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Geschichte - Berlin

Erstmals Spionagebunker von Stasi-General öffentlich

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Gosen/Berlin (dpa) - Mitten im Wald östlich von Berlin steht eine Fabrikhalle. Sie ist leer, und das war sie schon immer. Zwischen Kiefern und Birken am Rande der brandenburgischen Gemeinde Gosen-Neu Zittau führt die Spur einstiger Aktivitäten vielmehr unter die Erde.

"Das Gebäude war eine Tarnung", sagt Jörg Diester vom Verein Bunker-Dokumentationsstätten. Denn darunter hatte das DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) 1984 einen massiven Betonbunker fertiggestellt, abgeschirmt auch durch mehrere Sperrkreise in dem Waldstück am Seddinsee.

Von dieser "Ausweichführungsstelle" aus sollte Spionagechef Markus Wolf bei einem Krisenfall wie etwa einem Atomschlag das Stasi-Agentennetz im Westen weiter führen, erklärt Diester. Erst jetzt, 30 Jahre nach dem Mauerfall, rückt der einst geheime Ort ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Ab Juli soll es hier erstmals öffentliche Führungen auf dem privaten Gelände geben, organisiert von dem Verein.

Nach einer schweren Metalltür in der Halle führt eine steile Treppe abwärts. Duschen, mit denen eine atomare Verseuchung abgewaschen werden sollte, sind im Original zu sehen. Lange, schmale Gänge führen an Schlafkammern für technisches Personal vorbei. In der Arztstation liegt noch ein wenig Verbandsmaterial von damals. In der einstigen Kommandozentrale sind Dolmetscherkabinen eingebaut.

In Raum 14 steht das Bett mit einer orange-beige-braunen Matratze für Markus Wolf, der hier laut Verein aber nie eine Nacht verbrachte. Zur "Einweihung" der geheimen Anlage sei der Chef der Hauptabteilung Aufklärung (HVA) da gewesen. Eine Übung habe es in dem Spionage-Bunker jedoch nie gegeben. Fünf Mitarbeiter hätten in Schichten die gespenstische Anlage einsatzbereit gehalten.

Alles sei autark gewesen in dem Millionenprojekt - von Anlagen zum Aufbereiten von Trinkwasser über Luftfilter bis zur Stromerzeugung, zeigt Diester. Der Bunker vom Typ V2C bestand demnach aus zwei spiegelgleichen Teilen mit 22 Räumen sowie separaten Ein- und Ausgängen. "Wäre eine Seite getroffen worden, hätte die andere übernommen." Das MfS sei ein "perfekt durchorganisierter Apparat" gewesen.

Doch die Stasi-Leute hätten nicht begriffen, wie angespannt die ökonomische Lage in der DDR war, während immens viel Material und Geld in den Bunkerbau gesteckt wurde, resümiert Diester, der im Hauptberuf Pressesprecher der Handwerkskammer Koblenz ist. Auch für Stasi-Chef Erich Mielke und Parteichef Erich Honecker waren unterirdische Anlagen gebaut worden.

Und erst 1988 war in der Nähe des 1400 Quadratmeter großen Gosener Bunkers eine neue Agentenschule der Stasi eröffnet worden, mit Wohnblocks, Kino, Schwimmhalle und Sportplatz - die Studenten hätte aber nichts von der Krisen-Kommandostelle gewusst.

Markus Wolf, der lange als "Mann ohne Gesicht" galt, wurde 1979 mit einem Titelfoto des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" erstmals nach außen sichtbar. "Die graue Eminenz der Spionagewelt" war 1978 in Stockholm fotografiert worden.

Der langjährige Mielke-Stellvertreter hatte auch Günter Guillaume rekrutiert, dessen spätere Enttarnung 1974 zum Rücktritt des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt führte. Wolf führte Regie über etwa 4000 Auslandsagenten. Der Stasi-General schied 1986 auf eigenen Wunsch aus dem MfS-Dienst aus.

Bis zu acht Tage hätten in dem Gosener Bunker 135 Mitarbeiter ausharren können, sagt Diester. Im Westen seien die Atomschutzbunker dagegen für 30 Tage zum Überleben angelegt gewesen. Der 50-Jährige befasst sich seit langem mit "deutsch-deutscher Bunkerspionage" in Zeiten des Kalten Krieges.

Eine spannende Frage dabei: Was wusste der Osten über die Regierungsbunker im Westen, die für den DDR-Geheimdienst wichtige Spionageziele waren? Die Stasi habe sich für die Technik, den Aufbau der westdeutschen Rückzugsorte für den Kriegsfall, aber auch für die NATO-Übungen, die dort stattfanden, interessiert.

Während es in Westdeutschland laut Verein etwa 2000 "strategisch operative Objekte" gab - darunter auch der Regierungsbunker in Ahrweiler bei Bonn - waren es in der DDR knapp 30 unterirdische Anlagen.

Recherchiert wurde auch in Dokumenten der Stasi-Unterlagen-Behörde - mit einem Überraschungsfund: Von der HVA, die ihre Akten nach dem Mauerfall weitgehend selbst vernichten konnte, wurden "Drehbücher" für Nato-Übungen ab 1966 in westdeutschen Regierungsbunkern entdeckt. Die Stasi hatte sie sich beschafft und war bestens informiert. "Ich war sprachlos über den Fund", sagt Diester. Vielleicht seien die Dokumente auch gewollt übrig geblieben.

Die Stasi habe ihre West-Spitzel strategisch platziert, resümiert der Bunker-Experte. So habe sie auch die Friedensbewegung beeinflusst, die vor dem Regierungsbunker in Ahrweiler demonstrierte und ihn damit in die Öffentlichkeit rückte.