Zeitgeschichte Heldenmut zum Nachhören

Bardal Mahamud Siyaad, Esther Gebert und Markus Janssen (von links) beschäftigen sich in ihren Hörstücken mit den Schicksalen von Münchnern, die sich auf ganz verschiedene Weisen gegen die Nazi-Diktatur stellten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Schüler der Städtischen Berufsoberschule Wirtschaft und Verwaltung entwickeln mit dem BR und dem NS-Dokuzentrum einen Audioguide über den Widerstand im Nationalsozialismus

Von Barbara Hordych

Das Schicksal von Hans und Sophie Scholl, die zum Kern der Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose" gehörten, ist vielen vertraut. So auch den Schülern der Städtischen Berufsoberschule Wirtschaft und Verwaltung. Doch was ist mit Marie-Luise Schultze-Jahn und Hans Leipelt? Die beiden vervielfältigten und verteilten nach der Hinrichtung der Geschwister im Februar 1943 das sechste Flugblatt der "Weißen Rose" mit der zusätzlichen Überschrift ". . . und ihr Geist lebt trotzdem weiter!"

"Wir hatten von diesem Paar zuvor noch nie gehört", erzählt Varvara Georgiadou bei der Präsentation des neuen Audioguides "Widerstand im Nationalsozialismus" im NS-Dokumentationszentrum. Zehn Personen stellt der Audioguide mit lebendigen Hör-Porträts vor. Neben inzwischen einer breiteren Öffentlichkeit bekannten Vertretern wie Georg Elser, der ein Bombenattentat auf Hitler wagte, werden auch Unbekanntere vorgestellt, etwa der Friedhofsverwalter Karl Schörghofer, der von Verschleppung bedrohte Juden im Keller seines Hauses versteckte und sie so vor der Deportation bewahrte. Oder die bereits erwähnten Marie-Luise Schultze-Jahn und ihr Freund Hans Leipelt.

Kennengelernt hatten die beiden sich im Zuge ihres Studiums am Chemischen Staatslaboratorium der Ludwig-Maximilians-Universität. Das sechste und letzte Flugblatt der "Weißen Rose" erreichte das Paar noch per Post. "Die Menschen müssen wissen, unter was für einem Regime wir leben und warum Tausende Menschen, Zivilisten wie Soldaten, täglich sinnlos in den Tod geschickt werden", erzählt Schultze-Jahn in dem Hörstück, das die 18-Jährige Varvara und ihre Mitschüler Christopher Steiner sowie Aziza Ben Saada recherchiert und eingesprochen haben.

Zwar haben die BOS-Schüler die Zeitzeugin nicht mehr selber befragen können. Aber es gibt eine Filmdokumentation mit der 2010 im Alter von 92 Jahren in Bad Tölz gestorbenen Ärztin und späteren Mitbegründerin der Weiße-Rose-Gedenkstiftung, auf die sie für ihr Hörstück zurückgreifen konnten. "Warum machten sie weiter, obwohl sie doch wussten, was mit der ersten Gruppe passiert war?", ist eine der Fragen, die sie bei ihren Recherchen bewegte. Für ihren Mut, sich gegen die Nazi-Diktatur zur Wehr zu setzen, wurden Marie-Luise Schultze-Jahn und Hans Leipelt nur drei Monate später, im Oktober 1943, denunziert und verhaftet. Leipelt wurde am 29. Januar 1945 in München-Stadelheim hingerichtet, Schultze-Jahn zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt.

"Wieso dieser Unterschied in den Urteilen?" fragen sich die Schüler in dem Hörstück. Die Antwort gibt Schultze-Jahn selbst: "Ich galt als verführtes arisches Mädchen", ihr Freund Hans als "der Judenbub und Verführer". Eine Interpretation, der sie nicht widersprochen habe beim Prozess im Oktober 1944. Was sie sehr belastet habe. Erst als sie später über ihren Rechtsanwalt erfuhr, dass es Hans' Wille war, sie mit dieser Auslegung zu schützen, war sie beruhigt. "Er hat ihr also praktisch das Leben gerettet", stellt Varvara fest.

Sie ist gebürtige Griechin und steht damit für all diejenigen BOS-Schüler, deren "Großeltern sicher nicht hier gewesen sind damals. Nur wenige von euch haben Wurzeln, die bis zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland zurückreichen", wie Elke Dillmann bei der Vorstellung des Audioguides feststellt. Die Mitarbeiterin des Bayerischen Rundfunks betreute als Mediencoach die Schüler bei der Realisierung des Audioguides, bei dem es galt, die Auskünfte von Experten und Familienangehörigen mit historischen Fakten zu vereinbaren und in eine spannende dialogische Form zu bringen.

"Widerstand im Nationalsozialismus" ist bereits der fünfte Audioguide der Reihe "Münchner Zeitgeschichten", die die "Stiftung Zuhören", der BR und das NS-Dokumentationszentrum mit Schülern aus Städtischen Berufsschulen zusammenstellen. Zuvor realisierte Audioguides beschäftigten sich mit Themen wie den Bierkellern und der NS-Architektur, der so genannten "Arisierung" in München oder der Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus.

Ist den jungen Verfassern des Hörstücks die Persönlichkeit von Schultze-Jahn nachvollziehbar geworden? Immerhin haben sie sie in der Dokumentation authentisch erleben können. Und dazu jemanden interviewt, der die Zeitzeugin persönlich gut kannte, nämlich Klaus Schultz, den Diakon der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. "Ja und auch Nein", sagt Christopher Steiner. Sehr lebendig sei sie ihnen vor Augen gestanden. Aber woher sie die Kraft nahm, sich gegen das NS-Regime zu stellen, sei nicht zu erklären. Von Schultze-Jahn sind dazu folgende Worte im Original-Ton überliefert: "Erst wird man stutzig, dann kritisch, dann hört man besser hin und schließlich tut man etwas."