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"Zur Sache, Schätzchen":In die Filmgeschichte gefummelt

Es war der Startschuss des Jungen Deutschen Kinos: Schauspieler Werner Enke und Regisseurin May Spils blicken zurück auf "Zur Sache, Schätzchen"

Im Dezember 1998 kündigte Werner Enke in einem SZ-Interview an, die nächsten zehn Jahre mit Nichtstun verbringen zu wollen. Zweifel daran ließ er nicht aufkommen: "Das werde ich Ihnen schon noch beweisen." Dabei hegte der Interviewer noch nicht mal welche, schließlich hatte er einen Mann vor sich, der bereits mit Mitte zwanzig als Rumhänger, Wortverdreher und schlaffer Antiheld bekannt war. Im 68er-Filmhit "Zur Sache, Schätzchen" spielte Enke den Gammler Martin, der in Schwabing in den Tag hinein lebt, übers Älterwerden sinniert und nebenbei ein fesches Fräulein aus gutem Hause aufgabelt.

Regisseurin May Spils (rechts) mit Schauspielerin Uschi Glas (links) bei den Dreharbeiten des Films "Zur Sache, Schätzchen".

(Foto: Foto: dpa)

Demnächst ist die Komödie wieder auf der großen Leinwand zu sehen: Das Münchner Filmmuseum zeigt sie am Freitag um 18.30 Uhr in seiner Reihe "Junger Deutscher Film". Vierzig Jahre nach "Schätzchen" trudeln Hauptdarsteller Enke und Regisseurin May Spils in einem Schwabinger Oma-Café zu einem Gespräch ein. Die beiden sind immer noch unverheiratet und leben in einem kleinen Reihenhäuschen ganz in der Nähe. Mittlerweile sind sie 67 Jahre alt. "Wir sehen aber aus wie 66", witzelt Enke gleich zu Beginn.

Schaut man sich alte Bilder an, haben sie sich gar nicht so sehr verändert; fotografiert werden wollen sie trotzdem nicht: "Ich bin heilfroh, wenn mich keiner erkennt", sagt sie und streicht sich dabei über das immer noch seidig-braune Haar. In den späten Sechzigerjahren war das anders, da wurden sie gefeiert wie Popstars, Bravo-Storys inklusive. Ein paar Jahre zuvor hatten sie sich kennen gelernt und gemeinsam mit anderen Jungfilmern wie Klaus Lemke oder Rudolf Thome die "Neue Münchner Gruppe" gegründet. Sie trafen sich in Kneipen, sahen mehrere Filme am Tag und hegten große Pläne: "Kino war für uns das Größte. Deshalb habe ich auch für meinen ersten Kurzfilm den Bauernhof beliehen, den ich von meinem Opa geerbt hatte", erzählt die ausgebildete Fremdsprachensekretärin May Spils. Mit den revolutionär-ideologischen Vorstellungen der Oberhausener Gruppe rund um Alexander Kluge hatten sie wenig am Hut, als Spielfilmdebüt schwebte ihnen eine Komödie im Stil der Nouvelle Vague vor: "Godards ‚Außer Atem‘ war natürlich ein Vorbild für uns", so Enke. "Dass die beiden nur im Bett sitzen und reden: Das wollten wir auch so machen."

Die Geschichten um die Dreharbeiten im Sommer 1967 wurde in Laufe der Jahre immer abenteuerlicher, Spils will deshalb ein paar Punkte klar stellen. Ihr Lebensgefährte widmet sich währenddessen seinem Rauch-Ritual: Er zieht einmal an der Zigarette, drückt sie dann aus, schnippelt mit einem Klappmesser die Asche weg und zündet den Stumpen wieder an. Genau so stellt man sich einen "Gafler" vor - laut Enke eine Mischung aus Gammler und Fummler.

Angeblich hätte "Schätzchen" mal "Gafler" heißen sollen, jedenfalls steht es so in einigen Filmbüchern. "Das war doch nur ein Arbeitstitel", sagt die Regisseurin entschieden. Auch das Gerücht, dass Produzent Peter Schamoni gegen ihren Willen Uschi Glas als Hauptdarstellerin engagiert habe, sei nicht wahr: "Das ist absoluter Quatsch. Uschi passte haargenau." Und der angebliche Streit mit Schamoni wegen der Tantiemen? Dazu meint Enke nur: "Ohne Schamoni hätten wir das nicht geschafft. Wir hätten vielleicht zwei Nachtvorstellungen im Leopold Kino gemacht, das wär's dann gewesen." Nun aber lief der Film gleich mehrere Jahre lang, insgesamt sahen ihn mehr als sechs Millionen Kinogänger.

In die Filmgeschichte gefummelt

Anfänglich als Ode an die Verweigerung ersonnen, wurde er 1968 aufgrund seiner polizeikritischen Haltung als politisches Statement wahrgenommen. Dabei hatte man nach dem tödlichen Schuss auf den Studenten Benno Ohnesorg noch während der Dreharbeiten das Filmende geändert: Ursprünglich hätte Martin am Schluss von einem Polizisten erschossen werden sollen, jetzt überlebt er. Trotzdem wurde das Künstlerpaar von der linken Szene hofiert: "Die sagten zu mir, dass ich unbedingt bei ihnen mitmachen muss", erzählt Werner Enke. "Das war mir aber unangenehm. Ich wollte mit dem, was sich da auf den Straßen zusammenbraute, nichts zu tun haben." "Wir waren nie politisch", fügt sie hinzu. Als sie sich zwei Jahre später mit ihrem zweiten Spielfilm "Nicht fummeln, Liebling" gegen die extreme Linke stellten, änderte sich die Stimmung: "Ab da waren wir bei denen in Frankfurt nur noch die liberalen Scheißer."

Auch innerhalb der Filmbranche saßen sie zwischen den Stühlen: Die aufkommende Sexfilmwelle bediente sich schamlos ihres Vokabulars ("Dr.Fummel und seine Gespielinnen"), während die Autorenfilmer sie als zu unterhaltsam und zu wenig ideologisch abtaten. Zu Unrecht, wie May Spils findet: "Ein Film, der wie unserer unterschwellig daherkommt, hat doch viel mehr bewirkt als diese ganzen filmischen Manifeste." In den Siebzigern landeten die beiden noch drei Hits, erst der letzte Film aus dem Jahr 1983 ("Mit mir nicht, du Knallkopp") versagte an der Kinokasse. Spils und Enke zogen sich zurück; irgendwie hatten sie gemerkt, dass kein Platz mehr war für ihre wundersamen Schwabing-Filme mit lässigen Typen und lakonischen Sprüchen.

Einmal noch veröffentlichte Werner Enke ein Buch mit sprechenden Strichmännchen, die ein wenig an die Daumenkino-Figuren aus dem "Schätzchen" erinnerten. Das war vor fünf Jahren. Damit wäre auch diese Frage beantwortet: Fürs Nichtstun ist der passionierte Hobbymaler und Ideensammler dann doch noch zu umtriebig. In den vergangenen Jahren waren er und seine Partnerin aber vor allem mit der Pflege ihrer Eltern beschäftigt.

Werner Enke zieht noch einmal an seinem Zigarettenstummel und erzählt, wieso die großen Verleiher damals ihren Film ablehnten: "Der kann ja noch nicht mal richtig jung sein, sagten die damals." Damit der letzte Satz nicht weinerlich herüber kommt, verpackt er ihn als Witz: "Ich habe damals alles über das Alter gesagt. Jetzt muss ich es nur noch ertragen."

© SZ vom 17.12.2008/wib
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