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Konkrete Weisungen des Papstes gegen Missbrauch verlangt

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Opfer von sexuellem Missbrauch und Mitglieder des ECA (Ending Clergy Abuse) demonstrieren auf dem Petersplatz. Foto: Alessandra Tarantino/AP

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Münster/Rom (dpa) - Nach dem Spitzentreffen im Vatikan zu den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche hat der Trierer Bischof Stephan Ackermann konkrete und verbindliche Weisungen des Papstes gefordert.

"Notwendig ist dazu auch ein permanentes und weltweites Controlling", teilte der Beauftragte der katholischen Deutschen Bischofskonferenz für Fragen sexuellen Missbrauchs am Sonntagabend mit.

Papst Franziskus hatte am Sonntag zum Abschluss der Konferenz im Vatikan zwar ein Ende der Vertuschung versprochen, aber keine konkreten Schritte genannt, wie er das in Zukunft erreichen will. Deswegen reagierten Opferverbände trotz der klaren Worte des Papstes enttäuscht.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, teilte diese Kritik nicht. "Ich habe wirklich den Eindruck gehabt, hier wird klar gesprochen und auch deutlich die Linie vorgegeben. Aber das Umsetzen, das kann nicht von Rom alleine erfolgen. Das ist auch unsere Aufgabe in den verschiedenen Bischofskonferenzen", sagte er im "Heute Journal" des ZDF.

Der Passauer Bischof Stefan Oster sprach sich in der "Passauer Neuen Presse" (Montag) unter anderem für eine eigene kirchliche Gerichtsbarkeit für Missbrauchsfälle aus, "damit die Verfahren für Priester nicht immer langwierig und zum Teil ergebnislos über Rom laufen müssen".

Der Freiburger Theologieprofessor Magnus Striet schlug eine Synode aller deutschen Bistümer vor. Die Bischöfe könnten dabei mit Fachleuten und Vertretern des Kirchenvolks über offene Fragen sprechen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "In Deutschland gibt es eine allgemeine Verwirrung, wie es weitergehen soll. Eine deutsche Synode wäre sinnvoll."

Nach Striets Ansicht unterstützen die deutschen Bischöfe zwar grundsätzlich den Kampf gegen sexuellen Missbrauch von Kindern durch Geistliche. "Aber viele sind erschrocken, was das konkret bedeuten würde." So müssten etwa die kirchlichen Aussagen zur Sexualität auf den Prüfstand - ebenso wie die Pflicht zum Zölibat, also zur Ehelosigkeit von Priestern. Zum Kampf gegen Missbrauch gehöre es auch, den hierarchischen Aufbau der Kirche zu überdenken. Dieser fördere zu viel angepasstes Verhalten und zu wenig Widerspruch, sagte Striet, der in Freiburg katholische Fundamentaltheologie lehrt.

Der Theologe Michael Seewald kritisierte die Selbstwahrnehmung der Kirche. "Die Kirche sollte aufhören, sich selbstmitleidig als Opfer des Missbrauchsskandals zu sehen. Sie sollte vielmehr die Menschen in den Blick nehmen, denen durch Männer der Kirche großes Leid angetan wurde", sagte der Professor für Dogmatik an der Universität Münster der Deutschen Presse-Agentur in Köln. Bei dem Gipfel sei die Chance vertan worden, konkrete Regeln aufzustellen - etwa zum Thema Machtkontrolle. "Jetzt liegt der Ball wieder im Feld der nationalen Bischofskonferenzen, die mit dem Thema sehr unterschiedlich umgehen."

Das Ergebnis des Treffens sei insgesamt enttäuschend, sagte Seewald. Positiv sei zu werten, dass das Thema Missbrauch vom Papst überhaupt auf die Agenda der Weltkirche gesetzt worden sei - immerhin gebe es noch Länder, in denen Bischöfe behaupteten, sexualisierte Gewalt an Minderjährigen sei ein Problem, das sie gar nicht hätten. "Diese Verweigerungshaltung ist nun zumindest ein kleines Stück weit gebrochen", sagte Seewald. Nötig wären aber klare Vorgaben gewesen, auf die der Papst die Bischöfe in aller Welt verbindlich verpflichtet. "Die Kirche bräuchte konkrete Regelungen, die zum Beispiel festlegen, was mit einem Bischof geschieht, der Täter gedeckt oder Akten vernichtet hat." Von effektiver Machtkontrolle sei in der Ansprache von Franziskus aber keine Rede gewesen.

Der Vatikan hatte am Sonntag nach dem Ende der Konferenz angekündigt, dass der Papst bald konkrete Anweisungen veröffentlichen will, die Maßnahmen im Kampf gegen Missbrauch seitens der römischen Kurie und des Vatikanstaats stärken sollen. Die Frage sei, warum der Papst ein Dekret (Motu proprio) nur für den Vatikanstaat und nicht die ganze Kirche erlasse, sagte Vatikan-Autor Marco Politi der dpa.

Für die Bischöfe in aller Welt soll es zudem eine Art Praxishandbuch geben, das ihnen erklärt, welche Pflichten und Aufgaben sie haben. "Das Problem der Weltkirche ist, dass 90 Prozent der Bischöfe (bisher) nichts getan haben", so Politi. Deutschland sei in dieser Sicht "in der Spitzengruppe der Reformer".