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Fußgängerzone in München:Geld verdirbt den Charakter

München ist in Deutschland die führende Einzelhandelsstadt, doch der Verdrängungswettbewerb unter den Händlern ist hart.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Nach dem Aus für Hugendubel fragen sich Geschäftsleute und Politiker, wie es mit der Fußgängerzone weitergehen soll. Viele Traditionsläden mussten aufgeben, weil die Mieten steigen. Gewinner sind große Filialketten.

Dass hier vieles nicht ganz echt ist, sieht man schon an den Erdbeeren. "Madre natura" steht auf den italienischen Obstkörbchen an dem Stand in der Neuhauser Straße. Es ist Anfang April, allerhöchste Zeit für ein Obst, das in längst versunkenen Zeiten mal eine Sommersorte war - aber Madre natura, Mutter Natur, das ist schon gewagt für die knallroten Megafrüchte mit lackartigem Glanz. Zur Fußgängerzone passen sie vielleicht ganz gut, hier geht es um effektvolle Verpackung, den flüchtigen Reiz, schnelle Einkäufe.

Solche Bedürfnisse hat auch Hugendubel bedient, das Bücherkaufhaus am Marienplatz, und dennoch bringt sein angekündigtes Verschwinden wieder einmal die Balance in der Innenstadt durcheinander. Noch ein Münchner Traditionsunternehmen weniger in der Innenstadt, eine Marke, die versinkt unter der Woge der Labels, wobei es noch die erstaunlichste Nachricht war, dass sich keine Bekleidungskette im Bücherhaus einnisten wird, sondern die Telekom.

Hugendubel Ein Lebenshaus am Marienplatz
Aus für Hugendubel

Ein Lebenshaus am Marienplatz

Der Hugendubel in der Münchner Fußgängerzone ist ein besonderes Kaufhaus in einer ansonsten seelenlosen Umgebung. Nach mehr als 30 Jahren muss er schließen. Den Immobilienbesitzern ist die maximale Miete wichtiger als die Lage einer Buchhandlung, einer Wirtschaft oder gar einer Zeitung.   Von Kurt Kister

Am Ende ging es, wieder einmal, um die höhere Miete. "Der Kapitalismus siegt", titelte die AZ, aber bei einer Konsummeile ist eigentlich nichts anderes zu erwarten. Ein unverwechselbares Gesicht ist schwer zu bewahren, wenn 13 000 Passanten pro Stunde in der Kaufinger- und Neuhauser Straße nur eines wollen: shoppen.

Den Geschäftsleuten gefällt die enorme Kauflust. München ist in Deutschland die führende Einzelhandelsstadt. Was die Nachfrage nach Läden und das Mietniveau betrifft, könne es die bayerische Landeshauptstadt klar mit internationalen Shoppingmetropolen wie London oder Paris aufnehmen, sagt der Einzelhandelsexperte Sören Hoffmann vom Immobilien-Dienstleister CBRE.

Nicht unbedingt auf Niveau, beklagen Kritiker

Der Verdrängungswettbewerb ist hart. Besonders in der Sendlinger Straße, in der Residenzstraße und in der Brienner Straße zeigt sich der Wandel deutlich. Es ist noch gar nicht so lange her, da galten diese Gebiete geschäftsmäßig als ein bisschen verschlafen. Der neue Büro- und Ladenkomplex Hofstatt und die teilweise Umgestaltung zu einer Fußgängerzone hat der Sendlinger Straße einen Schub gegeben und sie zu einem Schwerpunkt für Neuvermietungen gemacht.

Man mag zwar bedauern, dass in der Residenzstraße die alteingesessene Confiserie Rottenhöfer verschwunden ist, sagt Sören Hoffmann. Dafür sei ein für die Altstadt innovativer Männerbekleidungs-Store gekommen, der nicht die gängigen Labels anbiete. Von eleganter Behäbigkeit hätten auch die Geschäfte in der Brienner Straße längst Abstand genommen - nun sei dort ein deutlich jüngeres Publikum zu finden.

Wer von einer der Nebenstraßen in die Fußgängerzone einbiegt, spürt die Hatz, als seien alle auf der Jagd. Der Schritt wird schnell, der Blick konzentriert und auf das Parterre fixiert, wo die Trophäen ausliegen. Man gerät in den anonymen Strom einer Scheinwelt aus Waren und Versprechen, die sich nicht einmal besonders Mühe gibt, ungewöhnlich, gar elegant zu wirken. Die Massenprodukte internationaler Modekonzerne dominieren, dazwischen Ramschlädchen mit bizarren Namen wie "%-Outlet Schuldenberg" - dass man in der Fußgängerzone immer weniger auf Eigenart setzt und auch nicht unbedingt auf Niveau, beklagen Kritiker seit Langem.