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Zeitzeugen:"Ist das Demokratie?"

Michael von Faulhaber, 1915

Kardinal Michael von Faulhaber.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Kardinal Michael von Faulhaber fürchtet um sein Leben. Er hat Ereignisse vom Frühjahr 1919 in seinem Tagebuch festgehalten

Michael von Faulhaber (1869 - 1952), katholischer Erzbischof von München und Freising, hielt nichts von der Revolution. In seinem Palais nahe der Stätte des Attentats auf Kurt Eisner wurde er heftig angefeindet. Zurzeit erschließen Forscher des Instituts für Zeitgeschichte sowie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Faulhabers Tagebuchaufzeichnungen:

"Allgemeine Landestrauer ist angeordnet, die öffentlichen Gebäude müssen beflaggt werden - alle Behörden und Räte sollen dafür sorgen, von 10 - ½ 11 müssen alle Glocken des Landes läuten. Hier sind die Kirchtürme schwarz beflaggt. Der Wind stürmt und heult um die Häuser. Der Zug geht von der Theresienwiese mit feierlicher Trauermusik, ein langer Zug durch die Nußbaumstraße zum Ostfriedhof. Eine große Trauerschießerei setzt ein. Sekretär bespricht wegen Beflaggung des Hauses, das nicht öffentliches Gebäude ist wie das Ordinariat, und wegen Versendung des Hirtenbriefes. Daß der Erzbischof einen politischen Mord verabscheut, das braucht er doch nicht zu beteuern, das wird man hoffentlich wissen. (...)

Es ist wieder ein sehr ernster Tag. Werden Sie nachmittags die Häuser stürmen, die nicht beflaggt? Vormittags 11 Uhr (...) stürmten sechs Männer, darunter vier Soldaten mit Gewehr ins Haus: Warum ist da nicht beflaggt? (...) Die Soldaten standen mit Gewehr am Fenster, so daß die Menge auf der Straße den Terror sah. Besonders ein junger Zivilist benahm sich sehr frech: Schleifen am Parkettboden, macht sich am Altar und Altarstein zu schaffen, schimpft über die leer stehenden schönen Räume. Andere Leute hätten keine Wohnung. (...) Bis der Sekretär von mir heimkam, flatterten bereits die zwei Fahnen.

Der Nachmittag war ruhig, sogar die Wallfahrt zur Mordstelle hörte auf. Werden Sie die Räterepublik am Grab ausrufen? Waffen werden verteilt, aber nur an die sozialistisch organisierten Arbeiter. (...) Bereit sein ist jetzt alles, was zu tun ist. Freilich hätte ich gerne noch im Leben zwei Dinge geschrieben, den Katechismus für die Reclambibliothek und das Psalmenbuch, aber wie Gott will. Das Herzklopfen ist wieder stärker, nach jedem Zeitungslesen oder wenn das Schreien von der Theresienwiese herein kommt - beim Rangieren schallt es gerade wie eine Gewehrsalve und das Signal der Lokomotive in der Ferne klingt wie Menschengeschrei. (...)

Wenn die Monarchie abgeschafft, warum wird Eisner doch wieder wie ein König begraben, während Osel und Hundert andere einfach zugeschüttet werden, ist das Demokratie? (...) Bezeichnend, daß abends in der psychiatrischen Klinik ungewöhnlich große Unruhe herrscht: Ein Mann brüllt, auch in der Frauenabteilung ein Schreien und Lärmen: Die Kranken haben früh die Trauermusik und die Flieger gehört und abends Schießen. Das ist doch der sicherste Beweis, wie das Fluidum der Raserei wirkt."