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Wissenschaft - Mainz

Inzucht bei Rotwild in Hessen: Nicht aber in Rheinland-Pfalz

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Mainz/Trier (dpa/lrs) - Bundesstraßen, Autobahnen und Bahntrassen zerschneiden Wälder und stoppen Tiere: Rotwild ist in Hessen wegen genetischer Verarmung und Inzucht in Gefahr - nicht aber in Rheinland-Pfalz. Wie erklärt sich dieser Unterschied?

In Hessen ist die genetische Vielfalt der größten heimischen Säugetierart laut einer Untersuchung an der Uni Gießen seit langem deutlich zurückgegangen. Die Rothirsche als "Könige der Wälder" seien weniger widerstandsfähig gegen Umwelteinflüsse und Krankheiten geworden. Da sich die Tiere oft nur noch innerhalb einer Teilpopulation paaren könnten, komme es zu Inzucht. Es seien bereits Missbildungen dokumentiert, etwa eine Verkürzung des Unterkiefers.

Für Rheinland-Pfalz dagegen teilt das Mainzer Forstministerium unter Berufung auf eine Studie der Uni Trier der Deutschen Presse-Agentur mit, dass die Rotwildpopulationen "eine hohe genetische Vielfalt aufweisen und keine negativen Effekte von Inzucht zeigen". Weiter heißt es: "Neben neueren Grünbrücken dürften die zahlreichen Talbrücken (der Autobahnen) in den Mittelgebirgsregionen einen Austausch zwischen diesen Populationen ermöglichen."

Laut dem Mainzer Verkehrsministerium seien in den vergangenen zehn Jahren rund 20 Grünbrücken und Grünunterführungen fertiggestellt worden. "Etwa 20 weitere sind in Planung beziehungsweise werden gebaut." Diese Bauwerke ermöglichen Tieren die Querung von wichtigen Verkehrswegen. Das benachbarte Hessen dagegen hat laut dem Gießener Wildbiologen Gerald Reiner die dritthöchste Siedlungs- und Verkehrsdichte aller Bundesländer. Nach Angaben der Behörde Hessen Mobil gibt es in diesem Bundesland nur neun größere Grünbrücken. Fünf weitere seien in Bau und zusätzlich fünf Brücken in Planung.

Rheinland-Pfalz hat dem Mainzer Forstministerium zufolge einen "hohen Rotwildbestand", der auf einer Waldfläche von 368 900 Hektar "jagdlich bewirtschaftet wird". Als natürliche Barrieren könnten Rhein und Mosel wirken, außerdem vor allem die Autobahnen A3 mit der ICE-Trasse im Westerwald, die A61, A48/A1 sowie die A60 in der Eifel, die A61 im Hunsrück sowie die A6, die A61 und A65 in der Pfalz. Diese Autobahnen seien weitgehend mit "wilddichten Zäunen" gesichert.

Im Rahmen der Studie der Uni Trier im Auftrag des Forstministeriums untersuchten Experten vor mehreren Jahren Genmaterial von gut 2300 Tieren aus allen Rotwildbezirken von Rheinland-Pfalz. Laut Ministerium ließen sich vier große genetische Gruppierungen (Cluster) dieser Säugetiere im Land dokumentieren: in Eifel, Hunsrück, Pfälzerwald und den rechtsrheinischen Wäldern.

Nach Angaben des Trierer Biologen Axel Hochkirch sind diese Gebiete so weitläufig, "dass keine Gefahr von Inzucht besteht". Zwar komme es auch in großen Populationen manchmal zu Paarungen zwischen recht nahen Verwandten. Das sei aber kein gravierendes Problem: "Insgesamt ist das Rotwild in Deutschland keine gefährdete Art."