechpartner, der sich um das kümmert, was der Betroffene in diesem Moment braucht. Nach der Loveparade haben wir auch eine Mail-Beratung eingerichtet, die sich bewährt hat.

Wie geht es dann weiter?

Dann gibt es die Nachsorgegruppen. Hinterbliebene, Überlebende und Helfer einer Katastrophe bilden verschiedene Schicksalsgemeinschaften. Diese Trennung hat sich bewährt. Es gibt Hinterbliebene, denen es schwer fällt, zusätzlich zu ihrer eigenen Belastung auch noch die Geschichten der Überlebenden zu hören. Anderen wiederum ist das sehr wichtig, um zu erfahren, was dort passiert ist. Denn am besten kann man mit etwas abschließen, wenn man die Wahrheit darüber kennt. Diese Nachsorgegruppen führen wir dann langsam zusammen. Nach Ramstein saßen wir von vornherein gemeinsam in einer Gruppe - damals wussten wir sehr wenig über Traumahilfe und haben uns über eine Trennung keine Gedanken gemacht.

Neue Fälle auch noch 25 Jahre nach dem Unglück

Wie arbeiten Sie in den Nachsorgegruppen mit den Teilnehmern?

Die Menschen werden vor allem nicht bewertet. Selbst den Hinterbliebenen der Loveparade, die erst knapp drei Jahre zurückliegt, wird von außen gesagt: "Warum tut ihr euch das an? Lasst das doch endlich ruhen, man muss sich nicht immer damit konfrontieren." Als ob das Sprechen darüber schädlich wäre und es die anderen besser wüssten! Der Mensch wird von anderen in seinem Umgang mit dem Trauma bewertet. Es gibt Leute, die nicht darüber sprechen und das nicht wollen. Das ist auch in Ordnung. Doch es ist genauso in Ordnung, darüber zu reden.

Wie macht sich ein Trauma bemerkbar?

Traumatisierung kann leicht sein, so als hätte man sich das Fußgelenk gebrochen. Man ist dann noch sehr agil und humpelt, doch wenn es ausgeheilt ist, ist man wieder bewegungsfähig. Oder man bricht sich ein Bein - oder man ist querschnittsgelähmt. Wenn man diesen Vergleich weiterspinnt: Man sagt ja einem Rollstuhlfahrer nicht nach zwei Jahren, dass dieser wieder aufstehen und weiterlaufen soll. Doch genauso gehen viele mit einer psychischen Traumatisierung um! Nur: Ein schweres Trauma ist wie eine seelische Querschnittslähmung. Die Menschen können sehr wohl aktiv sein, vieles wieder machen, doch es gibt auch Dinge, die sie nie wieder machen können.

Was zum Beispiel?

Bestimmte Gerüche, die Flashbacks auslösen. Manche Überlebende von Ramstein können zu keinen Grillfesten mehr gehen, keine Menschenmengen mehr aushalten. Ab und zu schlafen sie schlecht oder müssen das Licht angeschaltet lassen. Eine Frau hat sich bei uns gemeldet, die kurz nach dem Unglück weggezogen ist. Vor Kurzem hat sie eine neue Arbeitsstelle in Kaiserslautern angetreten. Sie arbeitet viel im Freien. Plötzlich hörte sie die Flugzeuge von der Airbase in Ramstein, die hier fliegen. 25 Jahre nach dem Unglück hat sie sich bei uns gemeldet. Sobald die Überflieger kommen, müsse sie sich ducken, die Ohren zuhalten, bekomme Gänsehaut, Herzklopfen und Panikattacken - und sie wollte von uns wissen, ob das normal sei.

Und die Frau hatte all die Jahre keines dieser Symptome?

Nein, denn sie war ja nie mit diesem Reizauslöser, den Flugzeugen, konfrontiert! Jetzt aber schon. Und plötzlich zeigt sie Symptome, ruft uns an, und fragt, ob das etwas mit Ramstein zu tun hätte. Viele hätten diese Verknüpfung nicht hergestellt, doch sie kam von selbst auf die Idee. Von daher ist davon auszugehen, dass die Frau das gut bewältigen wird, wenn sie es bereits weiß und ihr Bewusstsein einschaltet.

Krisenintervention prägt oft die Traumatisierten

Was passiert denn bei einem Trauma?

Ein Trauma findet in einer Situation der Hilflosigkeit und des Nichthandelns statt. Das Gehirn sucht nach einer Lösung, nach irgendetwas, das man jetzt machen könnte. Gleichzeitig will es jedoch sofort reagieren, weil es den Reiz bekommt: Dein Leben ist bedroht! Diese beiden Reize sind nicht miteinander kompatibel. Das Gehirn ist überfordert und schaltet in diesem Moment wichtige Funktionen ab, etwa die bewusste Wahrnehmung. Doch die höchste, lebensbedrohliche Not wird trotzdem gespeichert. Wenn man danach wieder mit einem Reiz aus dieser Situation konfrontiert wird und Schweißausbrüche und Herzrasen bekommt, kann die bewusste Wahrnehmung oft keinen Zusammenhang herstellen - die Leute verstehen sich selbst nicht mehr und halten sich für verrückt.

Wie wichtig ist es, sich sofort nach einer solchen Katastrophe um die Menschen seelsorgerisch zu kümmern?

Der Stellenwert einer Krisenintervention ist nicht zu unterschätzen. Die Ersthelfer, die oft keine Psychologen sind, prägten die Betroffenen teilweise so sehr, dass diese nachher fachmännische Hilfe abgelehnt haben. Die Ersten, denen Traumatisierten nach einem Unglück begegnen, sind nicht auswechselbar. Manchmal können Betroffene deshalb keinen Zugang mehr zu anderen finden. Allerdings können sie die Leute auch dazu motivieren, hinterher Hilfe anzunehmen.

Lässt sich ein Trauma denn dadurch verhindern?

Nein. Das Trauma passiert immer in dem Moment des Geschehens. Es gibt Menschen, die direkt danach schnell und viel reden - mit denen kann man dann das Trauma bereits bearbeiten. Die meisten Traumatisierten verstummen jedoch, weil ihnen die Selbstsicherheit des Lebens verlorengegangen ist, und kommen erst nach ein, zwei Monaten. Bei schlimmen Ereignissen teilweise erst am ersten Jahrestag. Vorher wird Vieles kompensiert, man reißt sich zusammen - das funktioniert ein Jahr lang vielleicht ganz gut, doch dann geht es los.

Was kann man als Angehöriger oder Freund eines solchen Betroffenen tun?

Das Allerwichtigste ist, dass man dem Menschen zur Seite steht, ihm zuhört und ihn auch in seiner Veränderung annimmt. Selbst wenn dieser sich manchmal zurückzieht und nörgelig ist. Man sollte ihn nicht im Stich lassen und ihn aushalten, auch seine Geschichten. Schließlich kann derjenige nichts dafür, dass ein solches Unglück passiert ist. Vor allem sollte man ihn nicht bewerten.

Gab es für Sie ein Schlüsselerlebnis in der Nachsorgearbeit?

Es kamen viele andere Helfer aus verschiedenen Berufen mit ins Boot. Inzwischen wurde die Stiftung Notfallseelsorge gegründet, die Menschen längerfristig begleitet. Ich hatte den tiefen Wunsch, dass die Nachsorge nach solchen Ereignissen selbstverständlich wird. Und genau das setzt sich gerade um. Für mich ist das das größte Geschenk.

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