Zeev Vilf Ein Rabbi im Tante-Emma-Laden

Zeev Vilf hat nur einen kleinen Laden in Giesing. Und doch kennt ihn in München eine ganze Gemeinde - die jüdische. Vilf verkauft koschere Lebensmittel.

Von Julia Häglsperger

Zeev Vilf sitzt im Büro seines kleinen Ladens in Giesing. Vor ihm stapeln sich Formulare und Ordner. Vorne im Verkaufsraum sieht es nicht so chaotisch aus. In den Regalen reihen sich Dosen, Flaschen und Päckchen ordentlich aneinander. Es sieht aus wie in einem Tante-Emma-Laden.

In der Kühltheke lagert selbsthergestellte koschere Wurst.

(Foto: Foto: Häglsperger)

Mitarbeiter Gil Ansi räumt Wurst in die kleine Kühltheke und ein Rabbiner mit Kippa und langem Bart kommt aus dem Hinterzimmer. Ein Rabbi im Tante-Emma-Laden? Erst dann fällt auf, dass auch die Produkte nicht ganz gewöhnlich aussehen. Die Schrift ist hebräisch. Unter der Kalorientabelle ist ein Zertifikat zu erkennen. Vilf verkauft in seinem Laden "Danel Feinkost" ausschließlich koschere Produkte. Sein Laden ist der einzige dieser Art in ganz Bayern.

Strenggläubige Juden essen nur koschere, das heißt im Sinne der jüdischen Speisegesetze reine Lebensmittel. Die Vorschriften sind kompliziert, es gibt aber zwei Hauptaspekte. Juden dürfen nur Fleisch von Säugetieren essen, die Wiederkäuer und gleichzeitig Paarhufer sind, also etwa von Rindern und Ziegen. Schweinefleisch kommt so nie auf den Tisch. Um als koscher zu gelten, wird das Tier auch anders geschlachtet, nämlich geschächtet. Mit einem scharfen Messer wird an der Stelle die Kehle durchgeschnitten, an der Luftröhre und Hauptschlagader zusammentreffen. Bezweckt wird damit das vollständige Ausbluten des Tieres, da Juden der Verzehr von Blut verboten ist.

Der zweite Aspekt koscherer Ernährung ist die Trennung von Milch und Fleisch. Da in der Tora steht "Du sollst das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter bereiten", ist es Juden strikt verboten, Fleisch zusammen mit Milchprodukten zuzubereiten.

In München leben rund 9000 Juden. Wenn sie sich mit koscheren Lebensmitteln versorgen wollen, führt ihr erster Weg zu Vilf. Aber nicht nur die jüdische Gemeinschaft in München kauft bei ihm koschere Ware, er beliefert Kunden über die Grenzen Bayerns hinaus.

In den USA liegt koscher voll im Trend

"Der Laden sucht schon seinesgleichen im Koscher-Bereich", sagt Vilf. Die Regale sind voll. Menschen, die koscher leben wollen, finden hier alles, was sie brauchen. Süßigkeiten, Suppen oder auch Wein. "Und der macht kein Kopfweh", betont Vilf. Überhaupt seien koschere Lebensmittel sehr gesund. In Amerika liegt koscher im Trend. Nach der Bio-Welle suchen dort viele Menschen nach weiteren Wegen, sich bewusst zu ernähren und koschere Lebensmittel durchlaufen strenge Kontrollen. "Die Gefahr verdorbenes Fleisch zu bekommen, geht gegen null", sagt Vilf.

Wenn man zum Beispiel koscheren Kopfsalat kauft, wurde jedes Salatblatt vorher mit Salzwasser gespült. Wenn man ein normales und ein koscheres Salatblatt unter dem Mikroskop betrachtet, bringt das erstaunliche Erkenntnisse zu Tage: "Beim koscheren Salat wurde alles Ekelerregende entfernt. Da findet man kein kleines Getier mehr", erklärt Vilf lapidar. Im Moment ist der Trend aber noch nicht aus Amerika übergeschwappt und im "Danel Feinkost" kaufen fast nur jüdische Kunden ein.

Und das auch nicht allzu billig. Gute Ware hat eben seinen Preis und so muss man für ein Kilo Kalbsfleisch knappe 20 Euro hinlegen. Die koscheren Gummibärchen kosten doppelt so viel wie die normalen. Sie enthalten dafür aber garantiert keine Gelatine vom Schwein. Für diesen Preis können orthodoxe Juden ihren Glauben uneingeschränkt leben. Uneingeschränkt und mit immer weniger Mühe. Denn Vilf ist im Moment damit beschäftigt, sein Angebot auszubauen.

Koschere Fischstäbchen und Schnitzel

Neben althergebrachten, jüdischen Spezialitäten wie "Gefilte Fisch", einer Art Fischpaste, will er koscheres Convenience- und Fingerfood anbieten: "Die Leute haben oft zu wenig Zeit, um selber zu kochen. Damit sie sich trotzdem koscher ernähren können, sind Fertiggerichte genau das Richtige." In der Tiefkühltruhe liegen koschere Fischstäbchen und Schnitzel bereit und auf Partys kann man momentan schon koschere Kartoffelecken, Falafel und Pitta-Brot snacken.

Vor 17 Jahren hat Vilf den koscheren Laden in der Pilgersheimer Straße eröffnet. Hier gelandet ist er über Umwege und Zufälle. In Polen geboren, in Israel aufgewachsen, zog er für sein Psychologie-Studium nach Erlangen und für seinen ersten Job beim Kultusministerium 1970 schließlich nach München. Reiner Zufall machte ihn zum Ladenbesitzer, da er aber Abwechslung genauso liebt wie Herausforderungen, war es für ihn ein Glücksfall.

Am Anfang kostete es Vilf viel Mühe, den Laden aufzubauen, mittlerweile aber steht sein Name in der jüdischen Gemeinde Münchens für den koscheren Lebensstil. Klar, dass er selbst auch nach den Speisegesetzen lebt. Schon seit 24 Jahren hält er sich, zusammen mit seiner Ehefrau, strikt daran und fühlt sich gut damit.

"Unsere Wurst schmeckt richtig gut", sagt Vilf. In der hauseigenen Wurstküche wird koschere Wurst hergestellt. Vilf musste schon eine Weile suchen, bis er einen Metzger fand, der die Herausforderung annahm, Wurst ohne Schweinefett herzustellen. "Der Erste ist rückwärts wieder rausgegangen", erzählt er. Jetzt gibt es bei "Danel Feinkost" eine große Auswahl an Wurst - von Salami über Krakauer sogar bis zur Weißwurst. "Nur keine Blutwurst", scherzt Vilf.

In die Wurstküche kommt man über den Hinterhof des Ladens. Die großen Maschinen dort blitzen metallen. Auch bei ihrer Pflege muss Vilf aufpassen, denn mit tierischen Fetten dürfen sie nicht in Berührung kommen. "Ja, das ist eine richtige Wissenschaft. Es geht nicht nur um Milch und Fleisch, wie so viele glauben. Da steckt viel mehr dahinter", erklärt Vilf. Warum bei Juden zwischen reinen und unreinen Lebensmitteln unterschieden wird, darauf weiß aber auch Vilf keine Antwort: "Es gibt in der Religion nicht für alles eine Erklärung. Deswegen heißt Religion ja auch Glaube."

Zeev Vilf

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