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Geschichte - Ludwigsburg

Hilfe der Landesministerien für NS-Regime unterschätzt

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Stuttgart (dpa/lsw) - Die Landesministerien in Baden und Württemberg haben einer Studie zufolge das NS-Regime zwischen 1933 und 1945 viel eifriger unterstützt als bisher angenommen. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) stellte Montag im Staatsarchiv Ludwigsburg entsprechende Ergebnisse eines mehrjährigen Forschungsprojekts vor. Die Ministerien seien demnach Teil des nationalsozialistischen Systems gewesen und hätten sich direkt und indirekt "an der Vollstreckung der diktatorischen Politik der Entrechtung, der Verfolgung, des Völkermords" beteiligt.

Die Vermutung, dass es auf Landesebene eine größere Resistenz und Distanz gegenüber den NS-Machthabern gegeben hätte, habe nicht bestätigt werden können, sagte Bauer. Man gewinne eher den Eindruck einer besonders eifrigen Unterstützung der ideologischen Kernziele des NS-Regimes. Das Bild vom geordneten Behördenbetrieb, der keine Fragen stelle, habe sich hingegen gezeigt. Entgegen bisheriger Annahmen habe es auch durchaus Handlungsspielräume auf Landesebene gegeben. Die Ministerien hätten diese oftmals aber sogar zur verschärften Umsetzung der Reichsdirektiven genutzt.

Ziel der 2014 initiierten Untersuchung im Auftrag des Wissenschaftsministeriums war es, das Selbstverständnis und die Handlungsprinzipien der damaligen Ministerialverwaltung in Baden und Württemberg aufzuarbeiten. Das Projekt wurde von der Baden-Württemberg-Stiftung mit 1,45 Millionen Euro finanziert.

Die Untersuchung mache deutlich, wie "die teils zurückhaltende, teils willfährige, teils skrupellose Mitwirkung zahlreicher Landesbediensteter an der nationalsozialistischen Herrschaftspraxis die Durchsetzung und Ausgestaltung des "Dritten Reichs" vor Ort, im sozialen und regionalen Nahbereich, erst ermöglicht hat", teilte das Wissenschaftsministerium mit.

Die Rolle der Länderregierungen sei bislang ein wenig beachteter Teil der nationalsozialistischen Machtgrundlagen, sagte Bauer. Die Mühelosigkeit, mit der sich das alltägliche Verwaltungshandeln damals an die herrschende Doktrin angepasst habe, müsse einem zu denken geben. Die gewonnenen Erkenntnisse würden wie ein Brennglas Licht darauf werfen, dass unsere Demokratie verletzlich sei. Um Demokratie müsse stets neu gerungen werden.

Professor Wolfram Pyta, Mitherausgeber der Publikation von der Universität Stuttgart, sagte, man habe damals nicht "mit dem eisernem Besen kehren" müssen, da es eine hohe Bereitschaft gegeben habe, den neuen Machthabern entgegenzukommen. So habe Württemberg als einziges Land im nationalsozialistischen Reich 1937 einen weltanschaulichen Unterricht eingeführt, mit dem man versucht habe, den Einfluss der christlichen Religionsgemeinschaften einzudämmen und NS-Gesinnung zu vermitteln.

Ministerin Bauer und die Forscher stellten am Montag auch das Folgeprojekt vor, dass die Opferdiskriminierung durch die öffentliche Verwaltung von 1945 bis 1952 in den Blick nehmen soll. "Wir können nicht einfach 1945 aufhören und so tun, als wäre es die Stunde Null. Die Menschen waren nach wie vor da – Täter und Opfer", sagte Professor Edgar Wolfrum von der Universität Heidelberg. Das dreijährige Projekt nehme auch den Umgang mit Sinti und Roma in der Nachkriegszeit in den Blick.