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Kommunen - Gera

Kulturhauptstadt: Instrumentenbau und Architektur als Gründe

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Gera (dpa/th) - Nur noch gut vier Monate hat die Stadt Gera Zeit, um ihre Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas 2025 fertig zu stellen. Auch wenn die Zeit knapp ist - Peter Baumgardt ist sich sicher: "Gera hat gute Chancen." Als Kulturhauptstadtmanager hat er die Aufgabe, die Bewerbung in trockene Tücher zu bringen. Dass er so überzeugt ist, hat Gründe: "Diese Stadt ist ein Füllhorn kultureller Schätze."

Bekannt und reich wurde Gera zwar in erster Linie durch Industrien wie die Textilherstellung, den Maschinenbau und den Bergbau. Doch Baumgardt kennt ganz andere Beispiele: "Ich bin total fasziniert vom Instrumentenbau, der hier ab dem 18. Jahrhundert blühte und auch zu DDR-Zeiten und heute noch Nachhaltigkeit zeigt." Dabei verweist er unter anderem auf den Geraer Klavierbauer Christian Ernst Friderici, der um 1745 das Pyramidenklavier erfand. "Das ist meiner Meinung nach etwas, was von europäischer Relevanz ist, weil es heute noch ausstrahlt, wenn es etwa im Goethe-Haus in Frankfurt oder dem Instrumentenmuseum in Brüssel zu sehen ist."

Zudem habe Gera eine aus seiner Sicht tolle Architekturgeschichte, die auf sehr überschaubarem Raum nachzuvollziehen sei. Das reiche von Villen aus der Gründerzeit über den Bauhausstil bis hin zum DDR-Plattenbau - an dem man sehen könnte, was für eine kluge Idee hinter den Plattenbauvierteln gesteckt habe. "Wohnungen mit Fernheizung und Bad, Kindertagesstätten, Schulen, Ärzte, Versorgungseinrichtungen, alles auf einem Fleck." Und in Gera zudem zum Teil beispielhaft saniert.

Ein weiteres Schwerpunkt-Thema der Bewerbung: "Die Wismut gehört entzaubert, die Wahrheit aufgedeckt, nämlich die Verlogenheit eines Staates, die Missachtung von Mensch und Umwelt", erklärt der Kulturmanager weiter. Nicht gemeint sei dabei "Die friedliche Nutzung der Kernenergie", wie sie Werner Petzold in seinem Monumentalwerk auftragsgemäss darstellte. "Die Uranförderung für die Sowjets mitten in Europa war zum Zweck der Bedrohung Europas, hatte und hat Auswirkungen auf Europa. Und die Wismutkunst gehört nach wissenschaftlicher Aufarbeitung als Dokument von Auftragskunst, wie es sie immer noch unreflektiert auf der Welt gibt, nach Gera."

Der Manager will auch Ideen aufgreifen, die aus der Stadt, aus der Bevölkerung, aus Initiativen oder Netzwerken an ihn herangetragen werden. "Wir wollen Projekte übernehmen, von denen die Menschen denken, dass es etwas Außergewöhnliches sein könnte, von denen sie denken "Das sollten wir ganz Europa zeigen"." Dabei denkt er auch daran, dass die ursprüngliche Idee zur Bewerbung als Kulturhauptstadt einer privaten Initiative von jungen Leuten entstand.

"Die Initiative Gera 2025 mit Thomas Laubert an der Spitze hat unglaubliches geleistet." Sie habe es geschafft, das Land Thüringen davon zu überzeugen, die Bewerbung Geras zu unterstützen. "Wenn ich mir die anderen Bewerbungen anschaue, dann ist hier etwas Einzigartiges", schätzt Baumgardt ein. Eigentlich gehe jede Bewerbung aus einem kulturpolitischen Anspruch der Städte hervor. "Und hier ist sie aus einer Initiative hervorgegangen, die sagt: Wir haben hier unglaublich viel und das wollen wir zeigen."

Dass Gera schwer verschuldet ist, muss laut Baumgardt nicht unbedingt ein Hindernis sein. "Wenn wir ein solides Finanzierungskonzept vorlegen, das auch deutlich macht, dass wir nicht nach den Sternen greifen, dann spielt das keine Rolle." Man wisse, dass durch Kultur und Kulturhauptstadt eine Nachhaltigkeit entstehe. Es werde für die Stadt und die Region etwas bleiben. Deshalb sei es ihm auch sehr wichtig, andere Kommunen und die Landkreis in Ostthüringen mit ins Boot zu holen. Mindestens zehn Zusagen hat er nach eigenen Angaben bereits in der Tasche.

ZUR PERSON: Peter Baumgardt wurde 1958 in Lübeck geboren. Er ist Theaterschauspieler, -regisseur und -intendant sowie Kulturmanager. Als künstlerischer Direktor betreute er die Bewerbung der Europastadt Görlitz-Zgorzelec zur Kulturhauptstadt Europas. Zusammen mit Essen kam Görlitz bis in die Endrunde nach Brüssel.