80 Jahre KriegsendeZeitreise im Klassenzimmer

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Schüler der Mittelschule am Winthirplatz machen gemeinsam mit einer Gruppe Senioren eine Zeitreise: Zusammen schauen sie den Film „Ruinenschleicher & Schachterleis“ von Michael von Ferrari.
Schüler der Mittelschule am Winthirplatz machen gemeinsam mit einer Gruppe Senioren eine Zeitreise: Zusammen schauen sie den Film „Ruinenschleicher & Schachterleis“ von Michael von Ferrari. Stephan Rumpf

Für Kinder und Jugendliche liegt das Ende des Zweiten Weltkriegs weit zurück. Wie können Schulen heute noch vermitteln, was der Krieg für die Menschen damals bedeutete?

Von Kathrin Aldenhoff

Eine ältere Dame sitzt im Klassenzimmer und weint. 80 Jahre ist es her, und doch erinnert sie sich gerade so genau an das, was sie erlebt hat. Als Vierjährige, beim Bombenalarm und auf der Flucht über das Riesengebirge, damals, 1945. Sie tupft sich die Tränen ab, „so viel Schlimmes“, sagt sie. Ihr Mann sitzt neben ihr, um sie herum rücken Schülerinnen und Schüler der Mittelschule am Winthirplatz Stühle zu einem Kreis; gleich wollen sie über das Ende des Zweiten Weltkriegs sprechen, wollen sich austauschen über den Film, den sie eben zusammen gesehen haben. Und der bei der Frau, die damals vier Jahre alt war, die Erinnerungen an Bomben und Flucht weckte.

Vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg, vor 80 Jahren wurde Deutschland befreit. So lang ist das her, so weit liegt das zurück, gerade für Kinder und Jugendliche. Und so sehen es viele Schulen in diesem Jahr des Erinnerns und Gedenkens noch mehr als sonst als ihre Aufgabe, den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, was der Krieg und dessen Ende für die Menschen damals bedeutete.

Achtklässler des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums zum Beispiel reisen zum 8. Mai, dem Tag des Kriegsendes, in Münchens Partnerstadt Bordeaux, andere gestalten Plakate oder interviewen Zeitzeugen. Und Schüler der Mittelschule am Winthirplatz machen gemeinsam mit einer Gruppe Senioren eine Zeitreise: Die einen führt diese Reise in die eigene Vergangenheit. Wie die ältere Dame, die damals ein kleines Mädchen war und mit ihrer Mutter aus der Heimat floh. Die anderen führt sie in eine Zeit, die sie sich kaum vorstellen können.

Es ist ein Vormittag Anfang April, im Klassenzimmer der 8g der Mittelschule am Winthirplatz sind mehr Menschen als sonst: In den hinteren Reihen sitzen Schülerinnen und Schüler aus drei Klassen, Jugendliche in Daunenjacken reden durcheinander, „Mütze runter“, ruft die Lehrerin einem Jungen zu; vorn sitzen Frauen und Männer, deren Schulzeit bereits mehrere Jahrzehnte zurückliegt. Gemeinsam wollen die jungen und die alten Münchner einen Film ansehen, der ihre Stadt zeigt, wie sie zum Ende des Zweiten Weltkriegs aussah.

Mit dabei ist auch Michael von Ferrari, der die Idee zu dem Film hatte. „Ruinenschleicher & Schachterleis“ haben er und sein Team ihn genannt. Sie haben mit vielen Zeitzeugen gesprochen und die Interviewszenen mit Filmaufnahmen und Bildern aus den 40er- und 50er-Jahren zu einem Dokumentarfilm verbunden. Seit 2023 wird der Film an Schulen, Kulturzentren und in Kinos gezeigt, Schulleiter Thomas Häns wird später sagen: „Das hier, das sind die wichtigen Momente.“

Der Film beginnt mit Aufnahmen der zerstörten Stadt, ein München in Trümmern. Männer und Frauen, die damals Kinder waren, erzählen im Film, dass sie noch nie einen schwarzen Menschen gesehen hatten, bevor die Amerikaner kamen, und die Soldaten ihnen Schokolade schenkten; dass sie Steine schleppten, für 100 Steine gab es eine Mark; dass die ganze Stadt so etwas wie ein riesiger Abenteuerspielplatz war – „wir waren glücklich, auch in unseren Ruinen“. Eine Schülerin im Klassenzimmer sieht gebannt zu und knabbert an einer Breze. Ein Mann, der damals ein Junge war und das KZ überlebt hat, erzählt im Film, dass niemand seine Geschichte hören wollte.

Schülerinnen und Senioren sitzen gemeinsam im Klassenzimmer vor dem Bildschirm.
Schülerinnen und Senioren sitzen gemeinsam im Klassenzimmer vor dem Bildschirm. Stephan Rumpf

Auch der Titel des Films erklärt sich, Ruinenschleicher wurde die Trambahn genannt, die durch die Stadt fuhr, und Schachterleis, das war ein Platz zum Schlittschuhlaufen. Es war eine Zeit, in der die Breze fünf Pfennig kostete, in der ein Kochtopf-Löter, ein Mann also, der Kochtöpfe reparierte, so gut verdiente, dass er sich ein großes Haus bauen konnte, und in der es langsam aber stetig aufwärts ging. „Man hat auf die Zukunft gehofft“, sagt eine Frau im Film. Heute haben viele Jugendliche das Gefühl, dass eine Krise auf die nächste folgt; 81 Prozent der Jugendlichen haben Angst vor einem Krieg in Europa, das ergab die Shell-Jugendstudie im vergangenen Jahr.

Mit 20 Achtklässlern sind die Geschichts- und Französischlehrerinnen Claudia Schöttl und Adelheid Harder Anfang der Woche mit dem Zug von München über Paris nach Bordeaux gefahren, zum Schüleraustausch. Dass sie den Tag des Kriegsendes – der dort ein Feiertag ist – in Frankreich verbringen, ist so geplant. Croissants zum Willkommens-Frühstück, dann bemalen deutsche und französische Schüler gemeinsam eine Mauer an der Schule: zwei Hände, die sich halten, die Farben der Flaggen beider Länder, eine Friedenstaube.

„Für uns ist es immer wieder ein Wunder, wie selbstverständlich die deutsch-französische Freundschaft für unsere Schüler ist und wie unbeschwert sie damit umgehen, wenn man sich das Verhältnis beider Länder vor 80 Jahren ansieht“, sagt Lehrerin Claudia Schöttl. Am Freitag werden sie nach Oradour-sur-Glane fahren; eine SS-Division tötete 1944 Hunderte Einwohner und zerstörte das Dorf. Die Ruinen der Häuser stehen heute noch.

Manche Kinder an der Schule haben selbst schon Bomben fallen sehen

In der Mittelschule am Winthirplatz sitzen Schüler und Senioren nun in einem Kreis, sie wollen über den Film sprechen. Ein Schüler meldet sich und fragt: „Sind die Amerikaner dann wieder zurück nach Amerika?“ Viele seien geblieben, manche zurückgegangen, antwortet eine ältere Frau. Die Lehrerin erzählt von amerikanischen Soldaten und deutschen Frauen, die sich verliebt haben, und dass diese Paare nicht erwünscht waren.

„Ich habe immer wieder vergessen, dass die Stadt im Film München war“, sagt eine Schülerin. Dass Kinder mit acht, neun Jahren arbeiten mussten, das schockiert sie. Eine andere meint, sie fand es schlimm zu hören, dass Kinder Sachen essen mussten, die ihnen nicht schmecken. Eine ältere Frau dreht sich zu ihr um, sagt: „Es gab halt nichts anderes.“ Eine Mitschülerin meint leise: „Wir sind ganz schön verwöhnt.“

Als Schulleiter Thomas Häns erzählt, dass dieses Schulhaus 1912 gebaut wurde, dass es also im Zweiten Weltkrieg schon stand, sind die Jugendlichen fasziniert. Ihre Lehrerin erzählt von dem Bunker nahe der Schule, „da unten ging es runter“, die Schülerinnen und Schüler sind aufgeregt, wollen in den Bunker rein, wissen, wie es dort aussieht. „Haben Sie das erlebt?“, fragt ein Schüler seine Lehrerin. Die schüttelt den Kopf und fügt hinzu: 1945 endete der Krieg. Sie sei schon lange an der Schule, aber so lange noch nicht. Sie lächelt, die Schüler nicken. Lange her.

Im Klassenzimmer sitzen auch zwei ukrainische Mädchen, die vor dem Krieg in ihrer Heimat flohen. Schulleiter Thomas Häns erzählt, an der Schule seien Kinder aus 42 Nationen, und dass manche selbst einen Krieg erlebt haben; dass sie Bomben fallen sahen, die Häuser zerstört und Menschen getötet haben. Als neulich an der Schule der Feueralarm geprobt wurde, habe eine Schülerin aus Syrien einen Nervenzusammenbruch gehabt, erzählt Häns. „Man unterschätzt das.“

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