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Zum Nachmachen:Münchner Musterfrau

Die Arbeit macht der Kunde selbst - Silke Türck liefert für die Kleidungsstücke nur das Schnittmuster.

(Foto: Stephan Rumpf)

Jacke Coco oder Rock Elsa - die Kunsthistorikerin Silke Türck entwickelt Schnittbögen für Hobby-Näherinnen in aller Welt

Von Franziska Gerlach

Weltweit existieren knapp 3000 Cocos. In der ganzen Republik tragen Frauen die kurze Jacke, deren kantiger Schnitt prompt Assoziationen an den Chanel-Klassiker weckt. Aber auch in Frankreich, England und in den USA hat das hübsche Kleidungsstück bereits Anhängerinnen gefunden. Die eine mag die Jacke aus Tweed, der anderen gefällt sie aus Viskose, eine dritte entscheidet sich für Wildseide. Coco ist der Name des Schnittmusters. Entwickelt in München von Silke Türck.

Unter dem Label "Schnittchen - einfach nähen" produziert Türck seit sechs Jahren Schnittmusterbögen. Neben Jacke Coco sind zum Beispiel noch Rock Elsa oder Shirt Bettina entstanden, insgesamt kann man sich 51 unterschiedliche Muster zuschicken lassen oder zum Preis von fünf beziehungsweise sechs Euro herunterladen. Und weil Türck immer wieder nach Schnittmustern für große Größen gefragt wurde, ist im Mai 2015 ein Buch mit Anleitungen erschienen: "Sahneschnittchen". In ihrer Bürogemeinschaft an der Adlzreiterstraße faltet die 43 Jahre alte Münchnerin einen Bogen auf. Dass diese Vorlage anders aussieht als jene, die man aus Großmutters Nähkästchen kennt, sieht selbst der Laie. Anstelle von kreuz und quer übereinander laufenden Linien setzen sich Ärmel, Vorder- und Rückenteile deutlich voneinander ab: Größe 36 ist gestrichelt, Größe 40 in Punkten vorgegeben. Mühsam abgezeichnet werden muss da nichts mehr, man schneidet einfach die passende Vorlage aus. "Den Rest kann man dann wegwerfen." Die Ideen zu den Modellen liefert Türck selbst, die einzelnen Schnittteile lässt sie von einer Schnitttechnikerin erarbeiten. Auf dieser Basis erstellt sie anschließend das Layout und die Anleitungstexte für den Bogen. Dabei achtet sie auf Verständlichkeit, Abkürzungen sind tabu.

Türck selbst näht schon, seit sie zehn Jahre alt ist. Die Grundlagen vermittelte ihr eine Handarbeitslehrerin in der fünften Klasse. Die Schülerin nähte damals einen Rock mit Gummizug, aus heutiger Sicht ein Klacks. "Das war aber das erste Teil, bei dem ich verstanden habe, worauf es beim Nähen ankommt", sagt sie. Besonders wichtig: Wer nähen will, muss Zeit mitbringen und sich gut vorbereiten. Das sei nicht wie beim Stricken, wo man Nadeln und Wolle eben mal in der U-Bahn zur Hand nehmen könne, sagt Türck. Ohne Schneiderkreide, Schere, Maßband und Stecknadeln geht es nicht. Denn Nähen bedeutet nicht nur die Nadel über den Stoff rattern lassen, sondern auch ganz viel Zuschneiden, Abstecken und Bügeln. Da ist Ungeduld fehl am Platz. "Das musste ich auch erst lernen."

Silke Türck studierte Kunstgeschichte in Tübingen und Köln, doch erst als sie später in Berlin wohnte, zog es sie wieder an die Maschine. "Da habe ich wirklich genäht wie eine Wahnsinnige", sagt sie. Die Kreativität der Stadt habe sie dazu inspiriert. 2005 kehrte sie der Liebe wegen an die Isar zurück. Dass sie dort zunächst weniger nähte, hatte aber weniger mit München zu tun als mit den beiden Kindern, die sie bekam. Überhaupt kann Türck mit Diskussionen darüber, welche deutsche Stadt denn nun zuerst aufs Nähen gekommen ist, wenig anfangen. "Der Trend ist überall, der lässt sich nicht auf eine bestimmte Region begrenzen." Gerade durch das Internet erfahre "die Näh-Community", wie Türck sagt, einen enormen Zulauf.

In den USA, in England und Skandinavien sei in den vergangenen zwei, drei Jahren eine regelrechte Szene an Schnittmuster-Produzenten entstanden, auch in Deutschland gibt es einige Anbieter. Viele Hobbynäherinnen betreiben mittlerweile auch eigene Blogs. Wieder andere stellen selbst produzierte Anleitungen bei Youtube ein. Auch Silke Türck ist dort mit einem Video vertreten. In dem 25 Minuten langen Clip erklärt sie, wie ein Kleid mit Bindekragen genäht wird - ganz ohne Hektik, in aller Ruhe.

© SZ vom 30.10.2015
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