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125 Jahre Albert Einstein:Der Augenschein trügt

Seine Leistungen in Griechisch und Latein waren mangelhaft. Beim Verlassen der Schule gab ihm deshalb sein Münchner Lehrer mit auf den Weg: "Aus Ihnen wird nie etwas werden, Einstein!"

Von Martin Urban

Seither ist zwar der Latein- und Griechischunterricht in Bayern etwas weniger wichtig geworden, aber an der Bedeutung von Albert Einstein, der am 14.März 1879 in Ulm geboren wurde, kann auch kein Münchner Lehrer mehr zweifeln.

An Einstein hat sich erwiesen, dass der Augenschein trügt. Er selbst hat bewiesen, dass dies sogar in der Welt des exakten Messens der Fall ist.

Längen- und Zeitmaße und Bewegungen sind entgegen dem Augenschein etwas Relatives, "das 'Jetzt' verliert für die räumlich ausgedehnte Welt seine objektive Bedeutung", so kommentierte Einstein die Konsequenzen seiner Speziellen Relativitätstheorie.

Mit ihr zertrümmerte der 26jährige 1905 das Weltbild seiner Zeit. Ein Jahrzehnt später setzte der 1. Weltkrieg die hergebrachten Normvorstellungen außer Kraft alles wurde "relativ".

Vermutlich auch deshalb ist die "Relativitätstheorie" zum Schlagwort und ihr Begründer unglaublich populär geworden. Denn 1919 hatte man anlässlich einer Sonnenfinsternis feststellen können, dass das Licht der Sterne tatsächlich, wie von Einstein vorausgesagt, vom Schwerefeld der Sonne abgelenkt wird.

Umsturz des Weltbildes

Einige seiner Fachgenossen freilich, darunter die Nobelpreisträger Philipp Lenard und Johannes Stark, konnten dem Juden Einstein den Umsturz ihres anschaulich-einfältigen Weltbildes nicht verzeihen.

Insbesondere Stark aus Schickenhof in Bayern trug eine besondere Verantwortung dafür, dass Albert Einstein, Lise Meitner und andere überragende Wissenschaftler ihre Heimat verlassen mussten.

Physiker wie Werner Heisenberg - ebenfalls ein Münchner und obendrein Liebhaber der griechischen Philosophie - verstanden Einstein und trugen mit ihrer Arbeit zum weiteren Umsturz des Weltbildes der klassischen Physik bei.

Sie wurden deshalb von konservativen Repräsentanten einer "Deutschen Physik" als "weiße Juden" diffamiert.

Im selben Jahr, als die Spezielle Relativitätstheorie entstand, der später die Allgemeine Relativitätstheorie folgen sollte, hatte Einstein, quasi nebenbei, auf Max Plancks damals fünf Jahre alter Theorie der Quanten als kleinster Energieeinheiten aufbauend, den "Photoeffekt" erklärt.

Danach können Lichtquanten aus Metalloberflächen Elektronen herausschlagen.

Philipp Lenard hatte diesen Effekt zwar verwundert beobachtet, aber nicht verstanden.

Einstein bekam für seine Erklärung 1921 den Nobelpreis - obwohl dies nicht einmal seine wichtigste Arbeit war. Bizarrerweise konnte der von Johannes Stark entdeckte Effekt einer Aufspaltung von Spektrallinien im elektrischen Feld erst mit Hilfe der Quantentheorie des "weißen Juden" Heisenberg erklärt werden.

Stark hatte den Physik-Nobelpreis, den er 1919 dafür bekam, also indirekt dem Menschen zu verdanken, den er als Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgte.

Die Erfolge von Einstein und Planck sind umso erstaunlicher, als viele Physiker Ende des 19. Jahrhunderts dachten, dass es nichts Wichtiges mehr zu entdecken gäbe.

Max Planck hat knapp 30 Jahre vor seiner bahnbrechenden Idee von Philipp von Jolly, Physikprofessor an der Universität München, den Rat bekommen, bloß nicht Physik zu studieren:

Alles Wesentliche sei bereits erforscht. "Irrlehren der Wissenschaft brauchen fünfzig Jahre, bis sie durch neue Erkenntnisse abgelöst werden, weil nicht nur die alten Professoren, sondern auch deren Schüler aussterben müssen", sagte Planck später einmal.

Wenn diese Irrlehren zur Ideologie, zum Dogma werden, kann es Jahrhunderte dauern, wie Galileo Galilei mit seinen Erkenntnissen erfahren musste und die Evolutionslehre des Charles Darwin derzeit vor allem in den USA erfährt.

Albert Einstein wollte die Welt verstehen - und hat sie verändert. Seine Theorien führten zunächst zu einem neuen Bild der Welt, weil die von ihm gefundenen Formeln die Wirklichkeit besser abbilden als die alten Muster.

Das hatte freilich Konsequenzen.

Die aus der Speziellen Relativitätstheorie abgeleitete Formel E= mc², wonach die Energie dem Produkt von Masse und Quadrat der Lichtgeschwindigkeit entspricht, fand ihre welterschütternde Bestätigung mit der Explosion der ersten Atombombe am 16. Juli 1945 in White Sands, New Mexico.

Kein GPS ohne Einstein

Die von Albert Einstein entdeckten Zusammenhänge haben neuerdings auch Konsequenzen für den Alltag.

So funktioniert das "Global Positioning System", GPS, mit dessen Hilfe Flugzeuge, Kraftfahrzeuge oder Abenteuertouristen ihren Aufenthaltsort bestimmen können, nur, wenn der von Einstein vorausgesagte Einfluss der Schwerkraft auf die Bewegung von Signalen dabei beachtet wird.

Und jene von Einstein vorausgesagten, "geisterhaften Fernwirkungen", welche die blitzschnelle Übertragung von Information, das "Beamen", ermöglichen, könnten das GPS-System extrem verbessern helfen.

Ein weiterer merkwürdiger Zustand der Natur bei extrem niedriger Temperatur, wenn sich Atome nicht mehr individuell unterscheiden lassen und ein "Kondensat" bilden, wurde von Einstein 1925 vorausgesagt. Auch dieses Bose-Einstein-Kondensat existiert tatsächlich.

Trotz jahrzehntelanger Bemühungen ist es Albert Einstein freilich nicht gelungen, eine Weltformel zu finden, die alle Fundamentalkräfte einbezieht - allerdings auch seinen Nachfolgern bis heute nicht.

Dabei glaubte Werner Heisenberg nach dem Zweiten Weltkrieg, bereits am Ziel angekommen zu sein. Dennoch sind Einsteins wissenschaftliche Enkel wie der Physiknobelpreisträger von 1979, Steven Weinberg, zuversichtlich, dass dies eines Tages gelingen wird.

Es könne allerdings bis zum Jahre 2050 dauern oder sogar noch einige Jahrzehnte länger, meint Weinberg.

© SZ vom 12.3. 2004
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