Tanz-Akrobatik in der Pasinger FabrikEin Zirkuslabor in München entwickelt neue Artistikformen

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Neue Formen sollen die Tänzerinnen und Artistinnen im Zirkuslab entwickeln – wie diesen Kubus für Luftakrobatik.
Neue Formen sollen die Tänzerinnen und Artistinnen im Zirkuslab entwickeln – wie diesen Kubus für Luftakrobatik. Annette Hempfling

Acht Artistik- und Tanz-Talente haben im neuen „Zirkuslab“ der Pasinger Fabrik das Stück „Reflection“ entwickelt. Weitere Eigenproduktionen sollen folgen. Die Strippen zieht eine Legende der Varieté-Branche.

Von Michael Zirnstein

Ein Diabolo, also so ein rotierender Doppelkreisel, saust scharf an einer Skulptur moderner Kunst vorbei, und rotiert dann am Boden weiter. Der junge Artist Sören Geisler schnalzt den Diabolo an den Schwungschnüren noch ein paar mal durch die Galerie, dann beginnt er selbst zu kreiseln vor Bildern und Figuren und schleudert seine Beine als Breakdance-Rotor durch die Luft.

Hat man so noch nicht gesehen, diese Verbindung aus Jonglage, Artistik und Hip-Hop-Tanz. Noch dazu so nah an der Kunst der Ausstellung „Frauen von heute – Visionen für morgen“.

Nun könnte man diese Einlage von Sören Geisler bei der Pressekonferenz für das Akrobatik-Tanz-Stück „Reflection“ in der Pasinger Fabrik symbolhaft sehen: Für zeitgenössischen Zirkus gibt es generell zu wenig Platz, er muss ihn sich immer mit anderen Künsten teilen (bedient sich aber auch eifrig an ihnen). In dem Fall liegt es aber anders: Die Pasinger Fabrik gibt dem zeitgenössischen Zirkus fortan Raum. Man will, dass sich hier Talente entfalten können.

Talente wie Sören Geisler, ein Quereinsteiger in die Artistenwelt, der gerade die Zirkusschule in Berlin abgeschlossen hat. „Und jetzt will ich unbedingt performen, performen, performen“, sagt der 22-Jährige. Und er habe Lust, ein neues Genre kennenzulernen. Dafür ist er hier im neu geschaffenen Zirkuslab an der richtigen Stelle. Zumal bei diesem Projekt eine wahre Varieté-Legende die Strippen zieht, über die der Nachwuchsartist fast ehrfürchtig sagt: „Es ist so toll, dass ich hier mit Werner Buss zusammenarbeiten kann.“

Sören Geisler verbindet in seiner Performance Artistik und Breakdance; hier bei der Pressekonferenz in der Pasinger Fabrik.
Sören Geisler verbindet in seiner Performance Artistik und Breakdance; hier bei der Pressekonferenz in der Pasinger Fabrik. Annette Hempfling

Werner Buss hat in seinen 28 Jahren als künstlerischer Direktor der GOP-Theater und darüber hinaus 300 Shows produziert, Talente entdeckt und gefördert, mit Weltstars gearbeitet, zuletzt eine Saison lang das „Festival du Cirque“ beim Winter-Tollwood erfunden. Aber, das darf man sagen und kann es eigentlich kaum glauben, wenn man diesen großen Schwärmer kennt: Sein Feuer war zwischendurch erloschen. Als Buss aber vor einem Jahr, so erzählt er, zur Ausstellungseröffnung der Künstlerin Vicky Lardschneider in der Orangerie im Englischen Garten einige Akrobaten und Tänzer mitbrachte, und wie er dann an der Seite stand und sich die Musik, die Bilder, die Artistik „so zu einem Spirit“ verbanden, da merkte er: „Mein Herz schlägt gerade total und ich bin wieder da, und die Liebe zu dem Metier ist wieder wachgeküsst.“

Also luden er und seine neuen Partner-Freundinnen von den Stonebite Studios für Tanz und Bewegungskünste weitere Artisten ein, drehten Videos und hatten so einen kreativen Spaß dabei, dass sie feststellten: „Wir wollen mehr, wir wollen stärker zusammenarbeiten.“ Einer von mehreren günstigen Zufällen in dieser Entwicklung war, dass Buss Carmen Bayer traf, eine langjährige Freundin, ehemalige Intendantin des Deutschen Theaters und nun als Prokuristin der Pasinger Fabrik im Schaffensdrang. Und sie sagte, sie würden gerne Zirkus machen und hätten im November Platz im Programm, ob Buss nicht eine Idee habe …

Ein neuer Spielplatz für Werner Buss (rechts) und die jungen Artisten und Tänzer ist die Pasinger Fabrik.
Ein neuer Spielplatz für Werner Buss (rechts) und die jungen Artisten und Tänzer ist die Pasinger Fabrik. Annette Hempfling

So entstand das Zirkuslab. Wobei man „Labor“ nicht falsch verstehen soll. Ein Experiment sei das Projekt keineswegs, stellt Carmen Bayer klar, „das hat bei uns einen Status“. Man plane eine lange Zusammenarbeit mit regelmäßigen Produktionen für die nächsten Jahre, also gleichbedeutend zur jährlichen eigenen Oper (ab 12. Dezember: „Der Barbier von Sevilla“) und der großen Ausstellung (heuer schon: „Pink“). Und schon jetzt spürt Bayer, wie gut diese frischen Künstler mit ihrem Esprit und ihrer Freude an Zusammenarbeit dem Kulturzentrum tun.

Das „Lab“ steht also für Entwicklung. „Wir sehen unsere Aufgabe darin, junge Münchner Zirkusschaffende mit internationalen Künstlern und Künstlerinnen zusammenzuführen, um sie in ihrer Arbeit zu unterstützen, die nachhaltige Entwicklung dieser Kunstform zu fördern und zeitgenössischen Zirkus einem breiten Publikum vorzustellen.“ Wobei Buss und Bayer bewusst ist, dass es durchaus eine freie Artisten-Szene in München gibt, sehr aktiv und kreativ tobt sie sich zum Beispiel im geräumigen Kuppelzelt „Pepe Dome“ von Michael Heiduk am Ostpark aus.

Oder eben in den Stonebite Studios. Die haben die Iwanson-geschulten Tänzerinnen Julia Ladner und Karin Paulsburg, wie sie es sich schon seit Schulzeiten in der Akrobatik-Schul-AG  ausmalten, 2022 gegründet. Eben weil sie in der Pandemie „per Zufall die richtige Immobilie gefunden“ haben. Solche Risikobereitschaft und Leidenschaft imponiert Buss. Und was sich dort an Profi-Training und Klassen für jedermann entwickelt hat, das verschlägt selbst ihm als Routinier die Sprache. So ist Stonebite fest beim Zirkuslab dabei und bringt Tänzerinnen wie Doris Teichmann, Lena Lund oder Anna-Maria Sinnwell.

Neue Fabrikarbeiter: Im Zirkuslab entwickelt die Pasinger Fabrik künftig eigene Show-Produktionen.
Neue Fabrikarbeiter: Im Zirkuslab entwickelt die Pasinger Fabrik künftig eigene Show-Produktionen. Annette Hempfling

Dazu lädt Buss „Lieblinge“ seiner Laufbahn ein, wie den hoch kreativen Münchner Jongleur Elias Oechsner, der längst von Toulouse aus wirkt. An der renommierten Codarts Circus Arts Schule hat er einst festgestellt: Die ganze Akrobatik erträgt man nur mit Humor, also wurde er Clown. Sowie Daniela Maier alias Danisima, die einstige rhythmische Sportgymnastin ist ein so multibegabter wie aber auch stiller Handstand-Star der Münchner Szene, gerade ist sie von einem Engagement in China zurückgekehrt.

Acht Artisten und Tänzer bündeln nun ihre Kräfte, sollen im Zirkuslabor ganz neue Formen entwickeln – so haben sie bereits einen sich in der Luft drehenden Kubus aus Metallstangen erfunden. Dabei hilft der Wiener Artist und Regisseur Robert Witt (der etwa schon für die Frankfurter Oper „Konzerte verturnt“ hat). Ihn treibt die Neugier, sagt er, was aus so einer für ihn neuen Konstellation entstehen kann: „Diese Übergänge zwischen Tanz und Akrobatik, wo man gar nicht genau weiß: Wo passiert der Wechsel.“

So entsteht seit einer Weile und gerade noch das erste Stück: „Reflection“. Worum es geht, ist nicht konkret, Werner Buss erklärt: „Was bewegt uns in der Welt, die gerade crazy ist: Licht, das sich bricht. Wärme, die zurückstrahlt. Schall, der antwortet.“ Und wie sich alles tief und facettenreich im Inneren spiegele.

Das wird anders als der Circus Roncalli, der gerade in München gastiert, anders als die beiden Dinner-Zelt-Shows, artverwandt aber doch anders als der Ein-Mann-Theaterzirkus von Johann Le Guillerme bei Tollwood, am ähnlichsten experimentell wohl noch dem „Freeman Festival“ für zeitgenössischen Zirkus, das Michael Heiduk zur selben Zeit veranstaltet.

„Was wir zeigen, decken die anderen in Circus City München vielleicht nicht ab“, sagt Buss. In der Wagenhalle der Pasinger Fabrik wird den 175 Zuschauern kein Essen serviert, nicht mal Popcorn, wer aber mag, soll sich nach jeder der elf 75 Minuten lang durchlaufenden Vorführungen noch mit den Artisten an der Bar austauschen können. Und es wird auch bewusst keine Bühne geben.  Denn oft, so erklärt Buss,  „bestimmt die Bühne das Spiel – hier bestimmen wir das Spiel und erobern den Raum“.

Zirkuslab in der Pasinger Fabrik: „Reflection“, Mittwoch, 5. November, bis Samstag, 15. November, München, Pasinger Fabrik

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