6. Oktober 2015, 01:58 US-Bundesstaat Kalifornien legalisiert ärztliche Sterbehilfe

Von Hakan Tanriverdi, New York

Der demokratische Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown, hat ein Gesetz unterzeichnet, mit dem ärztliche Sterbehilfe in dem US-Bundesstaat nun erlaubt ist. Ärzte dürfen eine tödliche Dosis verschreiben, sofern der Patient an einer unheilbaren Krankheit leidet, die ihn innerhalb der nächsten sechs Monate umbringen wird.

In einem sehr einfühlsamen Statement (hier als PDF-Version) betont Gouverneur Brown, dass ihm die Entscheidung nicht leicht gefallen sei. Er habe mit vielen Menschen gesprochen, darunter sei ein katholischer Bischof gewesen und zwei seiner Ärzte. Anschließend habe er darüber nachgedacht, was er im Angesicht des eigenen Todes wollen würde. "Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich in andauernden und qualvollen Schmerzen im Sterben läge. Ich bin mir aber sicher: Es wäre tröstlich zu wissen, dass ich Möglichkeiten in Betracht ziehen könnte, wie sie durch dieses Gesetz nun gewährt werden." Brown studierte zeitweise in einem Jesuitenseminar und wollte Priester werden.

Dem Gesetz zufolge muss der Patient in der Lage sein, die Medikamente selbst einzunehmen. Außerdem muss die Person mental stabil sein und zwei mal den Wunsch nach den Medikamenten mündlich äußern. Zwischen diesen Äußerungen müssen mindestens 15 Tage liegen. Auch eine schriftliche Äußerung ist notwendig. Zwei Ärzte müssen zustimmen.

Kalifornien ist der bevölkerungsreichste Bundesstaat in den USA, Jeder zehnte Amerikaner ist nun von diesem Gesetz betroffen. Außer in Kalifornien ist diese Form der Sterbehilfe bereits in Washington, Montana, Vermont und Oregon erlaubt.

Der Bundesstaat Oregon - dort ist die ärztliche Sterbehilfe seit 1997 über den Death with Dignity Act (Tod mit Würde) geregelt - erhebt Zahlen darüber, wie viele Menschen Medikamente verschrieben bekommen haben. Die Zahlen steigen an - von 24 im Jahr 1998 auf 122 im Jahr 2013. Nicht jede Person, die ein Medikament bekommt, nimmt sich das Leben. Die Nachrichtenseite Vox fasst die Statistiken aus Oregon zusammen: "Wenige Patienten suchen den Tod und bekommen dabei Unterstützung."

Heftige Diskussion

Zuvor wurde das Gesetzesvorhaben in Kalifornien heftig diskutiert. "Es war der emotional heftigste juristische Kampf des Jahres", schreibt die Washington Post. Ausschlaggebend dafür war auch der Tod von Brittany Maynard. Die 29-jährige war an einem Gehirntumor erkrankt, ihre Lebenserwartung wurde auf Monate verkürzt. Sie kündigte an, von Kalifornien nach Oregon umzuziehen, damit sie dort selbstbestimmt sterben kann. In einer Videoaufnahme erklärte sie, dass tödlich erkrankte Menschen nicht dazu gezwungen werden sollten, ihr Zuhause zu verlassen und dass der Tumor ihr viel geraubt habe - und noch mehr geraubt hätte.

Der Vatikan schaltete sich in die Debatte ein und pochte auf das Verbot der Selbsttötung. Andere Menschen, ebenfalls tödlich erkrankt, wollten Maynard davon überzeugen, weiterzuleben und sprachen von der Würde des Sterbens. (Einen Überblick über diese Debatte finden Sie in diesem Text.)

Gesundheit Zwischen Tod und Tod
Der Fall Brittany Maynard

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Unheilbar an einem Hirntumor erkrankt, hat sich Brittany Maynard am 1. November das Leben genommen. Nun diskutiert Amerika darüber, ob ihr Fall der Sterbehilfe geholfen hat.   Von Peter Richter

Kritiker befürchten, dass durch eine Legalisierung Druck auf die kranken Menschen ausgeübt werden könnte. Menschen aus ärmlichen Verhältnissen würden durch dieses Gesetz in den Tod getrieben. Letztere Sorge lässt sich aus den Daten aus Oregon nicht ableiten. Selten seien finanzielle Gründe genannt worden, wenn Patienten über ihre Motivationen gesprochen haben, heißt es. Ein Drittel der Patienten dachte über sich selbst, anderen Menschen zur Last zu fallen - Ärzte hätten "nur in drei Fällen" Medikamente verschrieben.

Umdenken in der US-Gesellschaft

Aktuelle Umfragen ergeben, dass es in der US-Gesellschaft ein massives Umdenken gibt. Die Meinungsforscher des Pew Research Center weisen darauf hin, dass mehr als zwei Drittel (68 Prozent) der amerikanischen Erwachsenen ärztliche Sterbehilfe unterstützen. 2013 hatte die Zustimmungsrate noch 17 Prozentpunkte unter diesem Wert gelegen.

Im Mai hatte die California Medical Association (CMA), der Ärtzeverbund des Staates, bekanntgegeben, einen jahrzehntelangen Widerstand gegen ärztliche Sterbehilfe aufzugeben und in dieser Frage fortan neutral zu bleiben. Der Wunsch nach dem Tod sei eine sehr persönliche Entscheidung, sie obliege dem Patienten und dem behandelnden Arzt.

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