Da sei zum Beispiel die ältere Frau, die so anschaulich erzählt habe, wie es in ihrer Kindheit am Waschtag zuging, sagt Angelika Wimbauer. "Einmal die Woche wurde da den ganzen Tag lang im Keller gewaschen - mit heißem Wasser in einem großen Kessel, von Hand und mit einem Waschbrett."
Oder der Mann, der sich noch genau daran erinnere, wie US-Soldaten nach Kriegsende in der Wohnung seiner Eltern standen. "Und die Mutter, die gar kein überzeugter Nazi war, hat beim Anblick der Uniformen sofort reflexhaft 'Heil Hitler' gerufen", sagt Lutz Eigel. "Glücklicherweise haben ihr das die Amerikaner nicht übel genommen."

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Oder der Herr, den er in Ingolstadt interviewt habe, sagt Michael von Ferrari. Der habe ihm von seiner Kindheit und dem Vater erzählt - ein Veteran, der gegenüber der Familie nie über seine Erlebnisse als Soldat im Zweiten Weltkrieg sprach. Bis ihn eines Tages ein früherer Wehrmachtskamerad besuchte, und die beiden des abends stundenlang ihre schrecklichen Erfahrungen von der Front austauschten - während der Sohn, versteckt im Wohnzimmer, alles mithörte. "Ihm hat sich das eingeprägt", sagt von Ferrari. "Und als er mir die Geschichte erzählt hat, hat mich das tief berührt."
Es sind Erinnerungen wie diese, aus der Nachkriegszeit in München, die Angelika Wimbauer, 74, Lutz Eigel, 62, und Michael von Ferrari, 63, festhalten wollen. Für die Nachwelt. Und in einem Film, an dem das Trio seit vergangenem Frühjahr arbeitet und dessen Fertigstellung für Anfang 2023 geplant ist. Unter dem Arbeitstitel "Zwischen Ruinen und Rock 'n' Roll: München in den 1950er-Jahren" soll die Dokumentation auf die Stadtgeschichte zwischen 1945 und 1960 blicken, erzählt entlang der Erinnerungen von etwa 35 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die Wimbauer, Eigel und Ferrari interviewt haben.

"Wir haben für unseren Film Menschen gesucht, die gerne erzählen", sagt Lutz Eigel. Das Ziel in den Gesprächen sei es gewesen, dem Lebensgefühl jener Zeit nachzuspüren - so kurz nach dem Krieg und inmitten einer zerstörten Stadt. Insbesondere, ergänzt Michael von Ferrari, hätten sie die Beziehung zu den US-Soldaten in München sowie das damalige Stadtbild interessiert, aber auch die Wohnverhältnisse der Menschen, die Gepflogenheiten in den Familien und die Sprachlosigkeit der Eltern, wenn es um die Nazi-Zeit, den Krieg und ihr Mitwirken ging.
Zu den Interviews rückten die Filmemacher stets mit dem Kameramann Josef Pröll an. Auch Schnitt, Vertonung und Stimme werde man in professionelle Hände geben, sagt Michael von Ferrari. Der Truderinger, der vor seinem Ruhestand im Rathaus der Gemeinde Haar gearbeitet hat, ist ebenso fachfremd wie der Biologe Lutz Eigel und Angelika Wimbauer. "Natürlich ist es mutig, dass wir uns in eine Branche hinein wagen, die voll mit Profis ist", sagt die pensionierte Realschullehrerin. "Aber wir wollen mit unserem Film ja auch keine Palme gewinnen. Sondern uns geht es vor allem um den Spaß an der Freud."
Dafür opfern die drei einen Großteil ihrer Freizeit - allen voran Michael von Ferrari, der von einem "Fulltime-Job" spricht. Der 63-Jährige ist Initiator des Projekts, seine beiden Kompagnons hat er in einem Kurs zum Kulturführerschein kennengelernt und kurzerhand für seine Filmidee begeistern können. Für Wimbauer und Eigel ist es das erste Projekt dieser Art. Von Ferrari dagegen hat mit der Journalistin Kirsten Althof bereits die Dokumentation "Neun. Erinnerungen an bewegte Zeiten" produziert. In dem 2019 veröffentlichten Film erinnern sich Zeitzeugen an die Kriegsjahre. Das neue Werk sei somit "ein Stück weit eine Fortsetzung", sagt der Vater zweier erwachsener Töchter.
Aus mehr als 50 Stunden Videomaterial soll nun ein einstündiger Film werden
Die Interviews mit den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind größtenteils abgeschlossen. Nun steht das Trio vor der Aufgabe, aus über 50 Stunden Video- und dem umfangreichen Bildmaterial der Befragten einen gut einstündigen Film zu machen. Dieser soll im Februar 2023 Premiere feiern. Danach, so hofft von Ferrari, werde das Werk in einigen Kinos, aber auch in Kulturhäusern und Stadtteilzentren gezeigt - schließlich haben im Vorjahr mehr als 20 Bezirksausschüsse das Projekt finanziell unterstützt.
Auch in diesem Jahr werde er sich dort um Zuschüsse bemühen, sagt von Ferrari. Darüber hinaus sei er auf der Suche nach weiteren Sponsoren, um Kamera, Schnitt und Produktion zu finanzieren. Er selbst arbeitet ebenso unentgeltlich für das Projekt wie Wimbauer und Eigel. Ihr Ziel ist es zum einen, die Geschichte und die Geschichten von Menschen zu erzählen, die dies selbst womöglich nicht mehr lange tun können. Zum anderen wolle man aber auch zum Nachdenken anregen, gerade bei jüngeren Menschen, sagt Michael von Ferrari. Er hofft, dass der Film auch in Schulen gezeigt wird - idealerweise verbunden mit dem Besuch eines Zeitzeugen. "Auf diesem Weg", sagt Michael von Ferrari, "wollen wir zum Dialog zwischen den Generationen beitragen."

