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Zweifel an Schuldfähigkeit:Schlafende Mutter mit Schere erstochen

"Ich habe gerade meine Mutter getötet": Ein 21-Jähriger hat offenbar seine Adoptivmutter erstochen. Nun steht er vor Gericht. Doch die Staatsanwaltschaft hat Zweifel an seiner Schuldfähigkeit.

Monika Maier-Albang

Seine beiden Schwestern wollten unbedingt in den Sitzungssaal. Um zu sehen, wie es dem Bruder geht, der sie nicht sehen will. Sie hassen ihn nicht, auch wenn man als Außenstehender meinen könnte, dass Mary und Maya R. dazu allen Grund hätten. Ihr Bruder hat ja, indem er seine Adoptivmutter umbrachte, auch ihnen die Mutter geraubt. Doch in der Geschichte dieser Familie ist eben vieles kompliziert.

Hier wohnte Anja R. mit ihren drei Adoptivkindern.

Am 7. August 2010 hat Ujal R. seine Adoptivmutter Anja R. laut Anklage mit einer Küchenschere im Schlaf erstochen. Gegen zwei Uhr morgens holte er sich die Schere aus einem Küchenbuffet, das unterm Dach stand, und ging ins Erdgeschoss, wo Anja R. im Bett lag. Dann stach er 21 Mal auf sie ein, so haben die Gerichtsmediziner festgestellt.

Die meisten Stiche trafen die 71-Jährige, die in Großhadern lebte, in die Brust. Anja R. muss noch versucht haben, sich zu wehren. Dann verblutete sie in ihrem Bett.

Der Sohn rief selbst die Polizei, gab zu Protokoll: "Ich habe gerade meine Mutter getötet." Die Beamten nahmen ihn mit auf die Wache, wo der 21-Jährige einen Polizisten bespuckte. Seit Mitte August vergangenen Jahres ist Ujal R. in psychiatrischen Kliniken untergebracht: zunächst im Isar-Amper-Klinikum in Haar, wo er einen Pfleger angriff; er schlug ihm die Faust ins Gesicht. Später wurde er nach Straubing verlegt. Der junge Mann weigerte sich, Medikamente zu nehmen.

Nun wird Ujal R. im Landgericht der Prozess gemacht - unter Ausschluss der Öffentlichkeit, darauf verständigten sich zu Prozessauftakt Ujals Anwalt Hans-Peter Mayer und die Staatsanwaltschaft. Ujal R. ist nicht wegen Mordes angeklagt, weil die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass er zur Tatzeit an einer psychotischen Störung litt. Er soll seine Mutter zwar "heimtückisch", jedoch "im Zustand der verminderten und nicht ausschließbar aufgehobenen Schuldfähigkeit" getötet haben. Das Gericht wird nun an drei Verhandlungstagen klären, ob der junge Mann dauerhaft in die Psychiatrie eingewiesen werden soll.

Im Jahr 1992 hatte Anja R. die drei Geschwister aus einem katholischen Waisenhaus in Bangladesch geholt - gegen den Rat der Münchner Behörden, die sich nicht sicher waren, ob die alleinstehende und damals schon über 50 Jahre alte Frau dem Unterfangen gewachsen sein würde. In Niedersachsen aber bekam Anja R. die Genehmigung zur Adoption. So wuchsen Ujal und seine beiden Schwestern Mary und Maya bei Anja R. auf, einer Frau, die sich seit ihrer Kindheit in Großhadern in der Pfarrei St. Canisius engagiert hatte, die in Tansania ein Krankenhaus geleitet hatte, die "immer nur das Beste wollte, aber dabei manchmal so falsch gelegen hat", wie eine gute Bekannte der Familie sagt.

Dickköpfig soll die Ärztin, die ihr Abitur im Abendgymnasium gemacht hatte, gewesen sein, jedem Rat unzugänglich. Immer wieder gerieten sie aneinander, der Sohn und seine sehr religiöse Mutter, die ihm zu seinem eigenen noch die Vornamen Paul, Rafael und Thomas gegeben hatte - vom Apostel zum Erzengel. Selbst als der Konflikt mit Ujal eskaliert war, habe Anja R. keine Hilfe annehmen wollen, sagen Vertraute.

Ujal indes, der lernbehindert war, mehrere Schulen verlassen musste, der klaute und Drogen nahm und der andererseits regelmäßig eine alte Dame, eine Rollstuhlfahrerin, in den Gottesdienst fuhr, suchte nach Hilfe. Er wollte raus aus der bedrückenden Enge daheim, fragte bei Bekannten, ob sie ihn aufnehmen würden, doch nichts klappte. Im August vergangenen Jahres stach er dann auf seine schlafende Mutter ein.

© SZ vom 06.07.2011/sonn
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