Zwei Hauptgerichte und zwei Getränke für 70 Euro? In München leider keine Seltenheit mehr, egal wie labbrig die Bratkartoffeln oder wie dünn die Packerl-Soße. Umso schöner ist es, dass es noch Orte wie die Auer Wirtschaft Zum Alten Kreuz gibt, wo man sogar mehrmals die Woche essen gehen könnte, ohne sich damit finanziell zu ruinieren und ohne Abstriche bei der Qualität machen zu müssen.
Seit knapp einem Jahr ist das Lokal unter seinem ursprünglichen Namen zurück. Das Alte Kreuz gibt es seit 1892, glaubt man dem Schild über dem Eingang. Früher sollen sich hier die Wege von Pferdefuhrwerken gekreuzt haben, daher der Name. In seiner jüngeren Geschichte gab es im Alten Kreuz viele Pächterwechsel, zuletzt nannte es sich Falke 23. Nun hat sich der Österreicher Günter Milonig der Traditionsgaststätte angenommen.
Er setzt auf das Einfache, das Ursprüngliche und Rustikale. Mit Wohlwollen könnte man das Ambiente im Alten Kreuz als „urig“ bezeichnen, so aus der Zeit gefallen ist die Einrichtung. Ein Boden aus rotbraune Tonfliesen, wie man sie in den Achtzigerjahren in Eigenheimen auf dem Land verlegte; Wirtshausstühle aus dunklem Holz, Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden und über dem Eingang die bayerische und die Kärntner Flagge.
All das verleiht dem Alten Kreuz mehr den Charme eines Vereinsheims als eines Speiselokals. Trotzdem ist es immer so gut besucht, dass die Gäste an langen Tafeln zusammengesetzt werden, mit oder ohne Reservierung. Jene Geselligkeit und nicht zuletzt der herzliche Service sorgen dafür, dass trotz der kargen Einrichtung Gemütlichkeit aufkommt.

Die Speisekarte, „oldschool“ verpackt in Klarsichtfolien, besteht überwiegend aus bayerischer und österreichischer Hausmannskost, dazu kommt das ein oder andere Pastagericht. Die „Kärntner Kasnudel“ als solches zu bezeichnen, gilt in Österreich vermutlich als Todsünde, und doch sind diese gefüllten Teigtaschen mit dem italienischen Raviolo oder dem Tiroler Schlutzkrapfen mindestens artverwandt.
Drei große runde „Kasnudeln“ kommen im Alten Kreuz auf den Teller, geschwenkt in brauner Butter, serviert mit Beilagensalat und von Hand gemacht, wie man am kunstvoll eingeschlagenen Teigrand eindeutig erkennen kann. „Gerandelt“ nenne sich das im Fachjargon, erklärt eine ältere Dame am Tisch, die sich selbst einmal in Kärnten am „Randeln“ versucht habe.
Gefüllt ist die Nudelspezialität aus der Heimat des Wirts mit einer Masse aus Kräutern und Bröseltopfen, was diesem Sattmacher Frische verleiht – ein feines Gericht, das man in München selten bekommt, schon gar nicht für 12,80 Euro. Auch das Cordon bleu vom Kalb (23,90 Euro) überzeugt: Dünn geklopft, gleichmäßig geschichtet und mit knuspriger und soufflierter Panade kommt es an den Tisch. Die Bratkartoffeln sind große, weiche, mit Kümmel gewürzte Kartoffelstücke, die mehr an einen gebratenen rohen Kloß erinnern – das muss man mögen.
Bei unserem zweiten Besuch ist eine größere Runde an Testessern mitgekommen. Am Ende des Abends stehen französische Zwiebelsuppe, Wildkräutersalat mit gebratenen Austernpilzen und Nüssen, Spanferkelbraten mit Knödel und Krautsalat, überbackene Spinatspätzle mit Tomatensoße, Rinderroulade mit Rosmarinkartoffeln, Apfelschmarrn mit Zwetschgenröster und Palatschinken auf der Rechnung. Man staunt am Tisch nicht schlecht, als all das inklusive Getränke insgesamt gerade einmal 100 Euro ausmacht.

Wie gut kann das Essen bei diesen Preisen schon sein, könnte man sich an dieser Stelle fragen. Sehr gut, so das Resümee aller Tester. Die kräftige Zwiebelsuppe mit gratiniertem Brot und säuerlicher Weißwein-Note ist eine Wohltat an grauen Herbsttagen; die hausgemachten Spinatspätzle schmecken luftig leicht; und das Rindfleisch der Roulade ist zart und voller Geschmack. Bloß die Kartoffeln sind zu hart und schmecken nicht nach Rosmarin.
Die Rotweinsoße zur Roulade fällt sauer aus und erinnert geschmacklich mehr an ein Szegediner Gulasch, was aber gut zum Speck und den sauren Gurken in der Füllung passt. Bei Braten ist es grundsätzlich als gutes Zeichen zu werten, wenn es sie nur an bestimmten Wochentagen gibt, denn dann kann man davon ausgehen, dass sie täglich frisch gemacht werden. Den Spanferkelbraten im Alten Kreuz gibt es zum Beispiel immer nur samstags und sonntags.

Sein Fleisch ist saftig und die Kruste resch. Für drei Scheiben Fleisch plus Knödel und Krautsalat muss man allerdings großen Hunger mitbringen. Wer trotzdem noch Platz für Süßes hat, muss unbedingt den Apfelschmarrn mit Zwetschgen probieren. Der Teig ist innen locker und außen karamellisiert, duftet nach Vanille und schmeckt – wie auch die Zwetschgen – nicht zu süß.
Bei den Getränken setzt sich die faire Preispolitik fort: Die Halbe Augustiner kostet 4,10 Euro, den Schoppen Wein bekommt man schon ab 4,20 Euro – an dieser Stelle ohne Wertung oder Empfehlung, denn von den Weinen (es gibt eine kleine Auswahl an überwiegend österreichischen) haben wir keine probiert. Vielleicht beim nächsten Mal, denn wir kommen ganz bestimmt wieder. Ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis wird man in München kaum finden.
Zum Alten Kreuz, Falkenstraße 23, 81541 München, Telefon: 017632303913, Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 17 bis 24 Uhr, Sonntag 11 bis 22 Uhr, Montag Ruhetag.
Die SZ-Kostprobe
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderte Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

