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Youtube-Grantler Harry G:"Is mir scheißwurst"

"Der Markus deckt Schwächen auf und ist trotzdem sympathisch." Und dennoch ist sein Publikum ein anderes. "Der 60-jährige CSU-Wähler aus Niederbayern würde sich von Markus nicht den Spiegel vorhalten lassen", sagt Pearce. Der 30-jährige Schickeria-Aspirant - egal ob aus Bayern oder aus Niedersachsen - dagegen schon. Stoll erzählt von einem Mann aus Hannover, der ihn beim Oktoberfest vor dem Käferzelt darum bat, ihm für ein Foto eine seiner eben erworbenen 2000-Euro-Champagner-Flaschen über den Kopf zu ziehen.

Obwohl Stoll inhaltlich mit Polt nicht ganz mithalten kann, hat er zweifelsohne einen noch direkteren Zugang zu seinem Publikum. Stoll lässt bewusst den Trachtenjanker und die Lederhose weg. Mit Jeans, Hemd und Hut hat er einen Charme entfaltet, mit dem er sich jene Sympathien einhandelt, die er braucht, um umso deftiger auszuteilen. "Er ist nicht verkleidet, sondern authentisch", sagt Simon Pearce, der selbst deutschlandweit mit Stand-up-Comedy unterwegs ist.

"Wir bilden einfach das ab, was schon da ist."

Tatsächlich scheinen die Menschentrauben nach Stolls Auftritten zu wachsen, je schonungsloser er von Immobilien-Hai Günther, Fluchtwagen-Alkoholiker Alfons und Wetgel-Banker Arno erzählt. "Im Bierzelt", sagt Pearce, "kann man mit Markus keine drei Sätze mehr wechseln, ohne dass jemand ein Foto mit ihm machen will."

Der Fruchtmixer übertönt die Tischgespräche im veganen Teehaus. Das mache ihn irgendwann noch verrückt, sagt Stoll. Sich zu ärgern, hilft bei der Suche nach Geschichten. Eigentlich sehe er nicht viele Gemeinsamkeiten mit Polt. Nur eine: "Wenn der Gerhard Polt vom Adi erzählt, dann ist das bei mir eben der Günther", sagt Stoll. "Wir bilden einfach das ab, was schon da ist."

"Leck mich am Arsch" zur Begrüßung

Um zu verstehen, was Markus Stolls Humor ausmacht und woher er ihn hat, reichen die losen Verbindungen zu Gerhard Polt freilich nicht aus. Man muss neben Günther und dem Isarpreiß vor allem die Geschichten über Stolls Vergangenheit und seine Familie kennen. Wenn Stoll von seinen Eltern erzählt, lacht er zuweilen, bis er feuchte Augen bekommt. Von Papa Stoll etwa, der bei Geburtstagen Ludwig-Thoma-Stücke performte. Und seiner Angewohnheit, Anrufe mit "Leck mich am Arsch" entgegen zu nehmen und dabei eine bierernste Miene aufzusetzen.

"Die andern am Tisch hat's z'rissen", sagt sein Sohn heute. Der Vater sei nicht mehr so richtig gesund, es sei schon ein paar Jahre her, seit er das letzte Mal der Gaudi wegen in einem kleinen Café eine Reservierung für 176 Personen verlangt hätte. Lediglich seine Mutter, die in grauen ice-bucket-Vorzeiten vom Fenster aus Wasserkübel über Markus' verdatterte Schulkameraden vergoss, habe bereits einen seiner Auftritte gesehen.

Münchner Tatsachen

Nur nicht verbiegen

Dort, in Regensburg, ging Markus Stoll "zur Schul", wie er sagt - wofür er aus dem Publikum bisweilen Korrekturvorschläge erhält. Dass Oberbayern "Schui" sagen, "is mir scheißwurst", sagt Stoll.

Wenn Stoll sich mit Lederhose und Trachtenhemd auf die Volks- und Waldfeste begibt, sagt Pearce, da komme es schon mal vor, dass er sich dann seine eigenen Sprüche anhören müsse. Etwa auf Waldfesten am Tegernsee, wo Stoll vorzugsweise eine hübsche dirndltragende Gesellschaft um sich und seinen Maßkrug schart. "Der Bayer ist Gelegenheitstrinker", davon ist Stoll überzeugt. "Bietet ihm sich die Gelegenheit - dann trinkt er." Nach München sei er aber auch wegen seines BWL-Studiums gekommen.

München also. Nach der Unizeit arbeitete Stoll bei einem Investment-Fonds, gründet anschließend mit einem Kumpel eine eigene Social-Media-Marketing-Firma. Schon damals, sagt Pearce, habe Stoll im Freundeskreis erste Videoclips gedreht und stets nach dem guten Witz gesucht. In der Arbeit, sagt Stoll, habe er jedoch nicht sagen dürfen, was er wollte. Der Hauptgrund, warum er sich im Herbst 2013 dazu entschließt, wie er sagt, "Urban Comedy" zu seinem Beruf zu machen. Und Stoll fängt da an, wo er sich privat mit am wohlsten fühlt: auf dem Oktoberfest.

Tülldirndl-Trägerinnen im Hippodrom

Über die Jahre hat er sich dafür das entsprechende Rüstzeug angeeignet. Bei der Notdurft ertappt, verhandelt er unter der Bavaria mit Polizisten über das Strafmaß. Er sammelt Eindrücke von Döner-speienden Australiern und Tülldirndl-Trägerinnen im Hippodrom, packt all das zwei Tage vor dem Wiesn-Start 2013 auf seinen ersten Clip - die Geburtsstunde des Harry G.

Womit er sich in seinem diesjähriger Wiesn-Kurzfilm beschäftigt, will er nicht verraten. Markus Stoll fährt mit der Hand über die Krempe seines Hipster-Huts. Eigentlich sei ein bayerischer Jagdhut nicht recht viel anders, sagt er. Man müsse nur die Krempe nach oben biegen. Ob die Geschichten von Harry G irgendwann zu Ende erzählt sind? "Ein Bayer hat immer was zu erzählen", sagt er jetzt. Und überhaupt, habe der Harry G einfach zu viel von Markus Stoll. "Manchmal", sagt er, "da setz' ich den Hut auch so auf der Straß' auf".