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Extremismus - Wiesbaden

Eltern des Kasseler NSU-Opfers kommen zu Wort

Direkt aus dem dpa-Newskanal

Wiesbaden (dpa/lhe) - In einer bewegenden Sitzung des NSU-Ausschusses im hessischen Landtag sind am Montag die Eltern des Kasseler Mordopfers Halit Yozgat zu Wort gekommen. Der Vater Ismail Yozgat berichtete den Abgeordneten, wie er im April 2006 kurz nach den tödlichen Schüssen seinen Sohn im Internetcafé gefunden hatte. Dabei erhob er schwere Vorwürfe gegen den damaligen Verfassungsschützer Andreas Temme. Dieser war kurz vor oder während des Mordes am Tatort - hat jedoch nach eigener Aussage nichts gesehen. Nach der Überzeugung von Ismail Yozgat lügt Temme.

Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, Hartmut Honka, drückte der Familie im Namen des Gremiums sein tiefes Mitgefühl aus. "Das Schlimmste, was einem Menschen im Leben geschehen kann, ist, das Kind zu Grabe zu tragen", sagte er in Wiesbaden.

Der Mord wird der rechtsextremen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) zugerechnet. Der Landtagsausschuss untersucht seit 2014, ob während der Ermittlungen Fehler von hessischen Behörden gemacht wurden.

Ismail Yozgat und seine Frau Ayse wurden zwar formal als Zeugen vernommen - jedoch ging es den Abgeordneten vornehmlich darum, auch den Hinterbliebenen im Gremium eine Stimme zu geben. Der NSU-Ausschuss hat seit seiner ersten Sitzung 2014 insgesamt rund 2000 Akten gesichtet und etwa 100 Zeugen vernommen. Ob die Befragungen nun abgeschlossen sind, entscheidet sich in den kommenden Wochen. Als nächstes würde dann der Abschlussbericht anstehen.

In ihrer bewegenden Aussage hätten Ismail und Ayse Yozgat dem Gremium vor Augen geführt, dass nichts den Schmerz der Eltern über den Verlust ihres Kindes lindern kann, erklärte die Obfrau der SPD, Nancy Faeser. Zur Aufklärungsarbeit des Ausschusses gehöre es auch, deutlich zu machen, "dass wir hier nicht von einem anonymen Fall sprechen, sondern dass hinter jedem der unfassbaren NSU-Morde die Schicksale der Hinterbliebenen stehen". Auch laut Grünen-Obmann Jürgen Frömmrich war es "sehr richtig", den Eltern das voraussichtlich letzte Wort in der Beweisaufnahme zu überlassen.

Linken-Obmann Hermann Schaus sprach von einer "außerordentlich bewegenden und emotionalen Sitzung". Die Aussagen der Yozgats zeigten, dass die Familie durch den Umgang der Behörden bei den Ermittlungen ein weiteres Mal zu Opfern geworden seien. "Ihren wiederholten Hinweisen, dass die Mörder aus ausländerfeindlichen Motiven gehandelt haben müssen, wurde nicht nachgegangen." Stattdessen sei die Familie stigmatisiert und observiert worden.