Süddeutsche Zeitung

Zwangsheirat in München:Frauen auf der Flucht vor der Familie

Auch in München werden Frauen zur Hochzeit gezwungen, doch nur wenige wagen zu fliehen. Das neue Gesetz der Bundesregierung hilft ihnen kaum. Im Gegenteil.

Lisa Sonnabend

Olga (Name geändert) ist auf der Flucht. Auf der Flucht vor der eigenen Familie. Die junge Frau Anfang Zwanzig ist zwangsverheiratet worden; ihr Mann bedrohte und misshandelte sie. Eines Tages hielt die Osteuropäerin es nicht mehr aus, nahm all ihren Mut zusammen und lief weg. Mehrmals wurde sie seitdem von ihrem Mann und dessen Eltern aufgespürt - im Frauenhaus oder auf der Straße. Bislang konnte Olga immer entkommen. Doch wenn sie ihre Unterkunft in München verlässt, ist die Angst stets bei ihr.

Neun Frauen sitzen beim Arbeitskreis "Zwangsheirat verhindern" in den Räumen der Initiative für Münchner Mädchen (IMMA) in der Jahnstraße. Beraterinnen, Sozialpädagoginnen, Anwältinnen. Geschichten wie die von Olga können sie alle zahlreiche erzählen. Geschichten von Mädchen, die nach den großen Ferien plötzlich nicht mehr in der Schule auftauchen. Von Frauen, die unterdrückt und geschlagen werden. Von jungen Pärchen, die plötzlich vor der Tür der Beratungsstelle stehen, weil die Partnerin an einen fremden Mann verheiratet werden soll.

Zwangsheirat gibt es nicht nur in fernen Ländern, sondern auch in deutschen Städten. Die Bundesregierung hat deswegen vor wenigen Tagen ein Gesetz beschlossen, das Zwangsheiraten als eigenen Straftatbestand definiert, der mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden kann. Bisher konnten Zwangsehen nur als Nötigung geahndet, mit der Neuregelung soll eine Verurteilung leichter möglich werden.

Wie viele Frauen in München gegen ihren Willen verheiratet werden, ist nicht bekannt. Nur eine Statistik für Deutschland gibt es: In Hamburg wandten sich im Jahr 2005 210 Frauen an die Beratungsstellen der Stadt - in München wird deswegen von einer ähnlichen Zahl ausgegangen. Die Zahl der Zwangsverheirateten ist mit Sicherheit um ein vielfaches höher - denn, wie Monika Cissek-Evans, Leiterin der Münchner Beratungsstelle für Opfer von Frauenhandel Jadwiga, sagt: "Nur die wenigsten trauen sich, von der eigenen Familie davonzulaufen." Und das hat Gründe.

Viele Frauen werden wie Olga nach einem Ausbruch von der eigenen Familie, die meist traditionell und patriarchalisch geprägt ist, verfolgt. Die Eltern und der Mann fühlen sich in ihrem Ansehen, in ihrer Ehre verletzt. Sie stammen oft aus der Türkei, Afghanistan oder dem Libanon, aber auch aus Indien oder vom Balkan.

Die Flucht bedeutet für die Frauen, dass sie einen kompletten Neuanfang in Kauf nehmen müssen: neuer Wohnort, neue Schule, neues Nummernschild für das Auto, oft sogar ein neuer Name. Meist werden die Geflohenen in einer fremden Stadt untergebracht, fern von ihrer Heimat, wo sie niemanden kennen. Es bricht nicht nur der Kontakt zur Familie weg, sondern das ganze bisherige Leben. Mit ihren alten Freunden dürfen sie nicht einmal mehr telefonieren - zu gefährlich. "Viele halten das einfach nicht aus", sagt Cissek-Evans.

Die Gefahr des neuen Gesetzes

In München können sich Frauen, die zu einer Hochzeit gezwungen werden, an verschiedene Stellen wenden: an IMMA, an Jadwiga, an den Verein Solwodi ("Solidarity with Women in Distress") oder an die Gleichstellungsstelle der Stadt. Mitglieder dieser Organisationen treffen sich vier Mal im Jahr zum Arbeitskreis, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen, aber auch, um neue Projekte zu planen.

Beim Treffen des Arbeitskreises vor wenigen Tagen wurden letzte Maßnahmen besprochen, um das Projekt "Heroes" auf den Weg zu bringen. Mit der Initiative sollen die Brüder von potentiellen Opfern von Zwangsheirat angesprochen werden. "Denn mit mutigem Einsatz können sie die ungewollte Hochzeit der Schwester möglicherweise verhindern", sagt Cony Lohmeier von der Gleichstellungsstelle der Stadt. Die Flyer sind schon gedruckt. Bald werden die ersten jungen Männer zum Hero ausgebildet. Also zu einem Held, der es wagt, die Schwester zu unterstützen und sich mit den Eltern zu reiben, wenn in der Familie plötzlich das Wort Heirat fällt.

Die Frauen vom Arbeitskreis sitzen vor einer Tasse Tee oder einem Glas Wasser, viele machen sich eifrig Notizen. Es wird gelacht - doch immer wieder schlägt die Stimmung um, wenn von einem Fall berichtet wird, bei dem die Hilfsangebote an ihre Grenzen stoßen.

Der Arbeitskreis fordert deswegen eine intensivere Kooperation der verschiedenen Institutionen der Stadt. "Die Zusammenarbeit mit der Polizei muss enger werden", sagt Cissek-Evans. Aber auch bei scheinbar einfachen Fragen sind die Beratungsstellen auf die Mitarbeit anderer angewiesen: Wo kann ich das Kfz-Kennzeichen ändern lassen? Wo finde ich eine neue Schule? Oft scheitert ein Rettungsversuch auch am Geld. "Es ist nicht klar, welche Gemeinde die Kosten trägt, wenn eine Frau in einer anderen Stadt untergebracht werden muss", klagt Lohmeier.

Von dem neuen Gesetz der Bundesregierung hält der Arbeitkreis wenig. "Wir erwarten jetzt keine erhöhte Zahl von Anzeigen", sagt Cissek-Evans. "Denn in der Regel wollen die Mädchen niemanden aus der Familie vor Gericht ziehen." In ihrer jahrelangen Beratertätigkeit hat Cissek-Evans es erst zwei Mal erlebt, dass eine Frau ihre Eltern oder ihren Mann angezeigt hat. Eine Frau aus der Runde meint: "Vielleicht geht es sogar soweit, dass die Mädchen sich nicht mehr an uns wenden, weil sie nicht wollen, dass ihre Eltern bestraft werden." Dann würde das Gesetz sein Ziel, Zwangsheiraten leichter zu bestrafen, nicht erreichen. Im Gegenteil. Es würde alles schlimmer machen.

Der Münchner Arbeitskreis wünscht sich statt neuer Gesetzen mehr Sensibilisierung für das Thema: Damit ein Lehrer Alarm schlägt, wenn eine Schülerin nach den großen Ferien nicht wieder auftaucht. Damit der Bruder das Wort in der Familie erhebt. Und damit Olga eines Tages wieder unbekümmert in ihrer Heimatstadt auf die Straße gehen kann. Derzeit sieht die junge Frau nur einen Ausweg: ins Ausland ziehen. Denn in München hat Olga zu viel Angst. Angst vor der eigenen Familie.

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