50. Geburtstag Boris Becker, Held unserer Jugend

Der 17-Jährige, der einmal das ganze Land begeisterte und Tennis zum Massenereignis machte, wird 50. Unser Autor erinnert sich an Wimbledon 1985, abgedunkelte Wohnzimmer und die besondere Magie der Becker-Auftritte.

Von Thomas Hummel

Der Tag, an dem sich die Welt für ein paar D-Jugendliche Fußballer veränderte, war ein Mittwoch. Im Vereinsheim des Münchner Stadtteilklubs BSC Sendling stand seit kurzem ein Fernseher links oben in der Ecke, der Wirt hatte dafür extra ein Holzbrett an die Wand gebohrt. Der 3. Juli 1985 war der erste Mittwoch, an dem dort Tennis gezeigt wurde. Seit einigen Tagen raunte man sich in der Schule zu, dass ein 17-jähriger Deutscher gerade Wimbledon erobere. Es hieß, es sei das größte Turnier der Welt.

Dass Deutsche Tennis spielen können, war damals neu in Sendling. Überhaupt kannte kein elf- oder zwölfjähriger Fußballer aus den örtlichen Sozialsiedlungen jemanden, der dieses seltsame Spiel mit Schläger, Netz und weißer Kleidung ausübte. Man nahm an, damit würden sich nur Ärzte und Anwälte vergnügen. Leute, die nicht wussten, wohin mit ihrem Geld.

Es lief das Viertelfinale. In dem kleinen Bildschirm trippelte ein rothaariger Mann mit heller Haut beim Aufschlag des Gegners breitbeinig auf der Grundlinie herum. Er rannte ständig nach vorne, drosch wie wild auf den Ball ein, schimpfte, ballte die Fäuste, landete im Dreck, holte sich blutige Knie, hüpfte vor Freude. Er machte genau das, was die jungen Fußballer auf dem Feld auch taten. Als der Rothaarige nach ein paar Stunden das Spiel gewann, jubelten die Menschen im Sendlinger Vereinsheim wie sonst nur nach einem Tor der Nationalmannschaft. Der Gegner hieß Henri Leconte, ein Franzose, doch der war schnell vergessen, weil alle nur auf den jungen Deutschen geblickt hatten.

Wimbledon-Sieg von Boris Becker

Als ein 17-Jähriger das Land veränderte

Boris Becker war an diesem Nachmittag in das Leben der Jugendlichen getreten. Er sollte so schnell nicht wieder verschwinden.

Ein paar Tage später wurden an einem sonnigen Juli-Nachmittag die ersten Wohnzimmer verdunkelt. Finale. Wimbledon. Mit Boris. Niemand durfte stören, wenn er spielte. Und wenn dabei der ganze Sonntag draufginge. Es gehörte unter Jugendlichen praktisch zur Pflicht, mit dem nur ein paar Jahre älteren Boris mit zu leiden, zu bangen, zu hoffen, zu jubeln.

Wobei schon im Sommer 1985 das Gefühl da war, dass dieser Typ zwar ein deutscher Jugendlicher war. Aber sonst nicht viel gemein hatte mit den anderen. Boris war anders. Schon so erwachsen, so selbstständig. Er kämpfte so entschlossen um den Sieg, wie das noch nie jemand gesehen hatte. Er ließ sein Leben auf dem Platz, sein Herz, seine Seele, seine Ängste und seine Kampfeslust. Bald war zu hören, dass er mit 15 die Schule abgebrochen hatte und in Monte Carlo wohnte. Ein Ort, der 1985 in München-Sendling für eine Art Märchenstadt gehalten wurde. Und dann dieser Name: Wer hieß damals schon Boris? Dazu kam sein Manager: Ion Tiriac, ein Mann mit dem Blick eines Hais.

Als in der historischen Minute um 17.26 Uhr Boris den letzten Aufschlag übers Netz donnerte, tatsächlich Wimbledon gewonnen hatte, als erster Deutscher, als Jüngster, als bis dahin erster Außenseiter (also im Tableau ungesetzter Spieler), vollendete sich die Erzählung. Die Los Angeles Times beschrieb treffend die Gefühlslage: "Vielleicht war es Magie. Vielleicht auch ist Boris einem Labor entsprungen." Die Jungs in der Münchner Nachbarschaft trafen sich danach wie immer im Hof zum Kicken, aber schon ein halbes Jahr später wünschten sich die ersten einen Tennisschläger zu Weihnachten.

Der Wimbledon-Sieg von Boris Becker 1985 schlug in Deutschland ein wie ein Meteorit. Niemand hatte das kommen sehen und niemand wusste, wie man damit umgehen sollte. Es war der Urknall für einen Boom, der aus einer etwas elitären Sportart ein Massenereignis machte. Tennis überholte bisweilen den Fußball als Sportart Nummer eins, die Vereine wurden von Mitgliedern überrannt. In den Redaktionen der Zeitungen wurde den Sportkollegen plötzlich interessiert zugehört. Es schien, als hätten alle nur auf einen Helden gewartet, dem sie endlich zujubeln durften. Mit dem sie mitleben, den sie vereinnahmen konnten. Oder wie Boris Becker sagt: Seit damals führe er ein öffentliches Leben.

Boris Becker

Was alte Weggefährten über die Tennislegende sagen

An diesem Mittwoch wird Boris Becker 50 Jahre alt. Er ist immer noch einer der berühmtesten Deutschen, eine Legende. Die ARD-Dokumentation "Boris Becker - der Spieler" zeigte zum Jubiläum einen Mann, der aufgrund von Hüft- und Fußproblemen kaum mehr gehen kann. Die teils brutalen Belastungen, die er seinem Körper zugemutet hatte über all die Jahre, hatten zerstörerische Wirkung. Auch finanziell ist er stark unter Druck wegen angeblicher Millionen-Schulden. Doch bei all den Problemen ist da unübersehbar der aufrechte, stolze, unbesiegbare Boris zu sehen. Der den deutschen Zuschauern nun sagt: "Ich war noch nie Euer Boris!" In der Zeitschrift Gala setzte er kürzlich einen drauf: "Ich habe einen deutschen Pass, aber ich fühle mich nicht als Deutscher." War alles nur ein großes Missverständnis gewesen?

Boris Becker war einerseits der perfekte deutsche Held. Aufgewachsen in der Provinz, wo sich seit der Romantik die Sehnsüchte des ganzen Landes spiegelten. Die Heimatgeschichten über den Geburtsort Leimen in Baden wärmten die westdeutschen Moralvorstellungen. Andererseits war ihm diese Welt schon früh zu klein gewesen. Sein extrovertiertes Verhalten, sein Selbstbewusstsein mit dem Hang zur Arroganz war vielen suspekt. Es gab Menschen, die ihn verehrten und andere, die ihn verabscheuten - dazwischen gab es wenige. Als ihm nach der Profi-Karriere viel im Leben misslang, überwog die Häme. Die Deutschen hatten ihn hochgejubelt wie nie einen Einzelsportler zuvor. Er war das Bobbele der Nation, Bumm Bumm Boris, die Nummer eins im Land. Als es bergab ging, ließen ihn die Landsleute umso härter fallen. Erst das erfolgreiche Engagement als Trainer von Novak Djokovic von Dezember 2013 bis Dezember 2016 rehabilitierte sein Ansehen in der Öffentlichkeit. Er kommentierte sogar für einen deutschen Sender Tennisspiele, was jahrelang undenkbar schien. Mit 50 ist er eine Art elder statesman des deutschen Sports.

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen genialen Sportler und großartigen Unterhalter. Er war ja nie der schnellste, nicht der mit den besten Schlägen, nicht der talentierteste. Aber er hatte die Wucht und die furchteinflößende Kaltblütigkeit, einen Gegner auf dem Platz fertig zu machen. Koste es, was es wolle. Er nahm sich und die Zuschauer bei fast jedem Match mit auf eine Reise, mitunter ging es steil nach oben ins Glück, um aus Hochmut oder Nachlässigkeit plötzlich tief in die Krise zu stürzen. Erst wenn alles verloren schien, wühlte und strampelte sich Boris Becker aus aussichtslosen Situationen wieder an die Oberfläche. Bis der Gegner, zermürbt von dieser Energie, Mut und Kraft verlor. Und selbst wenn es in einer Niederlage endete, war die Show gut.

Aus dem D-Jugend-Team in Sendling ist kein Tennisheld hervorgegangen. Nach ein paar Versuchen merkten die meisten bald, dass man zwar auf den Ball dreschen konnte wie Boris, der Ball dann aber meistens hinten im Maschendrahtzaun landete statt im Feld. Nicht einmal darüber aufregen konnte man sich so schön wie er. Boris Becker ist eben einzigartig.