Zoo Der Unterschied zwischen Tier und Mensch? Tiere jammern nicht

Geburt, Leben, Leid und Tod: Christine Gohl bei einer neugeborenen Bulgarenziege.

(Foto: Robert Haas)

Christine Gohl ist Tierärztin in Hellabrunn, wo 19 000 Tiere leben. Da passieren auch mal kuriose Dinge.

Von Philipp Crone

Noch schwingt der Rüssel ruhig vor und zurück, nimmt ein Stück Gemüse auf, wirft es hoch ins Maul. Der 4,8 Tonnen schwere Elefant Gajendra steht in einer Box aus Eisenstäben und frisst vor sich hin. Aber das wird nicht lange so bleiben. Bei Christine Gohl muss jetzt jeder Handgriff sitzen. Die 45-jährige Tierärztin hat ihre blonden Haare an diesem Vormittag im Spätsommer schnell mit dem Einsatz-Haarband fixiert, das sie sonst am Handgelenk trägt, blickt zum Pfleger des Elefanten, der vorne am Käfig steht und den Rüssel tätschelt. Er nickt, der Regen prasselt, los geht's.

Gohl hält eine Spritze in der Hand und kniet am linken Vorderbein des Elefanten. Gajendra stellt das Bein so raus, dass Gohl gut rankommt. Das Tier hat einen Abszess, den die Ärztin seit ein paar Tagen behandelt. Sie spritzt ein Medikament in die gereizte Stelle, Gajendras Rüssel baumelt, nach 20 Sekunden trottet der Elefant wieder aus dem Käfig. Gohl schüttelt ihr Regencape, lächelt dem Pfleger zu und verabschiedet sich.

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Schnell rüber zur neugeborenen Ziege, impfen, Maulhöhlencheck. Und sehen, ob das Jungtier auch gesund ist. Dann zu den Pferden und danach eine Schlange untersuchen. Dabei trifft sie immer auf erleichterte Pfleger und wachsame Tiere. Zum Beispiel auf Affen, die sie schon mal mit Scheiße bewerfen, weil sie ahnen, dass gleich ein Pfeil aus dem Blasrohr anfliegt. Je seltener sie das Blasrohr benötigt, desto besser. Über eine Frau, deren Medikamentenauswahl geringer nicht sein könnte und deren Patienten nicht vielfältiger.

Wenn Gohl mit dem E-Wagen oder mit einem vollgepackten Fahrrad von Patient zu Patient im Zoo unterwegs ist, hat sie ihre Einsätze lange vorher vorbereitet. "Am Tier muss es schnell gehen", sagt sie. Zwei Drittel ihrer Arbeit findet nicht am Gehege statt, sondern am Schreibtisch. Der steht in einem Büro, dessen Wände voll sind mit Einmalhandschuh-Packungen, Kanülen und Medikamenten; dazwischen steht eine Box mit Gummibärchen und eine Kaffeemaschine, ein Vorratsraum, ein Labor, in dem zum Beispiel Blutproben ausgewertet werden. Oder Kotproben, das sind bis zu 1500 pro Jahr. Denn der Patient Tier unterscheidet sich vom Patienten Mensch in einigen wesentlichen Punkten.

Zum einen geht er nicht zum Arzt. Im Gegenteil, Tiere verbergen ihre Verletzungen oder Krankheiten. "Wenn ich manchmal zu einem Tier gehe, bei dem der Pfleger gesehen hat, dass es lahmt, dann lahmt es auf einmal nicht mehr, wenn ich da bin." Die Tiere sind clever und erkennen Gohl, die robuste Frau, die auch bei strömendem Regen in kurzen Hosen rumläuft.

"Also sind wir Tierärzte ganz besonders auf die Pfleger angewiesen. Wenn mir da einer sagt, dass er bei einem Tier ein komisches Gefühl hat, bin ich alarmiert." Oft merkt der Pfleger auch am Verhalten der Gruppe, dass etwas nicht stimmt. Bei Elefanten zum Beispiel sind die nächsten Verwandten die meiste Zeit ganz in der Nähe eines angeschlagenen Artgenossen. Bei Hirschen oder Steinböcken hingegen werden verletzte Tiere separiert.

Tiere zeigen erst sehr spät Symptome

Der zweite Unterschied zwischen Tier und Mensch: Tiere jammern nicht. "Die zeigen erst sehr spät Symptome." Oft erst dann, wenn es zu spät ist, so wie vor ein paar Monaten bei Eisbär Yoghi, der auf einmal blutete und drei Tage später tot war. "Der hatte nicht an Gewicht verloren, normal gefressen, da haben wir erst im letzten Moment gesehen, dass etwas nicht stimmt."

Dann muss sofort reagiert werden, dann werden die Tiere betäubt und untersucht, zur Not während der Besuchszeit. Es passiert das, was man im Alltag seit einiger Zeit gut vermeiden kann: Narkose, um einem Tier Blut abzunehmen. Stattdessen trainieren die Pfleger zum Beispiel täglich mit Elefanten oder Tigern oder Giraffen, dass sie an den Zaun kommen. So kann man heute Raubtieren Blut am Schwanz abnehmen und so die Gesundheit untersuchen, ohne sie betäuben zu müssen.

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Bei Eisbär Yoghi stellten Gohl und ihre Kollegen fest, dass 80 Prozent der Niere kaputt waren und die Blutwerte katastrophal. Sie versuchten, ihn dazu zu animieren, viel zu trinken. Aber das tat er nicht. Er starb. "Das nimmt einen schon mit", sagt Gohl und bleibt auf dem Weg zu den Ziegen kurz stehen. Es spielt wohl doch eine Rolle bei der Frage, wie sehr Gohl einer ihrer Patienten ans Herz wächst, wie groß und wie alt ein Tier ist. Wenn ein Elefant, ein Nashorn, ein Gorilla, ein Eisbär oder ein Braunbär stirbt, nimmt das die Ärzte stärker mit, als der Verlust einer Spitzmaus. Tierärzte sind eben auch nur Menschen.

Neulich hatte Gohl ein Erdmännchen in Behandlung, zwölf Jahre alt. Die Tiere werden maximal 15. Das Erdmännchen wurde wegen einer Verletzung untersucht, und dabei stellte sich heraus, dass es einen 70 Gramm schweren Tumor im Bauch hatte. 70 Gramm, bei einem Körpergewicht von 1007 Gramm. Als ob ein Mensch einen fünf Kilo-Tumor im Bauch hätte. Sie entfernten den Tumor, was das Erdmännchen gut weggesteckt hat. "Natürlich wird bei uns auch eine Maus behandelt", sagt Gohl. Die bekommt allerdings keinen Venen-Katheter und lebt nur zwei Jahre, bei dem hohen Stoffwechsel und der hohen Herzfrequenz.

Gohl wirkt, als ob sie selbst den Stoffwechsel eines Nagetiers hätte. Keine Pausen, von hier nach da, es ist einfach zu viel zu tun. Wer Tierarzt wird, "der lebt auch vom Idealismus". Humanmedizin war nichts für sie? Gohl zögert kurz, dann sagt sie: "Fell und Federn sind gut." Es muss für einen Arzt auch eine Herausforderung sein, Patienten gesund zu halten, die einem nicht sagen, wenn ihnen etwas fehlt. Und dann ist da eben diese enorme Abwechslung. Auch in der Bürokratie.