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Prozesse - Leipzig

Lebenslange Haft für Mord im Rocker-Milieu

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Leipzig (dpa/sn) - Machtkämpfe und Rache im Rockermilieu: Nach 90 Verhandlungstagen sind im Prozess um einen Mord in der Leipziger Rockerszene alle vier Angeklagten zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt worden. Die vier Mitglieder wollten die Ehre ihres inzwischen aufgelösten Leipziger Chapters der Hells Angels verteidigen, befand das Gericht. Sie wurden am Dienstag wegen gemeinschaftlichen Mordes sowie versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen verurteilt. Das Urteil folgte damit weitgehend dem Strafantrag des Staatsanwaltes.

"Sie haben die Ehre ihres Clubs über das Leben eines Menschen gestellt. Sie werden nun überlegen müssen, ob es das wert gewesen ist", sagte der Vorsitzende Richter Johann Jagenlauf bei der Urteilsverkündung im Landgericht.

Demnach hat der Jüngste der zwischen 33 und 47 Jahren alten Männer im Sommer 2016 in der Eisenbahnstraße ein Mitglied des rivalisierenden Rockerclubs United Tribuns erschossen. Zwei weitere Männer wurden verletzt.

Die Mitangeklagten wussten nach Einschätzung des Gerichts von dem Vorhaben - die vier hatten einen gemeinsamen Tatplan. Sogar der Oberstaatsanwalt hatte in seinem Plädoyer Zweifel am gemeinsamen Plan geäußert. Die Kammer befand aber, dass die Verurteilten sich über ihr Vorhaben abgestimmt haben. Sie seien zusammen und bewaffnet zum Tatort gefahren. Dort hätten sie ein Zusammentreffen mit den United Tribuns provoziert.

Nachdem ein Rivale in Richtung eines Hells Angels getreten hatte, soll der 33-Jährige ohne zu zögern sieben Schüsse abgegeben haben. Ein Polizist, der vor Ort war und weggestoßen wurde, hatte den Schützen identifiziert. Als der niedergeschossene 27-Jährige am Boden lag, traten die anderen Männer laut Gericht noch auf ihn ein.

Den Hells Angels sei es um Rache für einen Angriff eines Mitglieds der United Tribuns auf den Haupttäter am Vormittag des Tages gegangen, stellte Jagenlauf fest. Diese "Clubrache" sei ein niederer Beweggrund gewesen - ein Merkmal für einen Mord.

Die Angeklagten schwiegen bis zum Ende des Prozesses, der im September 2017 begonnen hatte. Auch Zeugen, die nicht aus dem Rocker-Milieu kamen, seien nicht bereit gewesen, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, sagte Jagenlauf am Dienstag. "Der Prozess gehört mit Sicherheit zu den umfangreichsten, die in Leipzig verhandelt wurden", betonte er bei der Urteilsverkündung.

Und er stellte klar: "Nein, die Angeklagten sind nicht verurteilt worden, weil sie Hells Angels sind." Fest steht für Jagenlauf aber auch: Die Rocker sind "keine freundliche Kneipenrunde". Die Hells Angels hatten sich 2008 in Leipzig gegründet. Im April 2016 gründeten sich die United Tribuns und bekundeten Machtansprüche. Dieser Konflikt erreichte seinen Höhepunkt am 25. Juni 2016, dem Tattag. Nach den tödlichen Schüssen löste sich das Leipziger Chapter der Hells Angels auf.

Nach der Urteilsverkündung umarmten etwa 30 Sympathisanten die Verurteilten lange über die Anklagebank hinweg. Die Stimmung war bedrückt. An zahlreichen Prozesstagen waren Freunde der Angeklagten unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen in den Gerichtssaal gekommen, hatten den Beschuldigten Süßigkeiten und Getränke über die Anklagebank gereicht und ihnen auf die Schultern geklopft.

Die Urteile des Landgerichts sind allerdings noch nicht rechtskräftig. Die Verteidiger des 36-, 42- und 47-Jährigen wollten sich zunächst nicht äußern, ob sie das Urteil so hinnehmen werden. Curt-Matthias Engel, Verteidiger des verurteilten Schützen, bezeichnete das Urteil als "inkonsequent und widersprüchlich". Er erwäge, Revision einzulegen.