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Soziales - Kiel

Diakonie sieht dramatische Wohnungslosigkeit im Norden

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Kiel (dpa/lno) - Sie haben ihre Wohnung schon verloren oder die Kündigung bekommen: Tausende Schleswig-Holsteiner sind von Wohnungslosigkeit betroffen oder bedroht. Fast 7500 suchten im vorigen Jahr die Beratungsstellen, Tagestreffs und Notunterkünfte der Diakonie auf. Das waren etwas weniger als im Vorjahr (7600), aber deutlich mehr als noch vor fünf Jahren (5400). "Wir haben überhaupt keine Entspannung", sagte Diakonie-Vorstand und Landespastor Heiko Naß am Mittwoch in Kiel. Er sprach von dramatischen Zahlen. Hauptgrund neben Arbeitslosigkeit, Krankheit und Überschuldung sei der Mangel an bezahlbaren Wohnungen. Einer Studie zufolge würden im Land 41 000 Wohnungen für Menschen mit unterdurchschnittlichem Einkommen benötigt.

Besonders auffällig ist aus Sicht der Diakonie der steigende Anteil von Frauen, die mittlerweile fast ein Drittel der Fälle stellten. 2014 war es noch ein Sechstel.

Die Dunkelziffer in Sachen Wohnungslosigkeit ist nach Einschätzung der Diakonie hoch: Betroffene kämen bei Verwandten oder Bekannten unter, ohne anderweitig Hilfe zu suchen. Offizielle landesweite Zahlen gibt es nicht. Als größter Anbieter von Notunterkünften und Beratung hat die Diakonie den besten Überblick über das Ausmaß von Wohnungslosigkeit im Land. Sie hilft unmittelbar nicht nur mit landesweit gut 200 Notunterkünften, sondern zum Beispiel auch dadurch, dass sie Wohnungen mietet und sie für ein Jahr auf Probe an Menschen weitervermietet, die sonst wohnungslos wären.

"Seit Jahren beobachten wir in Schleswig-Holstein, dass immer mehr Menschen ihre Miete nicht mehr bezahlen können oder keine Wohnung finden", sagte Landespastor Naß. Das dürfe die Gesellschaft nicht hinnehmen. "Unsere Beratungsstellen und Notunterkünfte können diese Menschen zwar auffangen, die erste Not lindern und gemeinsam mit ihnen Perspektiven entwickeln." Gelöst werden könne das Problem aber nur mit deutlich mehr Anstrengungen im sozialen Wohnungsbau. "Da sehen wir die Landesregierung und die Kommunen in der Pflicht."

Als Brennpunkte der Wohnungslosigkeit nannte die Diakonie Lübeck, Kiel, Flensburg und Neumünster. Aber auch der ländliche Raum wie Nordfriesland sei betroffen. Verschärft werde das Problem unter anderem dadurch, dass Investoren Wohnungen kauften und an Touristen vermieteten. Die Diakonie forderte Land und Kommunen auf, die Zweckentfremdung von Wohnungen einzudämmen. Sie müssten zudem eigene brachliegende Flächen kostengünstig für den Wohnungsbau zur Verfügung stellen und mit einer Quote von mindestens 30 Prozent für den sozialen Wohnungsbau verbinden. Flächen, die spekulativ brachliegen, sollten mit Negativzinsen belegt werden.

Die Diakonie kritisierte die Entscheidung der Landesregierung aus CDU, Grünen und FDP, die Mietpreisbremse auslaufen zu lassen. Das Instrument sollte vielmehr effizienter gestaltet und flächendeckend eingeführt werden. Lob gab es für die Verdopplung der Landeszuschüsse für die Wohnungslosenhilfe auf eine Million Euro. Damit könnten Beratungsstellen personell aufgestockt und zusätzliche Projekte angeschoben werden, hieß es.