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Zuzug aus dem Ausland:Der Blick aus Goiânia, Rabat und Delhi

Goiânia - Euter Pádua, 32 Jahre

"In München habe ich schon einiges hinter mir. Als ich vor vier Jahren mit meiner damaligen Freundin in die Stadt kam, gab es die Wohnung nicht, die wir dachten übers Internet angemietet zu haben - wir waren Betrügern aufgegessen und haben 500 Euro verloren. Wir sind erst einmal von einem Hotelzimmer ins nächste gezogen und ich begann als Fahrer für eine Firma zu arbeiten. Später jobbte ich in Restaurants, dann aber hatte ich viel Pech. Ich flog aus einer Wohngemeinschaft raus und verlor zur gleichen Zeit auch noch meinen Job. Drei Tage lang schlief ich in der U-Bahn-Station Münchner Freiheit. Ich war am Ende - und für mich war damals klar, dass ich wieder nach Brasilien zurückgehen muss.

Wenn du keinen richtigen Job hast, hast du in dieser Stadt keine Chance. Zum Glück hat mich damals eine Freundin gerettet. Sie hat mich bei sich aufgenommen, und ich habe begonnen, als Postbote im Münchner Umland zu arbeiten. Das war hart für mich, denn in Brasilien sagt man den Kindern in der Schule: 'Lern was, sonst wirst du Postbote.'

Jetzt arbeite ich zum ersten Mal wieder in dem Bereich, in dem ich mich auskenne, in der IT. Nach Brasilien zurück will ich nicht unbedingt. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass ich mich in München nicht mehr die ganze Zeit umdrehen muss, wenn ich nach Hause laufe. Dass die Stadt sicher ist. Das ist so schön. Du fühlst das auf den Straßen richtig, diesen Frieden. Bevor ich hierher kam, hatte ich schon von der Isar gehört und dachte: Der Fluss muss sehr dreckig sein, wenn der mitten durch die Stadt fließt. Und dann kommst du her und siehst diesen klaren Fluss."

Rabat - Yasser Essiarab, 34

"Ich arbeite als Berater und bin früher jede Woche von Finnland nach München gependelt. In Helsinki leben zwar viel weniger Menschen als in München, aber dennoch habe ich die Stadt als nicht so frei empfunden. Die Menschen haben mich auf der Straße gemustert, und ich fand es schwierig, mit Fremden in Kontakt zu kommen. Das Pendeln war zudem wahnsinnig anstrengend, also beschlossen meine Familie und ich, nach München zu ziehen.

Jetzt lebe ich gerade einmal ein Jahr hier und kenne schon alle meine Nachbarn. Einer hat mich sogar einmal angerufen, als er einen Todesfall in der Familie hatte - und hat gefragt, ob ich ihn zum Bahnhof fahren könne. Das hat mich total überrascht: 'Hey, cool, ich bin jetzt schon dein Freund?'

Ich kannte München vorher nur aus dem gleichnamigen Film über den Anschlag bei den Olympischen Spielen, ein düsterer Streifen. In Rabat aber, meiner Heimatstadt, ist das Leben gar nicht so anders wie in München. Man geht zur Arbeit, verbringt viel Zeit mit der Familie. Beide Städte sind nicht zu aufregend. München ist eine der wenigen Großstädte, in denen man noch atmen kann. Mein Vater hat in den Sechzigerjahren im Sommer manchmal hier gearbeitet und er hatte mir immer wieder geraten: 'Erfriere nicht da oben in Finnland, sondern gehe lieber nach Bayern.'

Als ich dann bei einer amerikanischen Beratungsfirma angefangen habe und frei wählen konnte, wo ich leben will, war klar, dass es München sein soll. Mich hat überrascht, dass man hier mittlerweile sehr gut mit Englisch durchkommt, das war vor ein paar Jahren auf meinen Geschäftsreisen noch nicht so. Selbst in großen Firmen war es vor fünf Jahren schwierig, ein ganzes Meeting auf Englisch zu halten. Jetzt wohnen wir in Bogenhausen und wollten unsere zwei Kinder eigentlich in einen deutschen Kindergarten geben, wegen der Integration.

Viele der Erzieher im Kindergarten sind aber gar nicht aus Deutschland, sondern zum Beispiel aus Großbritannien, dem ehemaligen Jugoslawien oder Russland. Das ist toll. Als ich mit meiner Frau das erste Mal durch die Bayerstraße in der Nähe vom Hauptbahnhof gegangen bin, fragte die mich auch ganz erstaunt, wo denn jetzt die Deutschen seien. Sie sagte: 'No Blondies here'."

Delhi - Pranav Jagdish, 26 Jahre

"In Delhi habe ich studiert, und ehrlich gesagt ist Deutschland für die meisten Leute dort keine Option. Man geht lieber in die englischsprachigen Länder, in die USA, nach UK und nach Australien. Dort haben wir es wegen der englischen Sprache nun einmal einfacher. Mein Professor aber schwärmte uns von Deutschland vor, die Ausbildung sei so gut, das reizte mich. Für München habe ich mich vor allem entschieden, weil mein Vater immer wieder auf Geschäftsreisen in der Region war, er arbeitet unter anderem für den König von Oman, und der hat ja Immobilien in Garmisch, nicht weit von hier. Ich wusste also von meinem Vater, dass es hier schön ist - vor meinem Umzug war ich kaum in Europa unterwegs, nur ein paar Mal in London.

Ich hatte keine Ahnung, was mich in der Stadt erwartet. Mittlerweile habe ich einen Job als Cyber-Security-Spezialist in der Innenstadt und passe auf, dass die Systeme unserer Firma nicht gehackt werden. Daneben habe ich angefangen, in meiner Freizeit als DJ zu arbeiten, ich lege immer mal wieder in Clubs auf. Die Bahnen sind in München aber vor allem spät am Abend sehr langsam, das ist mir gleich aufgefallen, bei uns in Delhi fahren die viel öfter und schneller. Einmal habe ich eine ganze Nacht an der S-Bahn-Station verbracht, weil ich damals noch bis nach Freising musste und aus Versehen in die falsche Bahn gestiegen war.

Alles in allem ist München, finde ich, ziemlich lässig, ich habe hier Freunde aus der ganzen Welt, und jeder von ihnen hat in der Stadt etwas für sich entdeckt, das für ihn ein Grund ist, hier zu bleiben. Erst einmal will ich auch nicht mehr umziehen. Das einzige, was mir Angst macht, ist die Alternative für Deutschland und dass die mittlerweile so gute Wahlergebnisse einfahren. Ich komme aus einem Land, in dem wir ähnliche Erfahrungen gemacht haben, und ich weiß, wie schnell das gehen kann. Es braucht Leute, die sich wirklich einsetzen und gegen diese Menschen stellen. Ich habe die Hoffnung, dass vor allem die jungen Leute in München das machen."