bedeckt München 25°

Kirche - Mainz

Bistum Mainz startet Aufklärungsprojekt zu sexueller Gewalt

Direkt aus dem dpa-Newskanal

Mainz (dpa/lrs) - Mit Hilfe des Regensburger Rechtsanwalts Ulrich Weber will das Bistum Mainz die Aufklärung von Fällen sexueller Gewalt weiter vorantreiben. Dazu initiiert die Kirche unter der Leitung des Anwalts ein Aufklärungsprojekt mit dem Titel "Erfahren. Verstehen. Versorgen."

"Ehrliche Aufklärung braucht zusätzlich zu allen internen Bemühungen einen Blick von außen", sagte Bischof Peter Kohlgraf am Freitag in Mainz. Zusammen mit seinem Team soll der Rechtsanwalt zur Klärung der Frage beitragen, ob es seit 1945 weitere bislang unbekannte Fälle von sexueller Gewalt im Bistum gegeben hat. Außerdem sollen die Rahmenbedingungen und der Umgang mit schon bekannten Fällen sexueller Gewalt untersucht werden.

Weber will dazu mit möglichst vielen Betroffenen - Opfern, Beschuldigten und Mitwissern - ins Gespräch kommen. "Jede Erinnerung ist ein Puzzle-Stück", sagte Weber. Ziel sei es, aus den einzelnen Puzzle-Teilen an Erinnerungen ein Gesamtbild zu erstellen. Mit einem ähnlichen Projekt hatte Weber bereits zur Aufklärung des sexuellen Missbrauchs beim Chor der Regensburger Domspatzen beigetragen.

Kohlgraf berichtete von persönlichen Gesprächen, in denen Wissen über sexuelle Übergriffe an die Kirche herangetragen werde. "Wir haben die Wahrnehmung gemacht, dass es insgesamt mehr Wissen gibt, als wir packen können", sagte der Bischof. Dieses verborgene Wissen ans Licht zu bringen und auszuwerten, sei das Anliegen des Projekts.

Neben vertraulichen Gesprächen will Weber mit seinem vierköpfigen Team auch Unterlagen bereits bekannter Fälle durchsehen. Auf diese Weise wollen die Aufklärer mit potenziellen Gesprächspartnern in Kontakt kommen. Aus den Akten allein könnten kaum neue Erkenntnisse gewonnen werden, sagte Weber. Die Wissensträger seien die Experten. "Deren Wissen muss man heben."

Betroffene können anonym über eine Webseite mit den Aufklärern in Kontakt kommen. Die Initiatoren wiesen darauf hin, dass das Projekt mit dem Titel "Erfahren. Verstehen. Versorgen." unabhängig angelegt sei. Frühestens nach zwei Jahren soll ein Abschlussbericht vorliegen, dessen Ergebnisse dann in die künftige Präventionsarbeit einfließen sollen. Erst eine umfassende Aufklärung biete die Voraussetzungen für weitere Maßnahmen der Aufarbeitung, sagte Kohlgraf.

Die Bistümer Limburg, Fulda und Mainz hatten bereits Anfang des Jahres den Generalstaatsanwaltschaften in Frankfurt und Koblenz Listen über die in den innerkirchlichen Untersuchungen festgestellten Fälle zu sexuellem Missbrauch übergeben. Das Bistum Mainz hatte eine Liste mit 199 Fällen übersandt, die zum Teil bis 1945 zurückreichen. Sie umfasst sowohl Priester und Diakone als auch Laienmitarbeiter.