Yuko Kuhns Roman „Onigiri“Deutsch-japanische Annäherungen

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Yuko Kuhn und Moderatorin Doris Dörrie bei der Buchpremiere im Literaturhaus München.
Yuko Kuhn und Moderatorin Doris Dörrie bei der Buchpremiere im Literaturhaus München. (Foto: Robert Haas)

Yuko Kuhn hat einen Roman über eine deutsch-japanische Familie zwischen den Welten geschrieben. In feinen Miniaturen erzählt „Onigiri“ auch die Geschichte einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung, belastet von Depression und Demenz.

Von Antje Weber, München

Onigiri sind kleine Dreiecke aus Reis, mit Fisch oder Gemüse gefüllt und mit schwarzen Algen ummantelt. Warum ausgerechnet dieser japanische Snack den Titel des Debütromans von Yuko Kuhn liefert? Es lässt sich anhand einer Szene erklären: Da wünscht sich die Ich-Erzählerin nach der Geburt ihres ersten Kindes sehnlichst ihr Lieblingsessen Onigiri von ihrer Mutter. Die bringt beim Besuch im Krankenhaus aber nur eine kleine Tüte Walnüsse mit: Sie sei zu matt gewesen, um Onigiri zu machen. Und damit ist schon viel gesagt über eine verflixt schwierige Mutter-Tochter-Beziehung im deutsch-japanischen Kontext.

Yuko Kuhn ist in München aufgewachsen, und man tut ihr nicht Unrecht, wenn man ihrem Roman „Onigiri“ (auf der zweiten Silbe zu betonen) eine gewisse autobiografische Nähe attestiert; sie habe sich darin „nicht so stark verhüllt“, bekannte die Autorin vor einigen Tagen bei der Buchpremiere im Literaturhaus. Ihre Ich-Erzählerin trägt wie die übrigen Figuren jedenfalls einen anderen Namen, und so ist es nun Aki, deren Kindheit und Jugend in München beleuchtet wird. Mit einer japanischen Mutter, die ihre beiden Kinder nach der Trennung vom deutschen Vater allein erzieht. Einer Mutter, die in der einst verheißungsvollen neuen Heimat nie wirklich ankommt und sich erst in eine Depression zurückzieht, dann in der Demenz verliert.

Yuko Kuhn erzählt davon in fein ausgemalten Miniaturen, die eine Frau und ihre Kinder zwischen den Welten immer sichtbarer werden lassen. Die Schilderungen eines komplizierten, mitunter auch von Rassismus-Erfahrungen grundierten Alltags in München kontrastieren dabei mit Beschreibungen von Ferien bei den wohlhabenden, aber wenig einfühlsamen deutschen Großeltern. Und noch stärker kontrastieren sie mit Eindrücken der japanischen Familie der Mutter: Die wohl letzte Reise nach Japan mit der dementen Mutter liefert eine Art Rahmen für die sich Szene für Szene fast unmerklich weiterentwickelnde Geschichte.

Das Dilemma der Tochter ist dabei nur schwer aufzulösen: „Meine Mutter macht es mir schwer, böse auf sie zu sein“, heißt es einmal im Roman. Gewohnt, sich bis zur Selbstverleugnung zurückzunehmen, mischt sich die Mutter nie ein in das Leben der Tochter. Sie tut einfach nichts – und doch schaffen es allein ihre Präsenz, ein bestimmter Tonfall oder Seufzer verlässlich, die Tochter Aki „in wenigen Sekunden rasend oder todtraurig zu machen“. Und bei ihr, aller aufblitzenden Aggression zum Trotz, stete Schuldgefühle auszulösen.

Als ein Grund für die Konflikte schält sich heraus, dass die Mutter kulturell anders geprägt ist, was für sie selbst, aber auch für ihre Umgebung latente, unausgesprochene Probleme birgt. Trifft die Mutter etwa Bekannte, sagt sie danach häufig, es sei schrecklich anstrengend gewesen, denn sie habe so lange zuhören müssen: „Die Deutschen redeten nur von sich.“ Wenn sie beim Besuch bei einer Frau Weber den ganzen Nachmittag friert, weil das Fenster offensteht, traut sie sich nichts zu sagen. Aber sie ist empört, und sie beendet Beziehungen zu solch rücksichtslosen, ahnungslosen Menschen schon mal per Postkarte.

Mit einem „Vertrag“ auf einer Speisekarte motivierte Doris Dörrie ihre frühere Mitarbeiterin Yuko Kuhn, ihren Roman endlich fertigzustellen.
Mit einem „Vertrag“ auf einer Speisekarte motivierte Doris Dörrie ihre frühere Mitarbeiterin Yuko Kuhn, ihren Roman endlich fertigzustellen. (Foto: Robert Haas)

Dass Yuko Kuhns zart melancholischer Roman dies detailreich nachzeichnet und auslotet, ist auch dem Antrieb einer mitunter strengen Mentorin zu verdanken: Die Schriftstellerin, Filmemacherin und langjährige Schreibvermittlerin Doris Dörrie, für die Kuhn einige Jahre lang als Assistentin an der HFF arbeitete, beschwor sie immer wieder, ihr Schreibprojekt nicht aufzugeben. Bei der von Dörrie moderierten Lesung im Literaturhaus hielten beide sogar einen Vertrag hoch, den Dörrie schließlich auf die Tageskarte eines Cafés gekritzelt hatte: „Yuko Kuhn verpflichtet sich, die Reisegeschichte ihrer Mutter zu schreiben“, lasen sie vor, „und Doris Dörrie verpflichtet sich, das Manuskript zu lesen“.

Beide haben ihren Vertrag erfüllt, ein renommierter Verlag hat sich auch gefunden, und das nächste halbe Jahr wird die studierte Kulturwirtschaftlerin und nunmehr freiberufliche Autorin Yuko Kuhn weitgehend auf Lesereise verbringen. Wenige Wochen nach Erscheinen ist auch bereits die zweite Auflage gedruckt worden –  eine Bestätigung mehr dafür, dass Yuko Kuhn ihren Wunsch, im Schreiben „die vielen getrennten Welten zusammenzuführen“, in der Realität stimmig umsetzen konnte.

Sie habe im Schreiben auch die Kränkungen der Mutter besser verstehen und loslassen können, sagt Kuhn. Ganz abgeschlossen ist das Thema für die 42-jährige Autorin mit den hellwachen Augen jedoch vermutlich nicht. Wie heißt es in einer Szene, in der Aki auf ihre Mutter wartet, die mal wieder an der Haustür der Tochter ohne Klopfen oder Rufen umgedreht ist, weil sie mit der modernen Klingel nicht zurechtkommt: „Ich warte doch auf sie, immer noch warte ich auf sie, ich werde immer auf sie warten, auf meine Mutter.“

Yuko Kuhn: Onigiri. Roman, Hanser Berlin, 208 Seiten, 23 Euro.

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