bedeckt München

Zeitgenössischer Tanz:Totgeglaubtes lebt länger

Walter Heun

Hoch hinaus: Netzwerker Walter Heun auf dem Dach des Tanzquartier Wien. Sein Bayerischer Landesverband für zeitgenössischen Tanz hat den Zuschlag für die Machbarkeitsstudie für ein Tanzhaus München bekommen.

(Foto: Sabine Hauswirth)

Ein Tanzhaus für München? Allen Sparerlassen zum Trotz gibt das Kulturreferat eine Machbarkeitsstudie in Auftrag und greift mit den Akteuren von damals eine alte Idee wieder auf

Von Eva-Elisabeth Fischer

Wenn sich ein Kulturreferent so freut wie Anton Biebl, da es doch derzeit in Sachen Kultur wenig Anlass zur Freude gibt, dann muss er einen Trumpf im Ärmel haben. Biebl ist dabei, den Vorstoß dreier in der Szene verankerter SPD-Stadträtinnen voranzutreiben. Die nämlich haben die 30 Jahre alte, aber, wie sich jetzt zeigt, nur scheintote Forderung nach einem Tanzhaus in München wiederbelebt: Das "nice to have" ist dem "must have" einen Schritt näher gerückt durch eine vom Kulturreferat in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie. Untersucht werden sollen bis Mitte April der Bestand an Proben-, Produktions- und Auftrittsmöglichkeiten sowie die in Amtsdeutsch "Bedarfe" genannten Bedürfnisse der Stadt, der Tanzszene und auch des Publikums im lokalen, nationalen und internationalen Vergleich. Die detaillierten Vorgaben lassen sich in zwei Fragen bündeln: Braucht München überhaupt ein Tanzhaus? Und vor allem: Ist ein solches monokulturell ausgerichtetes Einspartenhaus überhaupt noch zeitgemäß?

Anton Biebl findet: ja. "Uns fehlt ein Produktions- und Präsentationszentrum. Dadurch haben wir Nachteile - auch als Gastspielort", sagt er, und: "Für den Tanz wäre ein identitätsstiftender Ort gut. Es gibt etliche Räume, aber letztlich verwalten wir den Mangel, beispielsweise von Probenmöglichkeiten. Es gäbe sicherlich sehr viel mehr Potenzial, um den Tanz noch offensiver zu positionieren." Es geht ja immer noch besser, auch wenn sich der zeitgenössische Tanz in all den Jahren nicht nur emanzipiert, sondern zum Vorreiter ästhetischer und auch politischer Impulse in den Bühnenkünsten entwickelt hat. Was sich auch in seiner Präsenz in der Stadt widerspiegelt. Als da wären: die Tanztendenz, die Muffathalle, das Hoch X. Die freie Tanzszene hat darüber hinaus längst schon die Kammerspiele geentert. Und Geschäftsführer Max Wagner will dem zeitgenössischen Tanz im Gasteig mehr Präsenz und Raum schaffen. Das Herzstück der Szene aber sind der alte und gleich daneben als stahlblitzendes Bollwerk der neue, im kommenden September zu eröffnende Schwere Reiter. Sie stehen für das enge Miteinander, die Kooperation und Interaktion von Tanz, Theater und Musik.

Und dann ist da ja noch die heikle Kostenfrage. Zu den "investiven" kommen ja noch die "konsumtiven" Kosten, wie Biebl die Betriebskosten nennt. Für die Machbarkeitsstudie zahlt das Kulturreferat 10 000 Euro. Berlin lässt für eine solche das Zehnfache springen. Das ficht Anton Biebl nicht an, weil diejenigen, die mit der Machbarkeitsstudie beauftragt werden, "sogar noch Geld mitbringen": 5000 Euro aus der Kasse ihres Verbands.

Nicht nur das lässt Anton Biebl jubeln, denn "wir haben die Besten!" Seine Begeisterung ist auch angesichts der verordneten Einsparungen von 15 Millionen Euro jährlich bis 2024 nicht zu bremsen. Dringende Bau-und Renovierungsmaßnahmen beispielsweise am Stadtmuseum sind erst einmal auf Eis gelegt. Ebenso wie der Ausbau der Tonnen-und Jutierhalle auf dem Kreativquartier um ein Jahr, bis 2023. So wie es jetzt ausschaut, kann die Tonnenhalle, die laut Konzept derzeit noch als Produktions- und Präsentationsort für alle darstellenden Künste geplant ist, also als ein Schwere Reiter in groß, nicht vor 2027 in Betrieb genommen werden. Für den Ausbau beider Hallen sind insgesamt 99 Millionen veranschlagt, davon der Löwenanteil von 59 Millionen für die Tonnenhalle.

Wer aber sind "die Besten", die all diese Widrigkeiten ins Kalkül mit einbeziehen müssen? Die für die Machbarkeitsstudie ventilieren sollen, ein Tanzhaus in einen Bestandsbau zu integrieren oder einen Bestandsbau dafür umzunutzen oder zu erweitern. Denn die dritte Variante, einen finanzkräftigen Investor für einen Neubau samt Baugrund zu finden, ist wenig realistisch. "Die Besten" agieren in diesem Fall unter dem Dach des Bayerischen Landesverbands für zeitgenössischen Tanz, kurz BLZT, welcher den Zuschlag für die Machbarkeitsstudie erhalten hat: Walter Heun als dessen Gründer und Erster Vorsitzender und Stefan Sixt als dessen Zweiter Vorsitzender. Heun als Macher und nationaler wie auch internationaler Chefvernetzer hat außerdem bereits vor 30 Jahren zusammen mit dem Tänzer und Choreografen Micha Purucker den Plan für ein Tanzhaus in München entwickelt und kann die Erfordernisse dafür wahrscheinlich im Schlaf herbeten. Und auch Sixt, ehemaliger Leiter der Iwanson Schule für zeitgenössischen Tanz, Kulturmanager und Strippenzieher hinter den Kulissen, dürfte als ehemaliger Sportler die genannten Hürden aus dem Stand nehmen.

"Weil wir jetzt die Machbarkeitsstudie zum Tanzhaus in Auftrag gegeben haben, brauchen wir gleichzeitig auch ein Betreiberkonzept für das Performing Arts House", sagt Biebl. Und insistiert dabei, dass es sich dabei um zweierlei Paar Schuhe handle. Um dann von den Plänen für die Tonnenhalle zu schwärmen: dem großen, flexiblen Saal von 780 qm und einen zweiten von 150 qm sowie zwei Tanzstudios à 100 qm. "Das geht schon in Richtung Tanzhaus. Bei einem Tanzhaus gehen wir von einem Saal für 450 Zuschauer aus plus 100 Personen auf der Galerie. Da muss man sehen, wie viel Publikum überhaupt für den Tanz da ist", sagt er.

Heun hält sich im Gegensatz zum Kulturreferenten gern wortreich bedeckt. Heun sagt, was Biebl gern aus der Bewerbung für die Machbarkeitsstudie zitiert: "Da ist die Rede von einem Performing Arts House, das vom Tanz aus gedacht wird." Und er ergänzt: "Da spielt dann eben die Tonnenhalle eine hervorragende Rolle als Performing Arts House." Nice to have, das alles. Mitte April weiß man mehr.

© SZ vom 23.02.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema