Eine gute Show bietet etwas für Körper, Geist und Herz. Wobei die Anteile nicht ausgewogen verteilt sein müssen. Man sieht das bei den bewegendsten Darbietungen in diesem langsam in die Gänge kommenden Sommer. Bei Tollwood zum Beispiel stehen in einer der letzten Akrobatiknummern vor dem Abbau der Zelte ganz klar durchtrainierte Körper im Mittelpunkt: Die Belgier und Belgierinnen der Gruppe „15Feet6“ bezeichnen sich selbst als „ehrgeizig“ und ihre Bühne als „Sportfeld“. Sie treten an den letzten drei Tagen des großen Sommerfestivals, Freitag bis Sonntag, am 19. und 20. Juli um 20.30 Uhr, am 21. Juli um 19.30 Uhr, im Amphitheater unter freiem Himmel auf – und viel Freiraum über ihren Köpfen brauchen sie auch. Der Name der Kompanie bezieht sich auf die Länge des russischen Barrens, 473 Zentimeter, jenem Artistengerät, mit dem Richard Fox und Jasper D’Hondt 2012 die ersten Höhenflüge absolvierten. Inzwischen sind sie weiter, schrauben sich mit Stabhochsprungstangen und unter geschicktem Einsatz von Klebeband immer höher hinauf, auf zu neuen Rekorden „auf ihrem Weg an die Spitze“. Das ist alles auch durchaus humoristisch zu verstehen, denn sie treten in ihren selbstgeschaffenen Nonsens-Sportarten quasi nur gegen sich selbst an.
Andere wären da eh überfordert. Was einem auch bei zu viel Kopfarbeit schnell passieren kann. Hier kommen nun Timothy Trust und Diamond Diaz ins Spiel. Das Mental-Magier-Paar führt die Gäste der Show „Multiversum“ im GOP-Varieté an die Grenzen des Verstandes. Es geht in der Rahmenhandlung, einfach gesagt, um einen weiblichen Geist aus Shakespeares Zeiten, der ins Hier und Heute katapultiert wird – und gerne bleiben möchte. Das Ganze ist ziemlich gaga und spielt mit der Mehrdimensionalität des Quantenschaums, da ist man als Zuschauer zwischendurch richtig froh, mit bodenständigen Handstand- oder Autoreifen-Jonglagenummern wieder geerdet zu werden (bis 1. September).

Die jungen Artisten des Circus Leopoldini beherrschen ihr Handwerk ebenfalls aus dem Eff-Eff. Seit 20 Jahren bilden Doro Auer und ihr nun 30-köpfiges Trainer-Team stets etwa 150 Kinder und Jugendliche in den Zirkuskünsten aus. Dabei legt sie Wert darauf, dass alle erst einmal alle möglichen Disziplinen von der Partnerakrobatik über Jonglage bis zu Clownerie erlernen. Das Fundament. Und alle dürfen ihre Ideen einbringen, was die Aufführungen immer zu etwas ganz Fantasievollem macht. Das zeigt sich besonders schön beim Leopoldini-Zirkusfestival im Westpark. In einem großen Zirkuszelt auf der Mollwiese (gegenüber dem Outdoor-Café Gans am Wasser) zeigen vier Nachmittage lang die 11- bis 13-Jährigen ihre bunte Show (15 Uhr). Die Älteren, 14- bis 19-Jährigen, die sich schon spezialisiert haben, präsentieren dann abends im „Leopoldini Varieté (18. bis 20. Juli, 19 Uhr), womit sie sich zum Teil schon an Zirkusschulen beworben haben. Das an sich hat schon viel Seele.

Aber dahinter steckt heuer noch eine tiefere Geschichte: Im Winter half Doro Auer zusammen mit dem Münchner Hallenbetreiber Michi Kern dem Zirkus Roberto, dessen Zelt bei einem Schneesturm zerstört worden war, zu einem neuen Auftrittsort: Kerns Kulturzelt in Neuperlach. Jetzt gab es einen gewaltigen Wasserschaden an der Leopoldini-Trainingshalle in der Schwabinger Waldorfschule – und Michi Kern überließ den jungen Artisten umgehend seine Halle Utopia fürs wochenlange Proben. Das hat ganz viel Herz.

