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Prozesse - Hamburg

Behördenmitarbeiter mit Brandsatz getötet: Gerichtprozess

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Hamburg (dpa/lno) - Eine dramatische Attacke mit einem Brandsatz auf Behördenmitarbeiter beschäftigt seit Mittwoch das Hamburger Landgericht. Mit brennendem Spiritus soll ein 29-Jähriger zwei Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes und seinen Betreuer angegriffen haben, als diese ihn aus seiner Wohnung im Stadtteil Eißendorf in eine psychiatrische Einrichtung bringen wollten. Einer der Behördenmitarbeiter kam bei der Tat am 24. September 2018 ums Leben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten grausamen, heimtückischen und mit gemeingefährlichen Mitteln verübten Mord vor. Die weiteren Anklagepunkte lauten: zweifacher versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung und schwere Brandstiftung.

Die Mitarbeiter des Zuführungsdienstes Altona hatten die Wohnung mit Hilfe eines Schlüssels betreten, den ihnen der Vater des 29-jährigen Deutschen gegeben hatte. Doch der junge Mann hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Als einer der Behördenmitarbeiter die Tür eintrat, soll der Angeklagte den Brandsatz auf den 50-Jährigen und dessen Kollegen geschleudert haben. Die Kleidung beider Mitarbeiter fing Feuer. Die Druckwelle einer Verpuffung schleuderte den Betreuer ins Wohnzimmer.

Der 50-Jährige konnte sich noch seine brennende Jacke vom Körper reißen und durch das Treppenhaus ins Freie laufen. Auf dem Rasen vor dem Haus erlag er jedoch seinen schweren Verletzungen. Sein damals 59 Jahre alter Kollege löschte seine Kleidung unter der Dusche im Badezimmer und lief ebenfalls aus dem Haus. Zunächst schwebte er in akuter Lebensgefahr, konnte aber schließlich gerettet werden. Infolge der schweren Verletzungen im Gesicht und am Oberkörper sei er auf Dauer entstellt, sagte die Staatsanwältin.

Der mutmaßliche Täter sprang aus dem Küchenfenster der brennenden Wohnung im dritten Obergeschoss und erlitt ebenfalls schwerste Verletzungen. Der damals 58-jährige Betreuer kam mit leichten Blessuren davon.

Wenige Tage vor der Attacke hatte eine Richterin den Angeklagten in seiner Wohnung aufgesucht und angehört, weil er auf Antrag des Betreuers in eine Klinik eingewiesen werden sollte. Dabei habe sie keine Anzeichen für eine Gefahr bemerkt, sagte ein Gerichtssprecher. Grundlage für den Antrag des Betreuers war eine befürchtete Eigengefährdung. Der Brandanschlag hatte große Betroffenheit in Hamburg ausgelöst. Bürgermeister Peter Tschentscher und die Altonaer Bezirksamtsleiterin Liane Melzer (beide SPD) hatten ihre Bestürzung geäußert.

Der Vorsitzende der Strafkammer am Landgericht, Joachim Bülter, erklärte zu Prozessbeginn, nach Angaben eines Gutachters sei von einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit des Angeklagten auszugehen. Der Sachverständige habe empfohlen, neben einer Freiheitsstrafe die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus anzuordnen. Dort ist der 29-Jährige bereits aufgrund eines vorläufigen Beschlusses untergebracht. Die Verteidigerin stellte den Antrag, die Öffentlichkeit vom Prozess auszuschließen. Dem entsprach das Gericht nach kurzer Beratung. Zuschauer werden erst wieder zur Verkündung des Urteils zugelassen sein.

Der Angeklagte - graues T-Shirt, kurz geschorene Haare und Drei-Tage-Bart - starrte während der Verhandlung geradeaus und reagierte auf Fragen des Richters nur mit einem zögerlichen Nicken. Nach Ausschluss der Öffentlichkeit wollte sich der 29-Jährige jedoch zu den Vorwürfen äußern, wie Bülter sagte. Dem Angeklagten gegenüber saß die Witwe des getöteten Behördenmitarbeiters als Nebenklägerin. Sie wischte sich immer wieder Tränen aus den Augen. Der überlebende Behördenmitarbeiter - ebenfalls Nebenkläger - ließ sich nur von seinem Anwalt vertreten. Das Gericht hat neun weitere Verhandlungstermine bis zum 25. April angesetzt.