Zwangsheirat in München:Die Gefahr des neuen Gesetzes

In München können sich Frauen, die zu einer Hochzeit gezwungen werden, an verschiedene Stellen wenden: an IMMA, an Jadwiga, an den Verein Solwodi ("Solidarity with Women in Distress") oder an die Gleichstellungsstelle der Stadt. Mitglieder dieser Organisationen treffen sich vier Mal im Jahr zum Arbeitskreis, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen, aber auch, um neue Projekte zu planen.

Arbeitskreis für Zwangsheirat

Viermal im Jahr trifft sich der Münchner Arbeitskreis "Zwangsheirat verhindern" - um sich auszutauschen und Projekte zu planen.

(Foto: Lisa Sonnabend)

Beim Treffen des Arbeitskreises vor wenigen Tagen wurden letzte Maßnahmen besprochen, um das Projekt "Heroes" auf den Weg zu bringen. Mit der Initiative sollen die Brüder von potentiellen Opfern von Zwangsheirat angesprochen werden. "Denn mit mutigem Einsatz können sie die ungewollte Hochzeit der Schwester möglicherweise verhindern", sagt Cony Lohmeier von der Gleichstellungsstelle der Stadt. Die Flyer sind schon gedruckt. Bald werden die ersten jungen Männer zum Hero ausgebildet. Also zu einem Held, der es wagt, die Schwester zu unterstützen und sich mit den Eltern zu reiben, wenn in der Familie plötzlich das Wort Heirat fällt.

Die Frauen vom Arbeitskreis sitzen vor einer Tasse Tee oder einem Glas Wasser, viele machen sich eifrig Notizen. Es wird gelacht - doch immer wieder schlägt die Stimmung um, wenn von einem Fall berichtet wird, bei dem die Hilfsangebote an ihre Grenzen stoßen.

Der Arbeitskreis fordert deswegen eine intensivere Kooperation der verschiedenen Institutionen der Stadt. "Die Zusammenarbeit mit der Polizei muss enger werden", sagt Cissek-Evans. Aber auch bei scheinbar einfachen Fragen sind die Beratungsstellen auf die Mitarbeit anderer angewiesen: Wo kann ich das Kfz-Kennzeichen ändern lassen? Wo finde ich eine neue Schule? Oft scheitert ein Rettungsversuch auch am Geld. "Es ist nicht klar, welche Gemeinde die Kosten trägt, wenn eine Frau in einer anderen Stadt untergebracht werden muss", klagt Lohmeier.

Von dem neuen Gesetz der Bundesregierung hält der Arbeitkreis wenig. "Wir erwarten jetzt keine erhöhte Zahl von Anzeigen", sagt Cissek-Evans. "Denn in der Regel wollen die Mädchen niemanden aus der Familie vor Gericht ziehen." In ihrer jahrelangen Beratertätigkeit hat Cissek-Evans es erst zwei Mal erlebt, dass eine Frau ihre Eltern oder ihren Mann angezeigt hat. Eine Frau aus der Runde meint: "Vielleicht geht es sogar soweit, dass die Mädchen sich nicht mehr an uns wenden, weil sie nicht wollen, dass ihre Eltern bestraft werden." Dann würde das Gesetz sein Ziel, Zwangsheiraten leichter zu bestrafen, nicht erreichen. Im Gegenteil. Es würde alles schlimmer machen.

Der Münchner Arbeitskreis wünscht sich statt neuer Gesetzen mehr Sensibilisierung für das Thema: Damit ein Lehrer Alarm schlägt, wenn eine Schülerin nach den großen Ferien nicht wieder auftaucht. Damit der Bruder das Wort in der Familie erhebt. Und damit Olga eines Tages wieder unbekümmert in ihrer Heimatstadt auf die Straße gehen kann. Derzeit sieht die junge Frau nur einen Ausweg: ins Ausland ziehen. Denn in München hat Olga zu viel Angst. Angst vor der eigenen Familie.

© sueddeutsche.de/hai
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