Zirkusartisten sind die Hippies unter den Künstlern. Bunt gekleidet und weltoffen ziehen sie umher, laden zu Happenings in ihren Zelten, tanzen, singen, zaubern, toben und lachen und stellen sich selbst und die Welt auf den Kopf. Beim Publikum weckt gerade auch der Traum von dieser diversen Parallelgesellschaft mit Freigeistern unterschiedlicher Körperformen und Kulturen eine kindliche Faszination. Da mag es verwundern, dass noch kaum einer auf die Idee eines Hippie-Zirkus-Programms gekommen ist.
Auch bei der Zirkusproduzentin Sylvia Schneider musste diese Idee 40 Jahre lang reifen. Als Mädchen sah sie das Langhaarigen-Rock-Musical „Hair“. Sie sei vollkommen elektrisiert gewesen, heißt es. Dann träumte sie ein halbes Zirkusleben lang davon, den Spirit des „Aquarius“-Zeitalters in die Manege zu bringen. Jetzt endlich sei die Zeit reif, eben weil sie so unreif ist, weil die Menschen so viel streiten. Dagegen stellt sie „ein Zirkusprogramm, das die inneren Werte von respektvollem Miteinander als Team deutlich nach außen trägt“. Dieser groß angelegte Cirque du Fleur feiert nun am 21. Mai Weltpremiere in München.
Der Blumenkinder-Zirkus geht freilich auch inhaltlich auf die Hippie-Ära ein. Es sei „der Versuch, das Lebensgefühl der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre ästhetisch, musikalisch und emotional in eine Performance aus Akrobatik und Comedy zusammenzufassen“, heißt es. „Frieden, Liebe und Zirkusmagie“ will die bunte Truppe von 21. Mai bis 21. Juni im Werksviertel feiern. Zwölf internationale Artistinnen und Artisten werden zusammen ein Programm im „Woodstock“-Geist mit Handständen, Seifenblasen-Jonglage und Flying Pole gestalten; immerhin ein Name ist schon bekannt: der Clown Totti Alexis, der mit seiner Frau Charlotte auch als das Rollschuh-Duo „Rolling Flamingos“ berühmt wurde und sonst auch einen Eiswagen betreibt (www.cirque-du-fleur.de).

Artisten sind eben Tausendsassas. Das sieht man auch am Münchner Clown Pepe. Das ist die Bühnenfigur von Michael Heiduk, einem der allerwichtigsten Zirkusmenschen Münchens. Er hält die Artistenszene der Stadt zusammen, vertritt sie im Bund für Zeitgenössischen Zirkus (Buzz) und auch gegenüber der Politik und der Stadtverwaltung – und er gibt ihr ein Dach über den Kopf, besser gesagt ein Zelt. 2025 haben er und seine Freunde den Pepe-Dom aufgestellt, eine Art Rieseniglu an idyllischer Stelle im Theatron des Ostparks. Zusammen haben sie ihn zu einer Bühne mit 200 Plätzen, zum Trainingsort, zur Bildungsstätte und zum Stadtteiltreff entwickelt. Wie Michael Heiduk das geschafft hat, auch unter Verwendung seines mit dünnen 8000 Euro geförderten Stipendiums „Clown-Logik als Forschungsmethode: Scheitern, Raum und urbane Transformation“, ist eine eigene artistische Meisterleistung.

Jedenfalls darf der Pepe-Dom nun länger im Ostpark stehen (Programm unter www.pepe-dome.de). Und davon haben bereits im Mai alle Zirkusfreunde etwas. Zuerst öffnet Tollpatsch Pepe selbst seinen „magischen Koffer“ in einer familienfreundlichen Clown-Show (2. Mai), dann gibt es eine „Mixed Artist Night“ mit Open Stage für alles Mögliche von Musik über Performance bis zu experimentellen Formaten (9. Mai); und dann lädt der Zauberkünstler David Eisele zu seinem Solo „Tornado’s Eye“, bei dem er mit Cello-Spiel und hypnotisch gekreiselten Alltagsgegenständen die Besucher in einen traumgleichen Ruhezustand versetzen will (22. und 23. Mai). Außerdem gibt es Akrobatik-Kurse für alle: am 2. und 16. Mai kann man in die Kunst des Cyr Wheel, des großen rotierenden Metallreifens, einsteigen; und Münchens große Artistenschule Circus Leopoldini lädt Kinder und Jugendliche in den Pfingstferien ins Camp „Holi Poldini“ (26. bis 29. Mai).
München zeigt sich also als Zirkusstadt – auch in der Messestadt. Dort findet von 13. bis 17. Mai wieder das Festival „Vaudeville“ statt. Das beginnt mit der Jahresgala der jungen Akrobatinnen und Akrobaten der Zirkusschule Krullemuck am 4. und 5. Mai im Zelt vor dem Kopfbau der ehemaligen Riemer Flughafentribüne. Dann ist fünf Tage lang „Das Varieté“ zu bestaunen (8. bis 11. Mai, 19 Uhr, 9. und 12. Mai, 16 Uhr). Damit hat sich die 26 Jahre junge Akrobatin Carina Hechenberger (Disziplinen: Aerial Hoop, Flying Pole, Contortion, Duo-Trapez, Hand to Hand, Feuer-Show) ihren Traum erfüllt. Sie wuchs in einem Familien-Zirkus auf und hat nun ihre eigene Truppe zusammen, mit der sie Menschen zum Staunen bringen kann: „Mein ganzes Herz steckt in dieser Show!“


