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Bahn - Hannover

"Wie nach Bombenangriff": Hannover gedenkt Bahnunglück

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Hannover (dpa/lni) - Das Trümmerfeld auf dem Güterbahnhof in Hannover gleicht dem nach einem Bombenangriff. Umgeworfene Waggons liegen herum, Gleise sind herausgerissen und Stromleitungen hängen als wirres Drahtgeflecht in der Luft. Dem verheerenden Explosionsunglück im Bahnhof Linden/Fischerhof am 22. Juni 1969 haben Bahn und Feuerwehr am Samstag gedacht. Damals kamen acht Feuerwehrleute und vier Bahnmitarbeiter ums Leben, vierzig weitere Personen wurden verletzt. Der Schaden betrug knapp 40 Millionen Mark. Auslöser war die Explosion eines mit Panzergranaten beladenen Waggons, der wegen eines heißgelaufenen Rads in Brand geraten war.

Zu dem Gedenken in der Feuer- und Rettungswache 4, von dem die Feuerwehr zu ihrem verhängnisvollen Einsatz aufbrach, kamen am Samstag unter anderen Bürgermeisterin Regine Kramarek und die Norddeutschlandchefin der Bahn, Manuela Herbort. Sie legten einen Kranz nieder und hielten eine Schweigeminute ab. Eine Gedenktafel erinnert seit langem in der Bahnhofsunterführung namentlich an die Opfer.

Schon vor Ankunft des Güterzugs in Hannover melden Streckenposten damals Funkenflug und Rauch an einem der Wagen. Beim Halt im Bahnhof Hannover-Linden/Fischerhof wird die Feuerwehr alarmiert. Rangierarbeiter Dieter Liedtke, der wahrscheinlich den Warnzettel mit dem Hinweis auf explosive Stoffe an dem qualmenden Waggon entdeckt, koppelt diesen vom Rest des Zuges ab und ruft dem Lokführer zu, den Rest des Zuges vorzuziehen.

Dann holt er einen Feuerlöscher und rennt zurück. In dem Moment explodiert der Wagen mit 210 Panzergranaten im Gesamtgewicht von 15 Tonnen. Liedtke, drei seiner Bahnkollegen und acht Feuerwehrleute, die an dem Sonntagmorgen sehr schnell zur Stelle sind, werden bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.

Als "Held von Linden" wird der erst 26 Jahre alte Liedtke später gewürdigt, denn hätte er den Waggon nicht abgekoppelt und den Lokführer geistesgegenwärtig anfahren lassen, hätte die Explosion in einem noch viel größeren Inferno geendet. Auch die vier vor dem Unglückswaggon laufenden Wagen nämlich hatten Granaten geladen.

"Niemand wusste genau, was in dem Wagen eigentlich drin war. Die Kollegen mussten erst zur Lok laufen, um die Frachtpapiere einzusehen", sagte ein Bahnbeamter später der dpa, der damals als Zugmelder die Katastrophe vom Stellwerk aus miterlebte. Als der Fahrdienstleiter schließlich Bescheid weiß, ist es zu spät: "Er schaltete alle Lautsprecher ein: ,Weg ...' Mehr hörte ich nicht. Dann flog ich samt Stuhl durch den Raum und wurde ohnmächtig", erzählte der Bahner.

"Auf dem Bahnhof sah es aus wie nach einem Bombenangriff", berichten Augenzeugen nach dem Unglück. Das Fahrwerk des Munitionswagens hatte sich in einem Krater tief in die Erde gebohrt, die 120 Meter lange Stückguthalle war wie ein Kartenhaus zusammengefallen.

Tausende kamen später zu der Trauerfeier auf den Trammplatz, wo die Särge der Toten vor dem Rathaus aufgebahrt waren. Der Oberbürgermeister, der Ministerpräsident und der damalige Verteidigungsminister Georg Leber würdigten die Toten.

Unmittelbar nach dem Unglück wurden auch Vermutungen über Sabotage laut. Die Unglücksursache stand erst mehrere Monate später endgültig fest: Durch eine festsitzende Bremse war ein Rad heißgelaufen. Die Regeln für den Transport gefährlicher Stoffe auf Schienen wurden seitdem verschärft. Munition aber, das teilte das Verteidigungsministerium in Berlin mit, wird weiterhin per Bahn transportiert.