Zweite Karriere:Wilder Kerl wird erwachsen

Millionen-Publikum, aber kaum Erfüllung: Nick Romeo Reimann war als Kind in Kino-Filmen zu sehen - jetzt ist er 20 und macht eine Schauspielausbildung

Von Amelie Völker

Nick Romeo Reimann, 20, steht auf einer kleinen Studio-Bühne der Otto-Falckenberg-Schule in der Stollbergstraße. Er trägt ein weites weißes T-Shirt mit einem Cartoon-Eichhörnchen darauf, dazu eine lockere blaue Stoffhose und weiße Sneaker. Nick lächelt unsicher. Dann sagt er: "Und ich kann jetzt einfach hier reden ... und ihr hört mir zu? Cool!" Nick spielt die Rolle des suizidgefährdeten Jim aus dem Stück "Chatroom" von Enda Walsh für das Monologvorspiel der diesjährigen Klasse 2 der Otto-Falckenberg-Schule. Kein einfacher Monolog. Keine einfache Situation. Doch der junge Schauspielstudent verkörpert seine Rolle sehr glaubhaft. Vor den circa 50 Zuschauern überzeugt er als verunsicherter Teenager, der familiäre Probleme hat und sich auf der komplizierten Suche nach sich selbst befindet.

Zweite Karriere: Als Nick Romeo Reimann sieben Jahre alt ist, engagierte ihn Regisseur Joachim Masannek für seine Film-Reihe "Die wilden Kerle". Aber die Rolle als Kinderstar gefiel ihm nicht.

Als Nick Romeo Reimann sieben Jahre alt ist, engagierte ihn Regisseur Joachim Masannek für seine Film-Reihe "Die wilden Kerle". Aber die Rolle als Kinderstar gefiel ihm nicht.

(Foto: Robin Kater)

Ein Blick zurück ins Jahr 2006. Die Anfangsszene von "Die wilden Kerle 3". Es ist der allererste Auftritt des damals siebenjährigen Nick in der bekannten Kinderfilm-Reihe. Der Kinderdarsteller trägt hochgestylte kurze Haare und eine Kette mit einem übergroßen Wilde-Kerle-Logo über seinem schwarzen T-Shirt. Selbstbewusst spricht er mit seinem Spiegelbild. "Hey, Nerv! Wach auf, ich bin's! Dein Spiegelbild! Das wird der wildeste Tag deines Lebens!" In diesem Wilde-Kerle-Film und in den beiden Fortsetzungen danach spielt Nick das jüngste Crew-Mitglied Nerv, furchtlos, frech und - natürlich - fußballverrückt. Die Wilde-Kerle-Filmreihe lockt damals Millionen von Zuschauern in die Kinos. Schnell entsteht ein Wilde-Kerle-Hype, die jungen Darsteller werden zu kleinen Stars, geben unzählige Interviews und reisen durch ganz Deutschland, von Kino zu Kino, um von ihren Fans gefeiert zu werden.

Zwölf Jahre liegen zwischen "Nerv" und "Jim", zwei Rollen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch wie ist es Nick in den Jahren dazwischen ergangen? Und was lockt einen ehemaligen Kinderfilmstar, der scheinbar schon alles erreicht hat, nun in eine Schauspielschule und damit auf die Theaterbühne?

"Ich war von den wilden Kerlen unglaublich fasziniert. Ich wollte damals eigentlich nur ein wilder Kerl sein", sagt der heute 20-jährige Nick und fährt sich mit einer Hand durch die langen dunkelblonden Locken. Wie für viele Kinder und Jugendlichen damals, existierten die Wilden Kerle auch für Nick als reale Bande und nicht nur in der filmischen Wirklichkeit auf der Leinwand. "Ich habe den Beruf des Schauspielers dahinter gar nicht so richtig gesehen. Und ich habe auch nicht daran gedacht, was das mit mir so macht."

Der junge Münchner erzählt, dass diese Zeit nicht immer angenehm für ihn war. Als einer der jüngsten Darsteller findet er keinen wirklichen Anschluss zu den "coolen" Älteren um die beiden Ochsenknecht-Brüder. Die Teenager interessieren sich für andere Themen, als Freundschaft mit dem Jüngsten am Set zu schließen. Ein richtiges Mitglied ihrer Clique zu werden, wird ihm ausschließlich auf der Leinwand zuteil. Bis er 13 Jahre alt ist, ist Nick weiterhin in populären Filmen zu sehen, beispielsweise in der Hauptrolle der Kinder-Film-Trilogie "Die Vorstadtkrokodile". Doch danach ist für ihn Schluss. Die Sonderrolle des Kinderstars gab ihm das Gefühl, dadurch in der Schule mehr Nach- als Vorteile zu haben. "Ich habe irgendwann gesagt, ich möchte eine Pause machen." Das Leben geriet ein wenig aus den Fugen - und als Kind hat er den Starrummel dafür verantwortlich gemacht. "Ich wollte dann auch mal normale Sommerferien haben, so wie alle anderen Kinder auch", sagt er.

Zweite Karriere: "Ich wollte damals eigentlich nur ein wilder Kerl sein", sagt Nick Romeo Reimann.

"Ich wollte damals eigentlich nur ein wilder Kerl sein", sagt Nick Romeo Reimann.

(Foto: imago)

Er zieht Konsequenzen und blendet in den Jahren danach Schauspiel und Film als Option für sein späteres Berufsleben zunächst völlig aus. Erst nach dem Abitur lässt er den Gedanken an diese Richtung wieder zu. "Ich erinnere mich noch, dass ich plötzlich aus irgendeinem Grund einfach ,Otto-Falckenberg-Schule Vorsprechen' gegoogelt habe." Spontaner Einfall oder doch vielleicht schon länger gehegter, geheimer Wunsch? Passenderweise sind es da noch ein paar Monate bis zum nächsten Vorsprechen. Nicks Schauspielfieber ist so schnell wieder geweckt, wie es damals verflogen war. Er ist Dauergast in der Stadt-Bibliothek, um dort alle möglichen Stücke zu lesen, zu Hause übt er täglich mehrfach seine Monologe. "Das war die einzige Art und Weise, wie ich mir da Kontrolle erarbeiten konnte, ich hatte ja davor so gar keinen Touch zur Theaterwelt."

Nick redet schnell. Sein Gesicht wirkt dabei sehr konzentriert. Mit seinen hohen Wangenknochen kann er auch gut den ernsten Model-Blick mimen, wie seinem Instagram-Profil mit mehr 49 000 Followern zu entnehmen ist. Der konzentrierte Gesichtsausdruck weicht im Gespräch jedoch auch häufig einem breiten Lachen. Der weit geöffnete Mund - schon immer so etwas wie sein Markenzeichen, hat Wiedererkennungswert. Für seine Vorsprechen an zwei Schauspielschulen wählt er Monologe aus Stücken, die aber so ganz und gar nicht zum Lachen sind: "Peer Gynt" und "Hamlet". "Vor Hamlet haben alle immer so großen Respekt, vielleicht, weil alles, was ihn umtreibt, so riesig scheint. Klar, ich bin kein Prinz und habe keinen ermordeten König als Vater. Aber die Selbstzweifel, die Enttäuschung und die Wut, die diese Figur empfindet, kenne ich bis zu einem gewissen Grad auch. Und das ist dann der Punkt, an dem ich mit so einer Figur dann vielleicht in Berührung kommen kann", sagt er. Vielleicht ist es gerade diese Herangehensweise, die Nick dazu verhilft, seine Rollen authentisch auf die Bühne zu bringen. Bei der Otto-Falckenberg-Schule wird er gleich beim ersten Versuch genommen.

In der neuen Umgebung dieser Schauspielschule muss er sich jedoch auch zunächst eingewöhnen. "Ich habe erst mal lange gebraucht, bis ich mich hier eingefunden und als ein Teil des Ganzen verstanden habe." Jetzt fühle er sich jedoch sehr wohl, und das sieht man ihm auch an. Die Begeisterung, mit der er über sein Studium spricht, zeigt, dass er nun den "Touch" zur Theaterwelt gefunden hat. So als wäre er ein Stück weit angekommen. Auch hier in der Kantine der Kammerspiele wirkt er sehr entspannt, als säße er in seinem eigenen Wohnzimmer. Hin und wieder grüßt er Studienkollegen, die mit dem Kaffee in der Hand und Skripten unter dem Arm vorbeilaufen.

An der Schauspielschule ist Nick nun, um die Ausbildung zum Schauspieler nachzuholen, die er als Kind so einfach übersprungen hat. Er lernt hier die essenziellen Dinge über diesen Beruf, in dem man doch auch so viel über sich selbst lernt. Er scheint mit dem Thema Schauspiel und Film viel vorsichtiger, ja erwachsener geworden zu sein. "Ich habe in jungen Jahren schon einmal erfahren dürfen, was es heißt, mit einem Film Erfolg zu haben. Die Zeit nach diesem Filmen hat mich dann aber gelehrt, dass solche Erfolge auch schnell wieder vergehen können, die Welt sich weiter dreht und niemand so wirklich unersetzbar ist. Deshalb stelle ich jetzt umso mehr den Anspruch an mich, in Zukunft ständig an mir als Schauspieler zu arbeiten und nie zu denken, dass ich irgendetwas gesichert hätte, was nicht mehr verloren gehen könnte", sagt Nick. Er wirkt mit diesen Worten um ein gutes Stück älter als er ist. Das Lachen ist in diesem Moment aus seinem Gesicht verschwunden. Sein größtes Ziel sei jetzt nun erst mal, ein guter Schauspieler zu werden.

© SZ vom 22.05.2018
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