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200 Jahre Austerlitz:Napoleons Schlachtenbummler

Zwei Jahrhunderte nach dem berühmten Gemetzel feiern Bonapartes Fans den Mythos. Ein historisch-touristisches Vergnügen auf blutgetränktem Boden.

Es wird hier sehr viel Vorstellungsvermögen nötig sein, auch wenn der Pulverdampf, die Uniformen, das Rossgetrappel und Getrommel sicherlich das ihre dazutun. Auch Feuer werden brennen und Geschütze donnern, und viel hängt davon ab, ob das Wetter günstig ist für historisch-touristische Vergnügungen.

Austerlitz, AFP

Auch wenn die historischen Dimensionen mit 160.000 Teilnehmern und 15.000 Toten nicht erreichbar sind: Die Laiendarsteller geben sich die größte Mühe.

(Foto: Foto: AFP)

Wer indes in den vergangenen Tagen in dieser weiten, weißen Ebene in Mähren die Baumalleen stumm und schneebestäubt dastehen und übers Feld die Hasen zu maschinengebündelten Strohkonglomeraten hinhoppeln sah, der fiel nicht ohne Weiteres heroischen Empfindungen anheim.

"Siehe da, ein tapferer Mann"

Und doch hat damals, als alles vorbei war, der große Zampano Napoleon, der unvergessen über diesen Wiesen schwebt, vor seinen siegreichen Soldaten den berühmten Satz gesprochen: "Es wird euch genügen zu sagen: Ich war bei der Schlacht von Austerlitz dabei, und man wird antworten: Siehe da, ein tapferer Mann."

Austerlitz - ein Fanal! In Paris sind ein Bahnhof, eine Brücke und eine Uferstraße danach benannt, in ganz Europa ist der Name dieses Städtleins, 20 Kilometer südöstlich von Brünn gelegen, in die Geschichtsbücher eingegangen, und in aller Welt wird seit 200 Jahren in Militärakademien immer wieder nachvollzogen, wie genial Napoleon an jenem 2. Dezember 1805, einem Montag, die Gliederung des gewellten Geländes nutzte, wie er listig die Höhen von Pratzen entblößte und ins Tal des Goldbachs wich, wie er den Gegner täuschte, spaltete und in wilder Verfolgung an die Teiche trieb. Ein Blutbad im Ganzen, mit rund 160.000 Beteiligten und rund 15.000 Toten.

Und doch ein Mythos, der damit beginnt, dass an jenem Schicksalsmorgen um halb acht feuerrot die Sonne aufging. Sicher wünscht sich mancher, dass es an diesem Freitag wieder so sei. Dies nämlich ist der 200. Jahrestag der Bataille, bei der Napoleon über die Heere des russischen Zaren Alexanders I. und des Österreichers Franz I. triumphierte und für ein Jahrzehnt die Basis seiner Dominanz in Europa schuf.

Die Schlacht steigt erst am Samstag

Aus diesem Anlass soll mit 4.000 Beteiligten aus 23 Ländern vor erwarteten 30.000 Zuschauern ein Teil der Dreikaiserschlacht in historischen Kostümen nachgestellt werden-freilich erst am Samstag, der besseren Verfügbarkeit des Publikums wegen.

Ein langes Wochenende des Gedenkens ist geplant, und es versteht sich, dass neben dem Vergnügen an der Historie auch die Hebung des Fremdenverkehrs ein Zweck ist, den das gigantische Unternehmen verfolgt. Austerlitz, das auf Tschechisch Slavkov u Brna heißt und knapp 6.000 Einwohner zählt, fand sich mit 23 weiteren Kommunen und der Napoleon-Gesellschaft für Mitteleuropa zusammen, in ihrem Auftrag hat die Firma Davay Comunications, unterstützt von kommerziellen Partnern und Sponsoren, das Projekt Austerlitz 2005 auf die Beine gestellt.

Kriegsverherrlichung sei keineswegs beabsichtigt, verkündet das Bündnis auf seiner Website (www.austerlitz2005.com), sondern "nachhaltige Erinnerung an die Grundwerte des Lebens" sowie Bewusstmachung der Zusammengehörigkeit im neuen Europa. Drum gab und gibt es neben dem Schlachtenzauber auch historische Konferenzen, Gedenkfeiern für die Gefallenen und Feldgottesdienste, ferner ein Feuerwerk, in Brünn gar einen Kaiserball und eine Operngala.

Hauptgrund: Kameradschaft

Schon seit Tagen sind trotz Schnees und Kälte auch Soldaten unterwegs, neun Mann des Vereins für Militärgeschichte aus Mährisch-Ostrau zum Beispiel, die mit schweren grauen Mänteln, weißen Uniformen und Bärenfellmützen als Grenadiere des k.k. Infanterieregiments Kaunitz-Rietberg Nr. 20 figurieren. Von Olmütz her sind sie marschiert, haben im Schlosshof von Vyskov biwakiert, Lagerleben vorgeführt, auf dem Stadtplatz ein Kämpfchen inszeniert. "Der Hauptgrund für uns, warum wir hier sind, ist die Kameradschaft", sagt Milan Olsar, 35, beim Abendessen in einer Vyskover Kneipe.

Er ist Chemiker, die anderen sind Lehrer, Bahnbediensteter, Angestellte, einer ist Soldat und war auf Mission in Afghanistan. Etwa 40.000 Kronen (1.380 Euro) hat jeder für Uniform und Ausrüstung aufgewandt, mehr als das Doppelte eines durchschnittlichen tschechischen Monatseinkommens von 648 Euro. "Das ist nicht nur ein Hobby für uns, wir können sagen, das ist für uns eine zweite Familie", sagt Michal Jenco, 25, von Beruf Historiker. Auf Napoleons Spuren kommen sie herum in ganz Europa, treffen Gleichgesinnte, die die gleichen Bücher und die gleichen Schlachten studieren. An diesem Freitag steht ein Fackelzug in Austerlitz an.

Das Städtchen ist außen lausig und im Kern auf Renaissance gestimmt, dem großen Namen wird allenfalls das Schloss gerecht, das erst zum Teil renoviert ist. Doch weist es seit Neuestem einen Raum auf, in dem gerade auf gewölbter Wand eine 3-D-Simulationsanlage installiert worden ist: Truppen, Dörfer, Wiesen, Feuer, Qualm - kurzum: die Schlacht von Austerlitz, 2005, als virtual reality.

Damit man sich das Ganze ein bisschen besser vorstellen kann.