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Zoologische Staatssammlung:Code des Lebens

Beim DNA-Barcoding aller bayerischen Arten wird ein kleines, ganz spezielles Fragment der DNA untersucht: das CO1-Gen.

(Foto: Catherina Hess)

Forscher der Zoologischen Staatssammlung München erfassen derzeit die genetischen Fingerabdrücke aller 700 in Hellabrunn gehaltenen Arten. Von der Barcode-Technik profitieren auch der Zoll und die Medizin.

Mehrmals sind die Forscher kurz vor dem Verdursten, Parasiten fressen sich unter ihre Haut, sie leiden an Fieber und Durchfällen, weil sie sich Tropenkrankheiten einfangen. Die Reise ist strapaziös, gar lebensbedrohlich, trotzdem sammeln Johan Baptist von Spix, der erste Konservator der Zoologischen Staatssammlung München, und seine Begleiter bei ihrer Brasilien-Expedition alles, was sie zu fassen bekommen.

Ist doch die Entdeckung einer unbekannten Art ein, wenn nicht sogar der Höhepunkt im Forscherleben. Wer ein Tier als Erster beschreibt, darf in der Regel den Namen festlegen, unter dem es bis in alle Ewigkeit Einzug findet in die Listen und Sammlungen. 6500 exotische Pflanzen, 2700 Insekten, 86 Säugetiere, 350 Vögel, 130 Amphibien und 116 Fische brachten Spix und seine Begleiter 1820 in die Heimat, von denen viele bis heute die Namen ihrer Entdecker tragen wie etwa der Spix-Ara.

Heute geht es in der Wissenschaft anders zu. Auch ohne gedankenlos Landstriche auszuplündern, lassen sich noch neue Arten entdecken - sogar in Deutschland, das zu einem der zoologisch am besten erforschten Länder der Welt zählt. Wie zuletzt etwa die Wespe, die aussieht wie eine Ameise. Mit genetischen Methoden haben Forscher der Münchner Staatssammlung die Trugameise, die als Brutparasit bei anderen Wespenarten lebt, enttarnt. In den nächsten Monaten sollen auch Hellabrunns Zootiere katalogisiert werden. "Wenn wir nicht wissen, welche Arten es überhaupt gibt, wissen wir auch nicht, wie viele Arten verschwunden oder gerade dabei sind, zu verschwinden", sagt Direktor Gerhard Haszprunar.

Haben viel vor: Oliver Hawlitschek (links) und Jerome Moriniere wollen in den nächsten Monaten die genetischen Fingerabdrücke aller Zootiere erfassen.

(Foto: Catherina Hess)

Dabei werfen einige ihnen genau das immer vor, sie würden durch ihre Arbeit Tiere nicht schützen, sondern Arten vernichten. "Ihr sammelt, ihr seid's Mörder!", sagen sie gelegentlich. Er sagt: "Anders als in der Kunst geht es bei uns nicht ums Haben, sondern ums Tun." Schließlich lagern die Objekte nicht nur in den Magazinen, die Zoologen erfassen auch sämtliche Begleitdaten, um etwa Wechselbeziehungen in Ökosystemen oder die Verbreitung von Tierarten zu erforschen. Heute stammen neue Objekte zu einem Großteil aus Schenkungen, Stiftungen und Käufen, mitunter sorgt auch der Zoll für Zuwachs, wenn dieser exotische Urlaubsmitbringsel beschlagnahmt.

Wie bei der Suche nach einem Mörder

Für ihr neues Projekt in Kooperation mit dem Münchner Tierpark gehen die Mitarbeiter der Staatssammlung so vor, wie es auch diejenigen tun, die Mörder fassen wollen. Unter dem Stichwort "DNA-Barcoding" erstellen die Münchner Wissenschaftler genetische Bestimmungsschlüssel aller bayerischen Tierarten. "Das ist wie die Arbeit eines Kriminalkommissars", sagt Haszprunar. Denn wie Kripobeamte anhand von DNA-Spuren Täter überführen können, sind die Forscher in der Lage, mittels DNA jedes Tier einer Art zuzuordnen.

Waldbisonkuh "Marla" war die erste, ihren DNA-Barcode erstellten die Wissenschaftler aus einer Blutprobe bei einer tierärztlichen Untersuchung. Die Bestimmung funktioniert aber auch per Abstrich, aus Haaren, Federn oder Kot - also ganz ohne zu plündern. Bis das Material von Labor-Robotern aufbereitet wird, lagert es in gewöhnlichen Kühlschränken, wie sie auch die Bewohner in den benachbarten Obermenzinger Einfamilienhäusern in ihren Küchen stehen haben könnten.

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