Wer im Internet – nur mal so zum Spaß – nach Yoga-Positionen sucht, bekommt eine große Auswahl augenscheinlicher Knochenverknotungen, die nach einem sofortigen Orthopäden-Termin rufen. Natürlich kann man üben, sich auf den Unterarmen abzustützen, um gleichzeitig mit den Füßen rückwärts den Kopf zu berühren. Yoga kann Hochleistungssport sein, muss es aber nicht. Yoga geht auch im Sitzen ohne Verrenkungen, wie die Teilnehmerinnen an einem Vormittag im AWO-Seniorenzentrum Neuperlach eindrucksvoll zeigen.
Es ist Omy-Zeit. Hinter der Abkürzung versteckt sich mit Blick auf die Zielgruppe kein leicht verunglückter Sprachwitz, sondern die Liebeserklärung „Oh my Yoga“. Angesprochen sind Menschen, die 60 Lebensjahre überschritten haben, „denn für Yoga ist man nie zu alt“, sagt Cornelia Brammen. Die gelernte Journalistin ist Gründungsmitglied und Vorständin des Hamburger Vereins „Yoga hilft“, für den sie Kommunikation, Strategie und Fundraising verantwortet. Bei Letzterem kommt das Spendenhilfswerk der SZ-Leserinnen und -Leser „Gute Werke“ ins Spiel. Denn Brammen brachte Omy von der Hansestadt an den Alpenrand – und hier in die Münchner Alten- und Servicezentren, wo das Angebot dank „Gute Werke“-Spenden kostenfrei für Teilnehmende angeboten werden kann, die Grundsicherung beziehen.

Für die besondere Yogastunde im Beisein einer Reporterin und eines SZ-Fotografen ist Brammen selbst nach München gereist und nimmt – Ehrensache – natürlich an der Yogastunde von Trainerin Irmela Fürst teil. Fürst strahlt Ruhe und Gelassenheit aus und fragt die Frauen, die an diesem Tag gekommen sind, zunächst nach ihrem Befinden. Eine hatte eine schlechte Nacht. Eine andere möchte nicht vom Pressefotografen abgelichtet werden. Einer der Stammgäste und wenigen Männer in der Runde habe es trotz Abholservice diesmal nicht geschafft, ins Seniorenzentrum zu kommen.
Dann aber: Stühlerücken. Stehlampe an. Klaviermusik. „Bitte blendet das ganze außergewöhnliche Drumherum aus“, fordert Irmela Fürst ihre Damenrunde auf. Es geht viel ums Spüren, darum, den Körper zwischen allen größeren und kleineren Befindlichkeiten positiv wahrzunehmen. Zehenspitzen, Fußballen, Sitzbeinhöcker. Irmela Fürst arbeitet sich mit ruhigen Kommandos von unten nach oben und vom Sitzen ins Stehen. Bildhafte Beschreibungen machen es den Teilnehmerinnen leicht, Fürsts Anleitung zu folgen. „Schultern runter, Kopf nach oben, als würde er wie eine Marionette von der Decke hängen.“ Bewusstes Atmen klingt so: „Wir haben einen Ballon im Bauch, den wir aufblasen.“ Und die Hände mit nach oben gewandten Ellbogen zu einer Dehnübung auf die Schulter legen, das geht so: „Stell dir vor, du bist ein kleines Küken und streckst dich.“

„Mir hat’s heute sehr gut gefallen“, sagt eine Teilnehmerin am Ende. „Man wird immer freier“ freut sie sich über die gelockerte Muskulatur. Eine andere Frau zieht sich ihren Rollator heran und lobt, dass die Stunde schön gewesen sei. Wieder eine andere ist dankbar, dass sie überhaupt dabei sein kann. „Ich hatte einen Schlaganfall, seitdem funktioniert eine Seite nicht mehr richtig.“ Körperliche Einschränkungen spielen für Yoga aber keine Rolle. „Das ist das Wunderschöne, dass es kein Richtig oder Falsch gibt“, sagt Irmela Fürst, die die Ausbildung zum Omy-Kurs in einem gerontologischen Anzug absolviert hat, der altersbedingte Einschränkungen in der Beweglichkeit simuliert.
Renate Seibt, bei der Münchner Arbeiterwohlfahrt (Awo) als Referatsleiterin für die offene Seniorenbetreuung zuständig, lobt an Omy, dass es alten Menschen mit geringem Einkommen Teilhabe ermögliche. „Das ist ein Angebot mit Wohlfühleffekt für Menschen, die sich das sonst nicht leisten können.“
Cornelia Brammen und ihrem Verein ist es wichtig, Omy möglichst vielen Seniorinnen und Senioren zugutekommen zu lassen. „Wir bauen Strukturen auf, um die Gemeinschaft zu stärken“, erklärt sie die Philosophie dahinter. Yoga bedeute schließlich Verbindung. Von Körper und Atmung genauso wie zwischen Menschen. In München gebe es inzwischen über die ganze Stadt verteilt 14 Kurse, darunter im ASZ Sendling auch eine queere Gruppe. Partner sind mit der Awo außerdem das Bayerische Rote Kreuz (BRK) und die Caritas.
Die Zustimmung sei sehr hoch, berichtet Brammen aus den regelmäßigen Überprüfungen. 60 Prozent der Teilnehmenden spürten eine verbesserte Beweglichkeit, die Atmung werde freier, sagt sie und zitiert eine hochbetagte Teilnehmerin: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mit 87 Jahren noch einmal so eine positive Veränderung spüren werde.“
Interessierte können sich bei der Awo München zu Kursen informieren. Telefon 089/458 32 108 oder per E-Mail an referat-osb@awo-muenchen.de. Welche Alten- und Servicezentren Omy anbieten, steht online auch unter www.yogahilft.com.
In einer früheren Version des Artikels war als Ort des Kurses das Alten- und Servicezentrum Neuperlach genannt. Die richtige Bezeichnung des Kursortes lautet jedoch Awo-Seniorenzentrum Neuperlach.

