Zeitzeuge Die unbeugsame Prinzessin

Indische Adelige und britische Agentin: In der KZ-Gedenkstätte Dachau wurde Noor Inayat Khan gedacht

Von Sebastian Jannasch

Es ist die Nacht vom 16. Juni 1943, als eine 29-jährige Britin amerikanisch-indischer Abstammung ein kleines Flugzeug der Royal Air Force besteigt. Im Gepäck hat die junge Agentin einen falschen Pass, ein Funkgerät und den festen Vorsatz, gegen Hitler-Deutschland vorzugehen. Nachdem die Maschine des Typs Lysander vom Flugplatz Tangmere südlich von London abgehoben ist, nimmt sie Kurs auf das von den Nazis besetzte Frankreich. Im Morgengrauen landet die Britin in geheimer Mission auf einem Feld in der Nähe von Angers im Loir-Tal. Khans Auftrag ist unmissverständlich: Als Teil einer Sondereinheit des englischen Militärgeheimdienstes soll die fließend Französisch sprechende Spionin hinter die Feindeslinie nach Paris gelangen, um die Résistance zu unterstützen und Informationen nach London zu funken. Zunächst geht der Plan auf. Doch nach etwa vier Monaten wird die indische Prinzessin an die Gestapo verraten, verhaftet und später im KZ Dachau erschossen.

Nur wenige Meter entfernt von dem Ort, an dem seine Schwester vor 71 Jahren gefoltert, gequält und schließlich erschossen wurde, steht am Sonntagabend Hidayat Inayat Kahn. Der 98-jährige Komponist ist mit seiner Frau Aziza, 94, aus Holland angereist, um in der Klosterkirche Karmel Heilig Blut am Rand der Dachauer Gedenkstätte seiner Schwester zu gedenken. Auf Einladung der Evangelischen Versöhnungskirche und der Katholischen Seelsorge am KZ Dachau möchte Hidayat Khan seine Schwester sowie die "Tausenden" ehren, "die ihr Leben geopfert haben für das große Ideal der Freiheit", wie der 98-Jährige den 150 Gästen der Veranstaltung mit lauter Stimme entgegenruft. "Ich bedanke mich für die Idee des gemeinsamen Denkens an jene, die von einer besseren Welt träumten", sagt er mit einer ausladenden Handbewegung, während er mit der anderen Hand das Rednerpult fest umklammert. An der spitz zulaufenden Holzdecke der schummrigen Kapelle hängen ein paar Lampen, die kegelförmiges Licht auf das Publikum werfen, das auf harten Bänken sitzt und Hidayat Khans Worten konzentriert folgt.

Vor ihm steht ein Strauß mit gelben Rosen, den Lieblingsblumen von Noor Inayat Khan. "Ich wusste, dass es Hidayat Khan schwer fallen würde, nach Dachau zu kommen. Umso glücklicher bin ich, dass er dieser Geste der Versöhnung gefolgt ist", erklärt Angelika Eisenmann. Die Gedenkstätten-Referentin kennt die Familie Khan gut und hatte die Idee für die Zusammenkunft.

Noor Khans Biografie liest sich wie das Resultat einer wilden Nacht von Hollywood-Autoren, denen die Fantasie durchgegangen ist. 1914 wird sie in Moskau als Tochter einer amerikanischen Mutter und eines indisch-muslimischen Sufi-Meisters geboren. Der Vater unterweist die Tochter in der religiösen Universallehre, die vor allem durch ihre tolerante und friedliebende Weltsicht geprägt ist. Noor ist eine Nachfahrin von Tipu Sultan, dem Oberhaupt des früheren indischen Fürstenstaats Mysore. Im 18. Jahrhundert hat er gegen die britische Kolonialmacht gekämpft - in deren Dienst Noor Khan sich später aufopfernd stellt. Diese Abstammung verleiht Khan den Titel einer Prinzessin.

Von den aufziehenden russischen Revolutionsunruhen aufgeschreckt, zieht die Familie Khan zunächst einige Jahre nach London, später nach Paris, wo Noor ihre Jugend erlebt. Als sie gerade erst 13 Jahre alt ist, stirbt der Vater. Die Mutter fällt in eine Depression und Noor ist fortan Haushaltsoberhaupt. "Sie wurde unsere zweite Mutter. Sie sorgte für alles, brachte uns Benehmen bei", erzählt ihr Bruder Hidayat am Sonntagabend und fügt dann schelmisch grinsend hinzu. "Das war gerade bei mir nicht leicht. Ich rannte immer vor der Schule weg." Der Zeitzeuge spricht fließend Deutsch, denn seine Frau stammt ursprünglich aus Berlin.

Trotz ihrer familiären Verpflichtungen schafft Noor Khan es, sechs Jahre ihr musisches Talent für die Harfe an der Pariser Musikhochschule weiterzuentwickeln und gleichzeitig Kinderpsychologie an der Sorbonne zu studieren. Sie schreibt Kindergeschichten für die Zeitung Le Figaro, auch im Radio werden ihre Erzählungen ausgestrahlt. Doch eine Karriere als Kinderbuchautorin wird ihr versperrt, als die Deutschen 1940 nach Frankreich einmarschieren. Tief geprägt von der pazifistischen Philosophie ihres Vaters fällt es der jungen Noor nicht leicht, sich zum aktiven Kampf gegen Hitler-Deutschland durchzuringen. Ihr ältester Bruder hat später Noors empfundene Pflicht begründet, tätig zu werden: "Wie konnte man angesichts der Ausrottung der Juden spirituelle Moral predigen, ohne aktiv an Verhinderungsmaßnahmen teilzunehmen?" Die Familie flüchtet nach London, nur der jüngste Bruder Hidayat taucht in Südfrankreich unter. In England lässt sich Noor Khan bei der Royal Air Force zur Funkerin ausbilden. Bis zum Schluss lehnt sie es - zur Verzweiflung ihrer Vorgesetzten- ab, eine Waffe zu tragen. Ihre Fertigkeiten als geübte Funkerin und ihre Französisch-Kenntnisse machen sie interessant für den britischen Geheimdienst. Nur ihre offen kritische Haltung zur britischen Kolonialpolitik in Indien bereitet den Vorgesetzten Sorge. Im Herbst 1942 gelingt es, Noor Khan für das Sonderkommando Special Operations Executive (SOE) zu rekrutieren. Diese klandestine Einheit hat der britische Premierminister Winston Churchill unter strenger Geheimhaltung ins Leben gerufen, um "Europa in Brand zu stecken", wie er sagt. Im Schatten der großen Gefechte soll diese Spezialgruppe den "unfeinen Krieg" führen: Sabotageakte verüben, Widerstandsgruppen stärken, Elektrizitätswerke lahmlegen und Züge entgleisen lassen, vor allem aber alles unternehmen, um die Nazis zu schwächen. Unter dem Code-Namen "Madeleine" wird Noor im Juni 1943 nach Frankreich geschleust, um einen in Paris agierenden Agentenring zu unterstützen. Doch schon in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft fliegt der Ring auf. Noor kommt davon und hält als einzige den Funkkontakt aus der besetzten Stadt nach London. Sie ist nun von unschätzbarem Wert für die Briten - und in höchst gefährdeter Lage, denn ständig muss sie mit der Enttarnung rechnen. Vier Monate schafft sie es, die Funkverbindung aufrecht zu erhalten. Doch im Oktober 1943 wird sie entdeckt. Die exotische Schönheit der Agentin erregt Aufmerksamkeit - und schürt Neid. Renée Garry, die Schwester eines anderen Agenten, soll sie aus Eifersucht und Gier an die Nazis verraten haben. Die Gestapo nimmt sie fest und hält sie einen Monat lang zum Verhör in Paris fest. Doch die Prinzessin weigert sich hartnäckig, Informationen preiszugeben. Deshalb wird sie Ende November als "besonders gefährliche Gefangene" nach Deutschland verlegt. Im KZ Dachau werden Khan und drei weitere britische Agentinnen in den Morgenstunden des 13. September 1944 in der Nähe des Krematoriums erschossen.

Nachdem Noors Bruder am Sonntagabend seine Ansprache in der Klosterkirche beendet hat, spielt das Würzburger Streichorchester Harmonia Unitatis die Komposition "La Monotonia", die Hidayat seiner Schwester gewidmet hat. Die Musik lässt sich wie eine Vertonung von Noors bewegtem Leben deuten: anschwellende und abflauende Töne, die immer wieder von exotischen Klängen durchdrungen werden, und schließlich immer schneller und entschlossener zu einem kraftvollen Höhepunkt gelangen. "Ich bin tief berührt, dass so viele Menschen heute im Gedenken an meine Schwester gekommen sind", erklärt Hidayat Kahn anschließend.

Er beendet die Rede über seine Schwester mit denselben Worten, die auch Noor auf den Lippen gehabt haben soll, bevor der SS-Schutzhaftlagerführer Wilhelm Ruppert ihr ins Genick schoss: "Liberté!".