7. Juni 2011, 16:43 Fukushima: Kaninchen ohne Ohren Weiß, flauschig und ein wenig verstörend

In Fukushima erreicht die Strahlung Rekordwerte. Ein Youtube-Film zeigt nun ein ohrloses Kaninchen, das dort geboren worden sein soll. Es könnte wie die Wasserköpfe weißrussischer Kinder zum Symbol der Atomkatastrophe werden.

Von Christopher Schrader

Eigentlich ganz niedlich, das Kleine. Weiß und flauschig hoppelt das junge Kaninchen durch den Stall und knabbert am frischem Futter. Aber hinten am Kopf, wo die Löffel sitzen sollten, ist nicht einmal der Ansatz einer Ohrmuschel ist zu sehen, auch keine Narbe.

Kaninchen ohne Ohren: Dieses Tier soll nun in Fukushima zur Welt gekommen sein.

(Foto: Youtube)

Angeblich spielt die Szene in einem Kaninchenstall 30 Kilometer von den Unglücksreaktoren in der japanischen Präfektur Fukushima entfernt. Wenn das stimmt, liegt die Vermutung nahe, dass es sich um eine durch radioaktive Strahlung ausgelöste Mutation handelt.

Das Bild des ohrlosen Kaninchens könnte zum Symbol für die Katastrophe werden - ähnlich verstörend wie die Wasserköpfe ukrainischer und weißrussischer Kinder nach der Reaktorexplosion in Tschernobyl vor 25 Jahren, aber besser vorzeigbar. Und womöglich ein Fanal, das vor den Bilder missgebildeter Kinder warnt, die im Herbst zur Welt kommen könnten.

Mehr als 1,5 Millionen Mal ist der Youtube-Film, aus dem das Bild stammt, in den vergangenen beiden Wochen angeklickt worden. Inzwischen hat der Autor mit dem Spitznamen Yuunosato noch ein zweites Video hochgeladen. Es zeigt weitere Jungtiere ähnlicher Größe in dem Stall, alle mit anscheinend normal geformten Löffeln. So oder so aber gibt es keinen Beleg dafür, dass das weiße Tier tatsächlich am angegebenen Ort ohne Ohren geboren und nicht etwa kurz nach der Geburt verstümmelt wurde; früh genug, dass Fell über die Schnitte wachsen konnte. Für einen Hit bei Youtube machen Menschen ganz andere Dinge.

100 Mikrosievert pro Stunde

Unbestreitbar allerdings ist, dass aus den zerstörten Reaktorkernen in Fukushima gewaltige Mengen strahlenden Materials in die Umwelt geraten sind und weiter zu geraten drohen. Jüngst haben die Behörden den Matsch in Wassergräben in der Präfektur vermessen, berichtet der Fernsehsender NHK, und Strahlendosen von 100 Mikrosievert pro Stunde gefunden. Wer sich mit dem Matsch bedecken würde, hätte in zehn Stunden so viel Strahlung absorbiert, wie er als normaler Bürger in einem Jahr abbekommen dürfte.

Absolut tödlich hingegen sind die Strahlenwerte in der havarierten Anlage. Ein Roboter hat dort im Reaktorgebäude von Block 1 den Rekordwert von vier Millionen Mikrosievert beziehungsweise 4000 Millisievert pro Stunde gemessen. Nur 15 Minuten an dieser Stelle würden bei Menschen akute Strahlenkrankheit auslösen.

Der Betreiber der Anlage, der Stromkonzern Tepco, hat laut der Nachrichtenagentur Kyodo erklärt, aus einer Öffnung im Boden sei Dampf ausgetreten. Ein neu installiertes Messgerät im Druckbehälter dieses Blocks bestätigt zudem, dass durch Lecks ständig Dampf aus dieser innersten Sicherheitsbarriere entweicht.

Wasser im Keller

Große Schwierigkeiten machen den Helfern von Tepco zudem die Wassermassen, die in den Kellern der Anlage stehen. Große Mengen der in den vergangenen Wochen zur Notkühlung verwendeten Flüssigkeit sind dorthin gelaufen. Inzwischen spricht der Betreiber von 105.000 Kubikmetern, in denen in jeder Sekunde 720 Billiarden radioaktive Zerfälle ablaufen (die physikalische Einheit dafür ist Becquerel).

Die Flüssigkeit enthielte damit mehr strahlendes Material als bisher in die Umwelt gelangt ist. Die japanische Regierung hatte diese Menge Mitte April auf 370 bis 630 Billiarden Becquerel geschätzt und daraufhin die Katastrophe in die höchste Kategorie 7 der nuklearen Unfallskala hochgestuft.

Das Problem ist, dass die Keller der Anlage in Fukushima in knapp drei Wochen überlaufen könnten. Täglich kommen 500 Kubikmeter Wasser hinzu, außerdem soll die Regenzeit beginnen. Tepco hat darum das Auspumpen beschleunigt und stellt auf einem Freigelände in der Nähe der Reaktoren 370 Stahltanks auf, die jeweils bis zu 120 Kubikmeter Wasser aufnehmen sollen.