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Gesellschaft - Mainz

Tafel-Verband fordert Hilfe: Viele Menschen nutzen Angebot

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Mainz/Kaiserslautern (dpa/lrs) - In der Mainzer Tafel zieht eine kleine Frau einen Trolley hinter sich her. "Die Rente reicht ja nicht", sagt die 51-Jährige, die unerkannt bleiben möchte. Sie habe lange gearbeitet, dann aber krankheitsbedingt aufhören müssen und lebe nun von der Grundsicherung. "Urlaub kann man da vergessen." Anfangs habe sie gedacht, sie werde nur vorübergehend Lebensmittel abholen. Inzwischen komme sie aber schon seit mehr als acht Jahren zur Tafel.

Die Tafeln sind ehrenamtlich geführte Einrichtungen, bei denen bedürftige Menschen für einen symbolischen Betrag Lebensmittel erhalten können. Diese werden zum Beispiel von Supermärkten gespendet. "Wir sind keine Einrichtung, die die Leute ernährt", betont der Vorsitzende der Mainzer Tafel, Adolf Reuter. Vielmehr würden die Menschen unterstützt, so dass mehr Geld für beispielsweise Kultur oder die Kinder übrig bleibe.

Ein anderer Kunde in Mainz ist schon auf dem Weg nach draußen, als er spontan stoppt und von sich erzählt. Er habe vor einigen Jahren seine Arbeit verloren, sei an einem Tumor erkrankt. Seitdem finde er keinen neuen Job mehr, sagt der 59-Jährige. Jetzt reiche das Geld nicht. "Ich gehe nicht gern hierher, aber ich komme damit besser über die Runden."

Nicht nur die Kunden, auch die Einrichtungen selbst brauchen nach Einschätzung des Tafel-Landesverbands Rheinland-Pfalz/Saarland Unterstützung. "Wir brauchen institutionelle Förderung", sagt die Verbandsvorsitzende Sabine Altmeyer-Baumann. Zwar gebe es bereits von einigen Kommunen Hilfe, von vielen anderen komme aber nichts. Die Tafeln würden politisch geschätzt, weil geglaubt werde, Ehrenamt koste nichts. "Den Zahn müssen wir der Politik ziehen."

Eines der Probleme: Die Einrichtungen holten Lebensmittelspenden mit Kühlfahrzeugen ab, die oft ältere Diesel seien. Ein Fahrverbot werde auch die Tafel treffen, meint Altmeyer-Baumann. "Dann brauchen wir Unterstützung." Außerdem bringe die fortschreitende Digitalisierung zusätzliche Kosten. Damit die Tafeln gut erreichbar seien, müssten sie mit der entsprechenden Soft- und Hardware ausgestattet sein. Zudem hätten die Einrichtungen alle laufende Kosten, beispielsweise seien viele Räume angemietet.

Auch Reuter und seine Helfer hoffen auf mehr Unterstützung. "Wir kriegen von öffentlicher Stelle keinen Cent." Die Hälfte der Ausgaben - etwa für Miete und Versicherungen - decke die Tafel über Mitgliedsbeiträge und die symbolischen Kundenbeiträge von 1,50 Euro pro Erwachsenen ab. Wie bezahlt die Einrichtung die andere Hälfte der Rechnungen? "Die müssen wir über Spenden reinkriegen."

In ganz Rheinland-Pfalz und im Saarland gibt es dem Landesverband zufolge insgesamt 65 Tafeln. Bei ihnen seien rund 60 000 Menschen als Kunden registriert, darunter etwa 19 000 Kinder. Reuter geht davon aus, dass eigentlich noch mehr Menschen auf die Tafeln angewiesen seien. Einige trauten sich aber nicht, zu kommen. "Es verlangt eine gewisse Demut, sich anzustellen."

Adele Haag, die Vorsitzende der Tafel Kaiserslautern, erzählt von ähnlichen Erfahrungen. Sie betont: "Sie brauchen sich nicht zu schämen, die Ware ist da." Es gebe genug Lebensmittelspenden. Die Einrichtung in Kaiserslautern hat im vergangenen Jahr ihr 20-jähriges Bestehen erlebt. Zu Beginn hätten nur rund 20 Menschen vor der Tür gestanden, inzwischen seien bei der Tafel Kaiserslautern etwa 900 Kunden registriert. Es kämen viele ältere Menschen, aber auch Flüchtlinge und ihre Familien sowie jüngere Arbeitslose. Niemand nehme das Angebot ohne Not an, sagt Haag.

Dass die Tafeln in absehbarer Zeit abgeschafft werden können, daran glaubt keiner der Akteure. Reuter spricht von einem "frommen Wunschdenken". Seine Kollegin aus Kaiserslautern kritisiert: "Die kriegen bei uns ein Zubrot, aber keine Grundversorgung. Für die Grundversorgung ist der Staat zuständig." Auch die Vorsitzende des Tafel-Landesverband sieht die Verantwortung klar verteilt. "Wir erleben, dass Menschen ausgegrenzt werden. Dass sie in einem reichen Land nicht dabei sein können", sagt Altmeyer-Baumann. Das zu ändern, sei Sache der Politik.