Wer kennt sie wohl nicht: Diese schwer zu verjagenden kritischen Stimmen, die einem ständig im Kopf herumschwirren, zuflüstern „Du bist nicht genug“ oder „Du gehörst hier nicht hin“. Umso bestechender die Idee, sie einmal mitsamt ihrer ganzen negativen Energie auf die Bühne und vors Mikro zu bitten. Choreografin Chris Hohenester machte genau dies zum Ausgangspunkt ihres Projekts „Creep“, für das sie Mitwirkende mit musikalischem Talent suchte. Warum, das erschließt sich sofort bei der Uraufführung von „Creep“ im Pathos Theater.
Sieben Bühnentalente des „Young Pathos Kollektiv“ zwischen 18 und 25 Jahren beweisen dort mit selbst getexteten und gesungenen Liedern ihr fabelhaftes musikalisches Potenzial. Dazu begleiten sie ihre Darbietungen auf der kleinen Holzstufenbühne selbst – am Klavier, an Gitarre und E-Gitarre, an der Geige. Mit Ausnahme des Nina Hagen-Songs „Naturträne“ und natürlich „Creep“ von Radiohead, der Hymne aller schüchternen Sonderlinge, hat Victoria Stellpflug, Absolventin der Folkwang-Universität, die Musik komponiert. Mit dabei sind erfreulicherweise auch Emil Schnabbe und Margarete Wohlgemut, die mit ihrer tollen Bühnenpräsenz bereits im vergangenen Jahr beim Abschlussprojekt des Imal-Musiktheaters zu erleben waren.
Jetzt gehören sie zu den Finalisten, die sich bei den Moderatoren Richard Eckert und Zhechang Yuan um den Titel „The greatest Creep of 2026“ bewerben, denn nachweislich sind sie alle „besonders weirde Persönlichkeiten“, wie Eckert euphorisiert ausruft. „Egal was du tust, du bist nie genug“, lautet hier die Devise. Nun, „ungenügend“ kann man sogar im Negativvergleich abschneiden.
Schön selbstironisch, mitunter zickig, in stilleren Momenten auch mit zarter Verletzlichkeit, bringen diese Außenseiter ihr Innenleben auf die Bühne. Kandidatin „Ultra allein“ ist sich sicher, genau diejenige zu sein, deren Tod erst entdeckt wird, weil Nachbarn der Verwesungsgeruch aus ihrer Wohnung in die Nase dringt. Andere frönen seltsamen Gelüsten wie „sich hässliche Bilder von mir selbst anzuschauen und mich dabei zu beschimpfen“. Oder leiden unter ihren „Spam-Gedanken“, wie „Nudeln nachkaufen und Haare waschen zu müssen“.
Emil Schnabbe in roten Boxershorts und ebensolchen Strumpfhosen erzählt, dass er schon beim Schulschwimmen nicht recht wusste, welche Umkleidekabine er aufsuchen sollte. „Also überlegte ich mir eine lange Liste von Ausreden, um nicht teilnehmen zu müssen. Obwohl ich Schwimmen eigentlich sehr mag.“ Die gern übersehene Sophia Fanelli berichtet von der Girlband, die fünf Freundinnen eines Tages formierten. „Vier reichen. Du bist das Publikum“, lautete das Verdikt der Anführerin. Von da an war sie „draußen“, hält sie sich für komplett unscheinbar. Prompt wurde sie übrigens auch bei der Vorstellungsrunde „vergessen“.

Übrig gebliebene, sozial nicht recht kompatible Charaktere sind sie alle. Sogar, wenn sie sich hinter Tiermasken verstecken. So wie die „Krabbe“, die in einem Sushi-Restaurant auf einem Fließband ihre Runden dreht und nie vom Teller genommen wird. Als dann doch ein Gast sich ihrer erbarmt und ein Stück von ihr abbeißt, legt er den Rest mit einem lauten „Igittigitt“ auf den Teller zurück.
Und doch. Ergreifen sie alle die Chance, in der Radiosendung um Punkt 17.38 Uhr „live on air“ zu gehen: „Du darfst nicht mitspielen – du schaust höchstens zu“ singt sich etwa Sophia Fanelli ihre Kränkung von der Seele. Emil Schnabbe wiederum glänzt mit einem berührenden Song „Sei stark, sonst bist du tot“, in dem er die Erwartungen an Männlichkeit konterkariert. „Wenn Männlichkeit so ist, dann bin ich kein Mann“ singt er. Ganz großes Kopfradio von Young Professionals, die in leiseren und lauteren Gesangssoli ebenso wie in Ensemble-Choreografien zeigen, wie man sich der Albträume im eigenen Kopf erwehren kann.
Creep, 15. bis 19. Juli, jeweils 21 Uhr, Pathos Theater

