Süddeutsche Zeitung

Zeitungsladen:Diese Frau führt den Kiosk am Elisabethmarkt

  • Fast 40 Jahre lang betrieb Rosi Stiftner den Kiosk am Elisabethmarkt. Nach ihrem Tod stand das Kabäuschen neun Monate leer.
  • Nun hat die 27 Jahre alte Andreea-Maria Rinzis den Kiosk übernommen, gemeinsam mit einem Bekannten.
  • Viele Schwabinger sind froh, dass der Laden nun wieder in Betrieb ist, der jahrzehntelang eine Institution im Viertel war.

Von Martina Scherf

"Haben Sie den New Yorker?" Die ältere Dame mit englischem Akzent steht vor dem Zeitungsständer und sucht nach ihrem Lieblingsmagazin. "Nein", antwortet Andreea-Maria Rinzis, "aber die New York Times, geht das vielleicht auch?" Die Kundin entscheidet sich für den Guardian , bezahlt und zieht weiter. Einmal das Magazin Stern, insgesamt fünf Päckchen Zigaretten, zwei Tageszeitungen - der Umsatz an diesem frostigen Morgen ist überschaubar. Ein grauhaariger Herr im Trenchcoat kauft Süddeutsche, FAZ, Abendzeitung und Bild, "ich lebe die meiste Zeit in Italien, wenn ich hier bin, will ich umfassend informiert sein", sagt er. Eine alte Dame braucht ein Päckchen Taschentücher, "die schenk' ich Ihnen", sagt die junge Kioskbetreiberin und lacht.

Seit ein paar Tagen steht die 27-Jährige wieder hinter der Theke des kleinen Zeitungskiosks am Elisabethmarkt in Schwabing. Dessen frühere Pächterin Rosi Stiftner war im Februar vergangenen Jahres gestorben und hinterließ für viele Schwabinger rund um den Elisabethplatz eine schmerzliche Lücke. Wochenlang lagen Blumen vor dem leeren Kiosk, Karten mit Abschiedsgrüßen, Kerzen.

Fast vier Jahrzehnte hatte "die Rosi" täglich außer sonntags in diesem kleinen Kasten an der Ecke Elisabeth-/Nordend-Straße gesessen, eingerahmt von Zeitungen und Magazinen aus aller Welt, Postkartenständern, Kaugummischachteln, Zigaretten- und Süßigkeiten-Päckchen. Dann war neun Monate lang der Rollladen zu. Schwabing trauerte.

"Ich kannte sie nicht, und ich kenne auch das Viertel nicht", sagt Rinzis, "aber ich werde es schon noch kennenlernen". Einstweilen steht auch sie jeden Tag außer sonntags in dem Kiosk. Sie betreibt ihn zusammen mit ihrem Bekannten Andrei Gerebenes, 31. Beide stehen sie jetzt mit Wollmützen in dem kleinen Laden, der Heizstrahler läuft auf Hochtouren.

"Andrei hat in einem Supermarkt gearbeitet und deshalb mehr Erfahrung im Service als ich", sagt Rinzis. Dabei wirkt sie im Umgang mit den Kunden, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Mit einem gewinnen Lächeln grüßt sie, hilft beim Suchen der gewünschten Zeitung, entschuldigt sich, dass sie noch nicht alle Zigarettenmarken auswendig kennt, "ich rauche ja selber nicht".

Viele Schwabinger jedenfalls sind froh, dass der kleine Laden, der jahrzehntelang eine Institution im Viertel war, wieder in Betrieb ist. "Die jungen Leute sind sehr freundlich und engagiert", sagt ein Herr, der regelmäßig seine Zeitungen im Kiosk holt. "Und es ist wunderbar, dass man hier so ein internationales Angebot hat." Vom Guardian über Le Monde und El Pais bis zu türkischen und arabischen Zeitungen kann man sich quer um den Globus lesen.

Andreea Rinzis sperrt morgens um halb sieben auf und räumt die Zeitungen und Magazine, die ein Händler anliefert, in die Auslage, abends zwischen sechs und sieben schließt sie wieder zu. Samstags arbeitet sie bis 14 Uhr, "wenn es gut läuft auch länger". Sonntags schläft sie aus.

Vor sieben Jahren kam die junge Frau aus Rumänien nach Deutschland, sie hat die deutsche Sprache gelernt, spricht sie fließend und arbeitete in einer Reinigungsfirma. Als sie im Herbst von dem Angebot hörte, den Kiosk zu pachten, "dachte ich: Ich probier' das jetzt einfach. Ob es klappt, weiß man ja nur, wenn man es versucht hat." Ende November hat sie angefangen über Weihnachten war dann nochmal zu.

Von der Wiederbelebung des Würfels profitieren viele

"Es ist prima, dass der Kiosk jetzt endlich wieder belebt ist", sagt auch Ignaz Schmid, der Wirt vom Café Wintergarten nebenan. Auch Karl Huczala, der Sprecher der Marktleute, ist mit seinem Obst- und Gemüsegeschäft seit 1989 auf dem Elisabethplatz. Er freut sich, "dass der Würfel wieder belebt ist". Der Neustart sei nicht leicht, sagt der Unternehmer, vor allem nach einer so langen Pause. Und der Kunde sei ein rätselhaftes Wesen. "Da hast du was im Sortiment, dann kauft es keiner. Sobald du es rausnimmst, fragt jemand genau nach diesem Gemüse", sagt er. Mit den Steckrüben ging ihm das vor kurzem so.

Man müsse eben immer wieder etwas Neues probieren, genau beobachten und notfalls auch auf Risiko investieren, sagt Huczala. "Wenn man sich anstrengt und das erste Jahr durchhält, dann läuft der Laden auch wieder." Die Rosi hätte eben alles verkauft, von der MVV-Karte über Glückwunschkarten samt Briefmarken bis zum Müsliriegel. "Das hat viele Kunden angezogen."

Bei Rinzis gibt es zur Zeit vor allem Zeitungen und Zigaretten. Vielleicht sollte sie mehr Süßigkeiten anbieten und mehr Getränke, damit die Schüler vom Gisela-Gymnasium und der Berufsschule nebenan öfter vorbei kommen, überlegt sie. "Eine gute Kaffeemaschine wäre auch nicht schlecht". Im Moment fehlt ihr dafür das Geld. "Aber im Frühling wird es sicher besser."

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Quelle:
SZ vom 12.01.2017/ebri/bhi
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