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Fernsehen:Der letzte Fall der "Soko München"

Gerd Silberbauer wollte eigentlich Rechtsanwalt werden, brach das Jura-Studium allerdings ab. Und wurde nach vielen Jahren am Theater zum Chefermittler der Soko München.

(Foto: Stephan Rumpf)

Als das Ende der beliebten ZDF-Serie verkündet wurde, forderte Hauptdarsteller Gerd Silberbauer ein würdiges Ende - und bekam einen 90-Minüter zur besten Sendezeit.

Ob es wohl Zufall ist, dass Gerd Silberbauer sofort von seiner Finca auf Mallorca redet? Passt ja irgendwie, er hat jetzt mehr Zeit, nach dem Aus der "Soko München". "Ich war 1993 zum ersten Mal auf Mallorca, bei Dreharbeiten", sagt Silberbauer, "und ich habe mich in die Insel verliebt." Seine Finca liege im Südosten, mitten auf einem Feld, der nächste Nachbar sei weit entfernt. "Die Stille ist Wahnsinn", sagt er. "Das ist ein Ort der Ruhe und Besinnung, des Zu-sich-Kommens." Man stehe ja ansonsten unter Strom, vor allem, wenn man, wie er, zwölf Jahre lang Seriendarsteller gewesen ist.

Gerd Silberbauer, 66, sitzt im Café Altschwabing, er wohnt um die Ecke in der Barer Straße. Das war praktisch: Wohnort München, Drehort München. Das ist jetzt vorbei. Silberbauer sagt, das Aus für die Soko sei "aus dem Nichts" gekommen. "Die Produktionsfirma Ufa rief im vergangenen August an", erzählt er, "es hieß, man wolle mit dem Soko-Team reden, am kommenden Freitag, beim Dreh im Studio." Er habe gedacht, dass vielleicht die Studios umgebaut würden. Die Quoten waren gut, die Serie lief mehr als 40 Jahre - wer denkt da an ein Ende.

Am Freitag kamen die Ufa-Leute ins Studio und sagten schnörkellos: Das ZDF stellt die "Soko München" ein. Zunächst sei fünf Minuten lang Totenstille gewesen, sagt Silberbauer. Schließlich hätten die Ersten geweint. Er, Silberbauer, wollte dann eine Begründung hören. "Laut ZDF wollte man neue Wege gehen und müsse lieb gewonnene Pfade verlassen", sagt er. "Das war alles, keine weiteren Erklärungen."

Silberbauer sagt das ruhig. Es ist überhaupt das Erste, was an ihm auffällt: seine Stimme. Sie ist so ruhig wie seine Art. Vielleicht war er früher mal aufbrausend, zumindest war es seine Soko-Figur Arthur Bauer. "Bauer musste zweimal zum Anti-Aggressionstraining", sagt Silberbauer. "Aber er hat sich vom Falken zum Pandabären entwickelt." Er lächelt. "Oder vom Grizzlybären zum Pandabären." Bauer spielte zuletzt Golf im Büro. Er war gütig und eine Art Elder Statesman der "Soko München".

Silberbauer hat nach dem schwarzen Freitag mit dem ZDF telefoniert. Er habe gesagt: "Eine Leiche wird in Würde beerdigt, und so soll es auch mit der ,Soko München' sein - wir wollen ihre Geschichte zu Ende erzählen; sie soll nicht bloß mit einer beliebigen letzten Folge einfach auslaufen." Drei Tage danach stand fest: Es würde noch einen 90-Minüter geben; zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr; an einem Freitag im Dezember 2020. Gedreht wird im Mai und Juni.

Silberbauer spricht dennoch im Imperfekt, wenn es um die Soko geht. "Es war eine tolle Truppe und es war eine tolle Zeit", sagt er, "wir haben uns gut verstanden, und es tut sehr weh." Aber er falle weich. Er habe die Soko zwölf Jahre gemacht, er sei jetzt 66, und irgendwann sei es Zeit, etwas Liebgewonnenes zu beenden.

Bianca Hein war schon ausgestiegen, bevor das Soko-Ende verkündet worden war; aber die anderen Ermittler hätten gerne weitergemacht: Joscha Kiefer, der jetzt nach Freiburg zieht, Christofer von Beau, der nach Berlin geht, und Mersiha Husagic, die erst seit Kurzem dabei war. Und dann gibt es noch die 40, 50 Leute drumherum. "Gott sei Dank haben die meisten schon wieder Jobs", sagt Silberbauer, "in München wird ja viel gedreht."

Und er, Gerd Silberbauer? "Ich bin Jubilario, das ist Spanisch und klingt besser als dieses schreckliche deutsche Wort Rentner." Übrigens, wie gut ist sein Spanisch? Er lacht. Bei ihm ist es ein stilles In-sich-hinein-Lachen. "Meine Frau spricht perfekt Spanisch", sagt er, "sie übernimmt das auf Mallorca und ich muss mich nicht anstrengen - ich bin ja manchmal eine faule Socke." Er könne das Essen bestellen und sich ein bisschen unterhalten.

"Ich werde schon noch arbeiten, aber weniger", sagt Silberbauer. Gerade sei er müde und wolle sich erholen; erst mal fit werden. "Ich gehe zur Schrothkur ins Allgäu." Silberbauer wird munterer, als er von der Kur erzählt. "Da darf man auch Wein trinken", sagt er und lächelt. "Das Essen ist auch toll ..." Ernsthaft? "Ja, Gemüse und Suppen. Da werden die Blutwerte schnell besser." Er lächelt wieder. "Viel darf man halt nicht essen."

Und vor der Kur geht er ins Stadion, zu Sechzig. Er liebt die Stimmung im Grünwalder Stadion. Und in Giesing. Silberbauer hat eine Dauerkarte. Er gehört zu jenen Männern, die aufblühen, wenn sie über Fußball reden. Sie sprechen dann schneller und emotionaler, und meistens klingt es kompetent. "Streich ist mein Lieblingstrainer", sagt er über den Coach des SC Freiburg; er halte aber auch viel vom Leipziger Nagelsmann. "Der reagiert innerhalb von Minuten auf Umstellungen des Gegners." Das heißt: Nagelsmann ist taktisch stark.

Und nach der Kur?

Es gebe Anfragen für neue Fernsehrollen, sagt Silberbauer. Und Anfang 2021 werde er auf Theatertournee gehen - mit "Extrawurst", einem zynischen Stück über die Jahreshauptversammlung eines Tennisvereins, die bei der Diskussion über die Anschaffung eines Grills aus den Fugen gerät. "Das ist erst die zweite Komödie, die ich spiele", sagt Silberbauer. Man sieht ihm an, dass er sich darauf freut. Er wird noch emotionaler. "Wir haben 65 Vorstellungen, es geht quer durch Deutschland und Österreich", sagt Silberbauer, "ich liebe das Tourneeleben: jeden Abend woanders, jede Vorstellung anders, jedes Publikum anders, das ist wie Rock 'n' Roll." Wie Mick Jagger? Forever young? Mit 66 Jahren fängt das Leben erst an.

Gerd Silberbauer, der in Eitelborn im Westerwald geboren ist, studierte zunächst Jura, er wollte Rechtsanwalt werden. Er brach das Studium ab, wechselte zu Germanistik und Theaterwissenschaften, beendete auch dieses Studium vorzeitig. Silberbauer ging dann, mit 25, auf die Schauspielschule Zerboni in München, spielte Theater und traf Schauspielerin Barbara Rudnik, mit der er bis zu ihrem frühen Tod befreundet war. 1985 bis 1990 gehörte Silberbauer zum Ensemble der Kammerspiele. "Zusammen mit Holtzmann, Schwarzkopf, Wessely, das war eine tolle Schmiede, da habe ich am meisten gelernt - nicht nur für die Bühne, auch für das Leben." Danach ging er auf Theatertourneen.

Silberbauer spricht ausführlich darüber. Er erklärt, was es für die Psyche bedeutete, Theater-Schauspieler zu sein. Das sei eine "Riesenanstrengung" und "sehr belastend". Wenn man die Hauptfigur in einem Theaterstück spiele und man versage, sei der ganze Abend im Eimer. Außerdem habe er sein Leben lang gebrochene Helden gespielt, etwa den Professor Unrat, der vernichtet wird, als er sich öffnet. "Das nimmt man abends mit ins Bett."

Silberbauer ist kein harter Hund, kein Cowboy. Er wirkt eher weich. Sein Selbstbewusstsein sei nicht riesig, sagt er offen, er habe es eben nicht. Und er sei ein introvertierter Mensch. Schauspieler seien oft zurückhaltende Menschen, die sich in ihrem Spiel auslebten.

Mitte der Neunzigerjahre wechselte Silberbauer zu Film und Fernsehen, drehte mehrere Serien und war sieben Jahre lang "Der Landarzt". 2007 wurde er dann gefragt, ob er Wilfried Klaus nachfolgen wolle, dem Chef der "Soko München".

© SZ vom 19.02.2020
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