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Zuzug aus dem Ausland:Der Blick aus San Francisco, New York und Ankara

San Francisco - Sarah Sullivan, 28

"Ich bin erst seit zwei Monaten in München und habe vorher im Silicon Valley gewohnt, wo die großen Tech-Unternehmen versammelt sind. Google, Facebook, Airbnb. München hat zwar auch eine Tech-Szene, aber eben eine viel, viel kleinere, und genau das mag ich. In den sechs Jahren im Silicon Valley habe ich stets in einer Blase gelebt, die Tech-Unternehmen dominieren den gesamten Alltag. Das wurde mir zu viel. Hier kannst du die Blase schneller verlassen, wenn du mal kurz zum Marienplatz gehst, und die Stadt hat ja trotzdem eine gute Wirtschaft. Ich würde niemals wohin ziehen, wo die Wirtschaft nicht läuft!

Außerdem gefällt mir, dass München eine so ästhetische Stadt ist, du gehst eine Straße entlang und siehst plötzlich eine kleine Kirche im Rokoko-Stil. Jede Straßenecke hat eine Geschichte, das ist in den USA nicht so. Berlin ist mir zu groß und zu hektisch, München hat etwas Ländlicheres. Danach habe ich gesucht. Ich kümmere mich hier jetzt um die Öffentlichkeitsarbeit für ein Start-up.

Allerdings hätte ich nie gedacht, dass es tatsächlich schwieriger wird eine Wohnung zu finden als in San Francisco. Mein Uber-Fahrer in München hat mir erzählt, er habe vier Monate lang gesucht - ich kenne in San Francisco niemanden, der so lange gebraucht hat. Dort sind die Mieten zwar noch höher und die Nachfrage ist auch groß, aber eben auch das Angebot. Vergangene Woche habe ich nun endlich eine Wohnung gefunden, mit viel Glück."

New York - Robert Gardner, 45

"Ich habe Anfang der Nullerjahre schon einmal in München gelebt, damals war ich Opernsänger im jungen Ensemble der Staatsoper. Doch seitdem hat sich die Stadt sehr verändert. München ist viel diverser als noch vor fünfzehn Jahren, man sieht viel mehr verschiedene Menschen auf den Straßen, auch mit verschiedenen Hautfarben zum Beispiel. Ich kam damals aus New York in die Stadt, weil ein Freund von mir von der Universität Yale schon hier war - und das war hart für mich. Ich hatte eine kleine, deutsche Stadt erwartet und genau die bekam ich auch.

Ich hatte unterschätzt, wie schwer die Umstellung ist, noch dazu sprach ich kein Deutsch. Vor fünf Jahren aber bin ich zum zweiten Mal hergezogen und leite mittlerweile einen Expat-Chor. In den USA habe ich mich als Künstler als Ausgestoßener gefühlt, hier aber habe ich auch als Künstler einen Wert in der Stadtgesellschaft, zumindest nehme ich das so wahr. Ich merke allerdings, dass manche Menschen in den USA die Stadt ganz anders wahrnehmen als ich, die trauen sich nicht mehr nach Deutschland zu reisen, weil man hier doch 'so viele Probleme mit den Flüchtlingen' habe.

Ich entgegne dann immer: 'Hallo? Ich lebe an einem der sichersten Orte der Welt.' München verändert sich, aber die Stadt kann gerne auch noch diverser werden. Da geht noch was. Neulich war ich im Gasteig bei einem Konzert und da sind nur ältere, weiße Männer aufgetreten - auch im Publikum saßen vor allem ältere, weiße Männer. Wenn Musik aber nur noch für eine Gruppe gemacht wird, ist das für mich keine Musik mehr."

Ankara - Sibel Turgut, 28

"In der Türkei habe ich keine Zukunft mehr für mich gesehen, also bin ich im Februar vergangenen Jahres nach München gekommen. Vor allem wegen der politischen Situation in meiner Heimat, es sind so viele Dinge schiefgelaufen und die Stimmung im Land ist wirklich nicht gut. Die Menschen reagieren aggressiv. Mir fiel das zum Beispiel auf, wenn ich einmal jemanden unabsichtlich in der Bahn berührt habe - hier in München dagegen entschuldigt sich meist sogar der andere bei mir, selbst wenn ich schuld bin.

Und wenn ich in einen Aufzug einsteige, grüßen mich die Leute, das bin ich überhaupt nicht mehr gewohnt. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich finde ich lange nicht so bezeichnend wie bei uns in der Türkei. Ich weiß, dass in der Stadt viel über Ungleichheit diskutiert wird, aber auf mich wirkt München im Vergleich mit Ankara eher wie eine kommunistische Stadt.

Mein Bruder lebt schon seit neun Jahren hier, wir sind beide in Deutschland geboren, aber noch als Kinder in die Türkei zurückgekehrt. Meine Mutter hatte damals Angst, dass wir in Deutschland nicht studieren werden, weil das Schulsystem die Kinder so früh voneinander trennt und wir es wegen der Sprache vielleicht nicht auf das Gymnasium schaffen würden. In der Türkei ist mein Bruder Ingenieur geworden und ich bin mittlerweile Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgin. Um arbeiten zu dürfen, müssen erst noch meine Zeugnisse anerkannt werden, deshalb war es schwer für mich in München eine Wohnung zu finden.

Die Vermieter haben mich kritisch beäugt und gesagt: 'Ach so, Du arbeitest ja gar nicht.' In solchen Momenten fühlt man sich in der Stadt schnell wertlos. Jetzt aber habe ich ein Zimmer mit Blick auf die Isar gefunden und beobachte gerne die Menschen, die am Fluss entlanggehen. Ich finde es verwunderlich, dass die Menschen sogar mit Kinderwagen joggen - in der Türkei wäre das undenkbar."