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Zweite Stammstrecke:Planerirrtum zu Bürgers Gunsten

Die zweite S-Bahn-Röhre in München muss umgeplant werden - das aber hat auch Vorteile, sagen SZ-Leser

Große Baustelle, große Diskussion: Am Münchner Marienhof wird bereits für die zweite S-Bahn-Stammstrecke gegraben.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Bloß nicht alles auf Null stellen" (30. Juli), "Das war's jetzt, definitiv" (21. Juli) und "Zwei Jahre Verspätung bei der Stammstrecke" (3. Juli):

Löbliche Fehlerkultur

Wenn über Jahrzehnte hinweg geplant wird und die halbe Innenstadt dafür zu einer Baustelle wird, ist es kein Fehler, auf neue Ideen kurzfristig zu reagieren und umzuplanen. Das gesamte Bauvorhaben ist so komplex, dass niemand gleich von Anfang an alle Parameter kennen und daraus die "definitiv richtige" Entscheidung ausleiten kann. Diese gibt es schlicht nicht. Ein Hoch auf diejenigen, die sich diese neue Fehlerkultur endlich zu eigen machen und "Fehler" eingestehen können. Wir brauchen agile Planungsprozesse, die Veränderungen zulassen und nicht von vornherein starr und wasserfallartig durchgeplant sind. Anpassungsfähigkeit ist kein Fehler, sondern eine notwendige Eigenschaft, um komplexe Projekte zum Erfolg zu führen. Die öffentliche Debatte wird leider immer noch dominiert von "bisherige Planung ist eine Katastrophe"-Darstellern und den "Eingestehen von Fehlern"-Anprangerern. Dabei ist genau dies der eigentliche Fehler. Peter Kersting, Freising

Außenäste und Südring ausbauen

Man muss das S-Bahnsystem insgesamt betrachten und nicht isoliert nur die zweite Stammstrecke. Dann wird man schnell feststellen, dass der teure Bau der zweiten Stammstrecke nahezu nichts bringt. Wenn die eingleisigen Strecken der S-Bahn nicht zweigleisig ausgebaut werden, wenn alle S-Bahnlinien nicht endlich von der Fernbahntrasse getrennt fahren können, wird auch nach Fertigstellung der zweiten Stammstrecke keine dichtere Taktung als heute möglich sein. Und damit fährt die S-Bahn endgültig aufs Abstellgleis. Das ist die Realität. Alles andere ist Schönfärberei. Gerade deshalb sollte man überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, die Außenäste der S-Bahn jetzt auszubauen und den Südring jetzt S-Bahn-tauglich zu machen. Das wäre finanzierbar, und der längst überfällige, dringend benötigte Zehn-Minuten-Takt wäre auf allen Linien in zehn Jahren möglich. Dafür sollte man vielleicht doch alles auf Null stellen. Hans Lüdorf, Kirchheim

Mut zum Ringschluss

Planerirrtum zu Bürgers Gunsten! Die neuen Vorschläge für den veränderten S-Bahn-Halt am Ostbahnhof klingen gut. Sie bringen endlich auch aus städtebaulicher Sicht eine hocherfreuliche Verbesserung der Anbindung des Werksviertels mit dem neuen Konzerthaus (Pfanni-Philharmonie), die für etliche Besucherinnen und Besucher den langen, in jedem Fall gefühlt unangenehmen Tunnel vermeiden hilft. Ein unterirdischer "Brückenschlag" sozusagen mit der zweiten Stammstrecke. Das ist zweifellos gut, ändert aber leider nichts daran, dass wegen der Immer-Mehr-Kosten der zweiten Stammstrecke ein sinnvoller Ausbau des Südringes (für den ja schon eigene S-Bahn-Geleise auf der Theresienhöhe unterirdisch gebaut wurden) nach wie vor irgendwann ganz spät und vielleicht angedacht wird. Demgegenüber erscheint der Nordring (als immerhin überraschend kleiner Lichtblick noch vor dem Ende des Tunnels der zweiten Stammstrecke) von Karlsfeld bis BMW wohl fast schon realistisch.

Warum aber fehlt wieder einmal wie in München wohl leider immer üblich der Mut, im Norden über eine halbherzige Viertel-Lösung hinaus nicht nur den Ringschluss weiter zu denken - sondern ihn auch komplett zu planen und umzusetzen? Das Wachstum in München passiert jetzt! Man redete Jahrzehnte lang, jetzt sollte endlich mal Handeln angesagt sein. Wenn man den Ostbahnhof optimieren kann, schafft man doch auch den Nordring, oder?! Frank Becker-Nickels, München

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© SZ vom 09.08.2019

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