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Bundespräsident - Rothenklempenow

Steinmeier zu Besuch: Vorzeigedorf und Rechtsextremismus

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Ducherow/Anklam/Bröllin (dpa/mv) - Pralles Dorf- und Vereinsleben mit engagierten Menschen einerseits und eine dauerhafte rechtsextreme Szene andererseits - so hat sich Vorpommern am Donnerstag dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier gezeigt. Das Staatsoberhaupt war auf seiner siebten Tour "Land in Sicht" seit 2018 diesmal im Landkreis Vorpommern-Greifswald unterwegs. "Mehr als 50 Prozent der Menschen in Deutschland leben auf dem Lande. Deshalb verdient der ländliche Raum mehr Aufmerksamkeit", sagte er am Abend bei einem Empfang von Ehrenamtlichen im Schloss Bröllin bei Pasewalk.

Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zwischen Stadt und Land sei nicht gleich. So bestimme der E-Roller seit Wochen die Titelseiten. "Aus Sicht der ländlichen Regionen ist das ein Luxusproblem", kommentierte der Bundespräsident. Er forderte Öffentlichkeit und Politik auf, nicht über abgehängte Räume zu reden. Bei seinen Touren aufs Land habe er festgestellt, dass es überall Menschen gebe, durch die trotz veränderter Bedingungen auf den Dörfern das Leben lebenswert werde.

Mit der ersten Station Ducherow besuchte Steinmeier kein typisches Dorf: Die Gemeinde ist mit 2500 Einwohnern vergleichsweise groß und hat eine gute Infrastruktur. Bürgermeister Bernd Schubert (CDU) zählte auf: Kita, Schule, Einkaufsmöglichkeiten, Arztpraxen, Alten- und Pflegeheim, Bahnstation, Handwerksbetriebe, die Diakonie mit einer Behindertenwerkstatt, die Agrargesellschaft.

"Die Jugend aus dem ländlichen Raum begrüßt Sie", sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) und zeigte auf einen kleinen Jungen im Kinderwagen. Die Mutter des Kindes, Katrin Ulrich, noch in Elternzeit, trainiert im Karnevalsclub die Funkengarde, die für den Staatsbesuch im Sonnenschein vor dem Sportzentrum tanzte. Auch der Fußballclub, die Jugendfeuerwehr und junge Imker stellten sich vor. Im Haus der Vereine, dem Domizil für Jugendclub und Landfrauen, trafen sich Steinmeier und Schwesig zum Gespräch mit den Einheimischen. 

Das für 650 000 Euro hergerichtete Haus ist ein Ergebnis des Projektes "UniDorf" der vorpommerschen Region, der Hochschule Neubrandenburg und der Universität Greifswald. Ein Jugendbeirat sei gegründet worden, der drei Jahre bestand, wie das einstige Mitglied Laura Hollunder berichtete. Als die erste Generation aus der Schule war und das Dorf verließ, fanden sich keine Nachfolger. Der Jugendclub ist aktiv, aber Jugendliche aus der Umgebung ohne Fahrzeug hätten es schwer, ihn zu erreichen, sagte ein Mädchen.  

Ansonsten wurden dem Staatsoberhaupt kaum Probleme präsentiert. Doch Steinmeier hatte auf der Fahrt die Augen offen gehalten: Es seien viele leere Häuser zu sehen, sagte er, eine Folge des Bevölkerungsschwundes. Dieser sei zumindest in Anklam gestoppt, entgegnete der Staatssekretär für Vorpommern, Patrick Dahlemann (SPD), beim gemeinsamen Besuch des Regionalzentrums für Demokratie in Anklam. Es gebe mehr Zuzüge als Wegzüge. Das Zentrum berät insbesondere Multiplikatoren wie Lehrer und Erzieher, wie sie den Alltag demokratischer gestalten können und mit extrem rechten Strukturen umgehen können.

Die rechtsextremistische Szene in Vorpommern ist demnach im Wandel. "Sie agiert nicht mehr so martialisch wie in den 1990er Jahren. Aber die Menschen sind da", sagt Leiterin Delphine Wollenberg im Gespräch mit Steinmeier. Eine Strategie der extrem Rechten sei die Bildung wirtschaftlicher Netzwerke. Immer mehr würden sie in Elternvertretungen sitzen und soziale Berufe ergreifen.

Im Schloss Bröllin, einem Kulturzentrum, das kurz nach der Wende von Berliner Theaterleuten in einem maroden Gutshof gegründet worden war, erfuhr Steinmeier von Ängsten vor veränderten Machtverhältnissen im Kreistag. Die AfD wurde bei der Wahl im Mai zweitstärkste Kraft und hat Unterstützung für diese Art Kultur bereits abgelehnt. Bröllin bietet freien Theater- und Zirkusgruppen Auftritts- und Proberäume. Das Team sieht eine Chance in Stettin: Geschäftsführer Falko Reichardt spricht von deutsch-polnischem Jugendaustausch, polnischen Familien, die sich in der Region ansiedeln und polnischen Theatergruppen, die im Schloss arbeiten könnten. Dahlemann prognostizierte: "Stettin - diese Stadt wird die wichtigste Antwort auf das Gefühl der Abgehängtheit sein."